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»vct warf er ihn zu Boden, mit Hilfe eines Hirten, eines halben Idioten, der sich zu dem geplanten Ver­brechen hergab, fesselte er ihn hinterlistig, und hackte dem Gebundenen mit eigenen Händen das Haupt ab! . . .

Ohne das Blut von den Händen zu waschen, stellte er sich dem Gericht, und setzte den mit Feldkohlblättern bedeckten Korb vor den Koimnissarius auf den Tisch,

Auf die Frage des Kommissarius, was er brächte, antwortete er ohne zu stottern:

Coulouriotis Haupt."

Er verlangte, daß. die festgesetzte Belohnung rhm möglichst rasch ausgezahlt werde, und wollte zuerst mcht bekennen, daß er der Bruder war, bei Aufstellung des Protokolls mußte er jedoch seinen Namen nennen.

Tie Richter glaubten im ersten Allgenblick, daß sie es mit einem Verrückten zu thun hatten; sie konnten nicht an Brudermord wegen Geld glauben. Tiefer moderne Kain erschien ihnen als ein Ungeheuer, obgleich sie an den Anblick verschiedener Verbrecher gewöhnt waren.

Warum hast Du es gethan?" fragten sie ihn.

Weil 'ich viel Geld brauchte."

So hast Du aus Not Deinen eigenen Bruder er­schlagen."

Nein."

Warum denn sonst?"

Ich will heiraten". Er verlangte, daß man ihm die Belohnung in Gold auszahlte. Die Vorwürfe, und die Aeußerungen der Empörung von feiten der Richter beachtete er garnicht; sein verwilderter Geist schien die Greuel der That, die er begangen, garnicht zu begreifen. Tas eigentliche Motiv seines Verbrechens teilte er jedoch keinem mit; erst die weitere Untersuchung löste diese Auf- .gabe. Sucht nur das Weib! . . . . mein Herr, das ist gewöhnlich der Schlüssel zu unbegreiflichen Lebensgeheim­nissen in den Handlungen des Mannes; je verwickelter sie sind, desto tiefer muß man nach jener verborgenen Triebfeder suchen, die schließlich in Gestalt einer schwarz- oder blauäugigen Teufelin herausspringt, und endlich alles aufklärt.

Auch in diesem Fall spielte eine Frau mit, und erst hier beginnt die romantische Geschichte der Kriminalsache, die uns Pini mit allen Einzelheiten bei Tisch erzählt hatte.

Denken Sie sich, jener griechische Kain liebte ein Schenkmädchen, das nichts von ihm wissen mochte, und ihm immer wiederholte, daß es nicht lohnte einen solchen Habenichts, der nicht eine Drachme im Vermögen befaß, anzusehen.

Trotzdem reizte sie ihn mit wahrhaft korinthischer Koketterie, und machte sich über seine Liebesbeteuerungen lustig; sie nannte ihn ihrenPudel", der ihr die Hände leckt, und hinter der Schwelle sich an Knochen sättigt.

Einmal hatte sie ihm im Scherz gesagt, daß sie ihn heiraten würde, wenn er ihr ihr Tischchen mit Gold auslegen ließe. Der Junge nahm es ernst, und dachte von nun an nur daran, um irgend einen Preis solch einen Haufen Gold zu erlangen, damit er seiner An­gebeteten wenigstens den halben Ausschanktisch mit Frank­stücken auslegen lassen konnte.

Ta kam ihm der Gedanke, die für das Haupt des Bruders ausgesetzte Belohnung zu erlangen, und das ge­lang ihm leichter, als er selber hoffte.

Um der einen Leidenschaft willen, unterdrückte er alle tugendhafteren menschlichen Regungen in seinem Innern, sagte sich von Gott los, von Religion, Gewissen und Blutverwandtschaft, und trug diesen abgehauenen Kopf des Bruders im Korb wie eine Melone oder einen Kürbis zum Markt; es lag ihm nur daran, daß man ihm dafür die 3000 Drachmen in Gold möglichst rasch auszahlte! . . .

Das Recht befand sich in einer verlegenen Lage, doch wurde in der Bekanntmachung von der Belohnung kein Vorbehalt gemacht, man hatte die Möglichkeit nicht vor­ausgesehen, daß der Bruder oder ein Verwandter nach dieser Summe langen konnte. So wurde die durch Bruder­mord verdiente Summe dem jüngeren Coulouriotis aus­gezahlt, der mit dem Sack voll Geld zu seinem Schenk­mädchen eilte, um es mit dem gewonnenen Vermögen zu blenden.

Daß derPudel" plötzlich so reich geworden war, mußte in dem Mädchen Verdacht Hervorrufen.

Woher hast Du so viel Geld? hast Du es gestohlen?" fragte es ihn.

Nein; ich habe gemordet!" antwortete er ihr

r Dann bist Du ein ebensolcher Verbrecher, wie Tein Bruder, der auf den Wegen mordet,"

- Er wird es nicht mehr thun; denn er ist ge­köpft, und dies ist der Lohn für sein Haupt!" sagt er triumphierend, und glaubt, daß dieses Bekenntnis ihn mit dem Reiz des Heldenmutes in den Augen der Geliebten umgeben wird.

Hatte er doch ihretwegen den eigenen Bruder er­schlagen, und dem Lande einen Bürgerdienst für 3000 Drachmen in bar geleistet.

Mas sich nach diesem Geständnis zwischen ihm und dem Mädchen abspielte, ist leicht zu erraten; es jagte ihn von sich, verbot i^m ein für allemal, sich ihm zu nähern, nannte ihn ein Ungeheuer und verfluchte ihn. Ta erst mußte ihm der ganze Schrecken seiner Greuelthat zum Bewußtsein gekommen sein.

Er scharrte das Gold zusammen, bestieg den höchsten Berg, der sich in der Nähe seines Dorfes erhob, warf den Sack mit den Louisdors in den Abgrund, und sprang vom Felsen herab. Man fand ihn mit zerschelltem Kopf auf dem Boden der Schlucht, in welcher er in der Nacht zuvor den Bruder ermordet hatte.

Zerschmettert lag er auf dem umhergestreuten Gold, in einer Blutlache, von den Büschen uub Steinen, die er im Fallen herabriß, zerfetzt! beendigte Pini unter Grabesstille, die den Hotelsaal erfüllte, seine Erzählung; Selbst der dicke Rat aus Stuttgart hatte den Löffel auf den Tisch gelegt, und ergriffen zugehört.

Auf allen Gesichtern malte sich Entsetzen... Da erklang in dem allgemeinen Schweigen eine Frauenstimme mit dem Ausdruck des Mitleids:

,. Ach, der arme Junge! . . . kouute er nicht eine andere finden, da er so viel Geld hatte! . . ."

Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Das war die Stimme meiner Freundin von der Herzensseite, die Stimme von Fräulein Blanca de la Reinere, die Stimme meines Ideals! . . .

Ich erinnere mich nicht, daß mir irgend etwas im Leben, als solch eine Dissonanz, solch ein schneldelldesi Knirschen erschien; ich sah sie mit unverhohlenem i Staunen und bitterer Enttäuschung an, während sie als einzige in der ganzen Gesellschaft ihre Schildkrötensuppe so ruhia, als wäre sie ihre eigene Tante, ganz taub, und als" hätte sie von der ganzen Geschichte nichts gehört.

Sie erschien mir als häßliche, unbedeutende, gemeine Philisteriu, ohne Herz und zarte Empfindungen, die eine notwendige Grundlage der holden Weiblichkeit bilden, jener Weiblichkeit, die selbst den irdischen Teufelinnen Anmut verleiht. Ich fühlte, daß ich plötzlich in diesem Augenblick aufhörte, sie zu lieben, daß Liebe und Entzücken aus meinem SSerseit entwichen, daß ich beinahe Ekel und Widerwillen gegen dieses schöne Mädchen empfand, in dem ich während ganzer neun Tage eine edle Seele vermutete.

Ich hatte die Empfindung, als hätte ich eine taube Nuß zerbissen, und als fühle ich Moderstaub auf der

Ich weiß, was Sie mir sagen werden: daß es eine zu große Empfindlichkeit wäre, _ daß, man von e x n e m einzigen Eindruck über einen Menschen, besonders über eine Fran nicht urteilen darf, daß ich mich irren, und sie falsch beurteilen konnte. Das ist alles wahr, aber auch das ist Thatsache, daß man eine taube Nuß, die man zerlassen hat, voller Unbehagen uub Enttäuschung ausspeit.

Ich habe meine Liebe ebenso unter dem ersten Ein­druck ausgespieen, und verließ sogar Athen, ohne mich zu verabschieden. Zur Rechtfertigung dieser Eile lreß ich nur einige Worte auf einer Visitenkarte an Fränlem Blanca zurück...

Er machte eine ^cimmasse, als kehrte der Mißgefchmack nach Jahren wieder ,-nrück, und er hob das Glas zum Mund, um den Gaumen nach dertauben Nuß" zu benetzen.

Redaktion: E. Burkhardt. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.