115
ihrer etwas schwerhörigen Tonte reiste. Diese lächelte meistens, wodurch sie ihre Schwerhörigkeit verbergen und so thun wollte, als ob sie die ganze Unterhaltung bei Tisch verstände. Der Diplomat hörte niemals zu, er sprach sür alle mit dem Humor und der Ungebundenheit eines Wieners', der ein Schwätzer von Geburt ist.
Ich konnte mich mit Fräulein Bianca de la Reniere von der Suppe bis zum schwarzen Kaffee ganz zwanglos und ohne Furcht, daß uns jemand belauschte, unterhalten; trotz der vielen Zeugen blieben wir unbeobachtet, und das nutzten wir gewissenhaft aus.
Ich entwickelte meine Beredtsamkeit, sie — die Kunst, durch Blick und Lächeln zu antworten.
Sie wissen, daß die Frauen, die einem gern und gut sprechenden Mann zuzuhören verstehen, oft gefährlicher sind, als diejenigen, die selber sprechen.
Meine Herzensnachbarin verschluckte manchmal meine Worte und auch mich ein wenig mit ihren Augen; wenn sie lächelte, dann fielen mir Gabel und Messer beinahe aus den Händen. Da sagte ich mir, daß alle Leckerbissen der table d'hote der ganzen Welt in Anbetracht eines Kusses von solchen Lippen dasselbe sein müssen, wie eine rohe Kartoffel angesichts einer Ananas.
Ich hörte auf zu essen und erzählte ihr die süßesten Dinge, die ich zu ersinnen vermochte; das verdarb ihr den Appetit durchaus nicht. Höchstens stieß sie mit dem Löffel an ihre Zähne, die sie lachend zeigte, zwinkerte mit ihren Amglein, und machte eine Miene, wie ein Kätzchen, das man hinter den Ohren kraut.
Tann drehte sie ungläubig das Köpfchen und sagte nur: Tiens, tiens! (Halt ein!) . . .
Ich sah aber ,daß es ihr schmeckte; nach mehreren, ber gemeinsamer Tafel eingenommenen Mahlzeiten hatten wir gegenseitig an unseren Herzen geknabbert und begannen eine stets zunehmende Sympathie fiir einander zu fühlen, die sich nach einer Woche in Freundschaft, am achten Tage in sehr gefährliches Interesse und am neunten — in förmliche Liebe verwandelt hatte.
Die Neunen sind fatal! ... An diesem neunten Tage fand eben die Krisis statt, und Fräulein Reniöre wurde nicht meine Frau, sondern kehrte mit der Tante nach Marseille zurück. Vielleicht ist sie noch heute über die plötzliche und unerklärliche Veränderung in den Gefühlen ihres Verehrers verwundert, mit dem sie die Abende bei Mondschein auf der Akropolis verbrachte, Ausflüge nach Eleusis machte, bei Chopins Nocturnes träumte und nach den Klängen der Straußschen und Waldteufelschen Walzer tanzte, die ein Gesandtschaftsmitglied mit echt wienerischem Schneid spielte.
Wir haben miteinander eine neun Tage währende Dichtung verlebt oder wenn Sie wollen: eine Symphonie, die mit einer unerwarteten Dissonanz abschloß, der ich den prosaischen Namen „Die taube Nuß" geben möchte."
Meine reizende Französin sagte sich wahrscheinlich, daß Monsieur le Polonais, der mit ihr so schön über Liebe plauderte, und sie jeden Morgen und jeden Abend mit Blumen überschüttete, ein ganz gewöhnlicher Schwerenöter war, der den hübschen, jungen Mädchen, denen er auf seinen Weltreisen begegnete, den Kopf zu verdrehen liebte.
Heute ist mir dieser Ruf ganz gleichgiltig, ich kümmere mich nicht darum, wie man über mich in Marseille denkt, oder welche Erinnerung ich in Fräulein Blancas Herzen hinterlassen habe; die Französin hat vielleicht einen Seifensabrikanten oder einen Handelsbeflissenen geheiratet, und beglückt ihn auf ihre Weise.
Sie hat bestimmt die beiden einzigen polnischen Worte vergessen, die sie ziemlich gut aussprach, und deren Bedeutung ich ihr erst erklären wollte, wenn der geeignet« Augenblick gekommen wäre.
„Kocham pana" (ich liebe Sie) — wiederholte sie mir oft, wie ein kleiner Papagei, gedankenlos, ohne zu wissen, welch ernster Inhalt ttt diesen beiden Worten lag, und wozu sie eine Frau mit Herz verpflichteten.
Sie dachte vielleicht, es bedeute nicht mehr, als guten Dag oder guten Wend, und daß es nichts als ein Höflichkeitsausdruck wäre, den man jedem Vorübergehenden aus der Straße sagen konnte.
Die Menschen behaupten, das Herz habe eine Begabung, ändere Herzen zu erraten und unangenehme Irrtümer und Enttäuschungen zu vermeiden; es mag sein, doch besaß das meinige nicht diese Gabe, und beging deshalb oft Fehler
im Leben, indem es eine Haubenlerche für einen Schwan und einen Kolibri für einen Falken hielt.
Das sind zu grobe Fehler, nicht wahr? . . . Was wollen Sie, ich bin als Idealist zur Welt gekommen, das Leben hieß mich Rationalist sein, obgleich ich nicht die geringsten Anlagen dafür hatte.
Diese Zwieheit trieb auch bösen Spott mit mir und ließ mich eine der bittersten Enttäuschungen mit meinem neuntägigen Ideal in Athen erleben.
Ich war mit Fräulein Bianca und der Tante schon so vertraut, daß wir bereits eine gemeinschaftliche Fortsetzung der Reise in Griechenland planten; ich sollte den Damen als cavaliere servente Gesellschaft leisten und sie daun bis Marseille begleiten.
Ach, lieber Herr, ich wäre damals bereit gewesen, mit ihnen bis zum Nordpol zu fahren; — wohin vermögen den Menschen nicht ein schönes Augenpaar und ein frisches Mädchengesicht zu führen!
Vorläufig wollten wir nur nach dem Peloponnesos und nach Delphi, aber meine Damen fürchteten sich vor den Räubern, deren Banden damals in den Bergen umherzogen und wie wilde Raben den Touristen auflauerten; besonders war es eine, die unter der Führung eines furchtbar berühmten Räuberhauptmannes seit mehreren Jahren ungestraft hauste und die Gegend unsicher machte.
Man erzählte uns von diesem Coulouriotis eine ganze Legende. 3000 Drachmen wurden auf seinen Kopf ausgesetzt, man zog gegen ihn ans, stellte ihm Fallen, — alles vergeblich ! . . . Immer entschlüpfte er den ausgestreckten Armen der Gerechtigkeit, die tastend mit den Fingern stets dort ihn suchten, wo er nicht war. Tas gab ein sehr beredtes Bild von der Wachsamkeit der städtischen Behörden und der Ordnung im griechischen Stil ab.
Unser Freund, Graf Pini, brachte nns zum Frühstück täglich eine neue Anekdote dieser Art, und amüsierte die Gesellschaft mit der Erzählung von dem neuen Fiasko, das die Behörden der öffentlichen Sicherheit gemacht hatten.
Eines Tages schließlich — es war jener neunte meiner Symphonie — kam er bleich und erregt zum Mittag und warf uns an Stelle der Begrüßung in kurzen Worten die Nachricht entgegen:
„Meine Herrschaften . . . Coulouriotis ist erschlagen!
Coulouriotis? . . . erschlagen? ... wo? — wann? ist's möglich? . . . Tie Nachricht erregte Aufsehen bei Tisch.
* Es gab solche, die an ihrer Richtigkeit zweifelten, da sie den Grafen als Witzling kannten.
„Herr Graf wollen uns 2lppetit zu Mittag machen", meinte ein dicker Herr zu meiner Rechten, eilt Handelsrat aus Stuttgart, der für dreie aß, und gleich nach deri Suppe mehr transpirierte, als wir alle zusammen.
Ohne den Gesichtsausdruck zu ändern, verneinte Pini mit sehr ernster Miene:
„Aber Gott behüte! . . . im Gegenteil, ich würde Ihnen womöglich den Appetit verderben, Herr Rat, wenn ich alle Einzelheiten dieses Vorfalls erzählte. Entsetzlich! ... Schrecklich! — Ich sage Ihnen, daß ich unter dem Eindruck von etwas Unerhörtem stehe! Eine wahre Tragödie!"
Man begann sich um ihn zu drängen, zu fragen, näheres zu verlangen über die Nachricht, die nicht nur die ganze Gesellschaft im Salon, sondern die ganze Stadt in Bewegung setzte.
Ter Vorfall war in der That ein schrecklicher, einzig dastehend, und kaum glaublich.
Ich gestehe Ihnen, daß mich ein Schauer des Entsetzens und der Empörung ergriff, als Pini auf die Frage, wer den Räuberhauptmann erschlug, antwortete:
„Der leibliche Bruder! . . ."
Er that es nicht aus Wut, Rache, Neid, nicht in erregtem Zustand, sondern mit Ueberlegnng, mit kaltem Blut, einzig aus Gier nach der hohen Belohnung von 3000 Drachmen. ,
Coulouriotis stand mit seiner Familie in Verbindung; von Zeit zu Zeit besuchte er seinen alten Vater, zu dem er sich nachts heimlich hinstayl, und den er unterstützte; bei Tagesanbruch verschwand er gewöhnlich, und kehrte zu seiner Bande in den Bergen zurück.
Sein Bruder wartete eine solche Gelegenheit ab, und als der Bandit mit vollem Vertrauen sich unter, dem Familiendach verbarg, lockte er ihn in die Falle, mdem ct ihn zur Schlucht .in die Nähe des Dorfes hmausfuhrte;


