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leichterung, Zerstreuung. Sie willigte daher gern in ihres' Sohnes Vorschlag ein, und eines schönen Oktobertages brach die russische Gesellschaft, wie man sie im Hotel nannte, nach dem Lago Maggiore auf.
So sah Clarita ihn wieder, den wunderbar schönen, alpenumgrenzten See, an dessen herrlichem Gestade sie ihr kurzes Liebesglück genossen, ihr erstes tiefes Leid erfahren.
Ein milder Herbsttag war es, an dem Clarita von Palanza aus, wo Fran von Ornatoff Wohnung genommen, durch die herrliche Morgenfrische die Straße von Feriolo hinfuhr, Castagnella entgegen. Bei dem ersten Besuche an dem kleinen Grabe dort drinnen in den Bergen wünschte sie. allein zu sein. Zartfühlend hatte ihr kleiner Freund dies vorausgesehen, deshalb hatte er ihr Ermüdung vorgeschützt und gebeten, das nächste Mal erst ihr Begleiter sein zu dürfen. So fuhr Clarita einsam dem weltverlorenen Thale zu, wo die kleine Idylle ihr einst kurze Zeit eine Heimstätte gewesen. Andere Menschen, Fremde lebten jetzt dort, sonst sah das schmucke Häuschen ziemlich gerade so aus, wie vordem. Tie junge Frau betrachtete es wehmütig, von der stillen Landstraße aus, neben der, immer gleich stürmisch, die murmelnde Ansa zu Thal strömte, ehe sie langsam ihren Weg fortsetzte nach dem hochgelegenen Kirchlein mit dem friedlichen Gottesacker. Tort schlummerte ihv Kindt Wie der Gedanke sie bewegte! Sachte schritt sie die Reihen durch, wo die stillen Toten schliefen — da leuchtete ihr das Helle Kreuz mit dem tröstlichen Spruch: „Die menschliche Schwäche klagt, die unsterbliche Seele hofft!" freundlich bekannt entgegen, und dicht daneben winkte ihr der weiße Marmor mit den zwei Worten: Clarita, Dolores! Clarita kniete auf dem kleinen Grabhügel nieder, er zeigte sich ihr sorgfältig gepflegt, noch mit Blumen übersät. Es berührte die vereinsamte Frau wohlthuend, daß gute Menschen hier das Grab der kleinen Fremden nicht hatten verwildern lassen. Lange und innig betete sie an der friedlichen Stätte, ihr Geist trug sie aus der südlich üppigen Natur fort in die weite Ferne nach einem ein» samen, schneebedeckten Grabe in dem eisigen Sibirien
Inzwischen rückte der Tag vor. Die Ermüdung nach der mehrstündigen Tour machte sich allgemach bei Clarita geltend, und sie ging zum kleinen Wirtshaus, wo ihr Wagen eingestellt war. Der Padrone ertaunte sie nicht wieder, er war nur mit der üblichen Höflichkeit beflissen, der fremden Exzellenza alle Ehre zu erweisen. Das vornehme Mesen der schwarzen Dame imponierte ihm ungemein, und zügelte selbst in etwa, wenn auch nicht seine Neugierde, so doch seine Redseligkeit solch seltenem Gast gegenüber. Clarita war das Herz zu voll zum Sprechen. Wohl hätte sie gern manches gefragt, über einiges Erkundigungen eingezogen, vorläufig fühlte sie sich jedoch nicht fähig dazu. Ueberdies gedachte sie noch öfters zu kommen, heute blieb ihr ohnehin nicht all zu viel Zeit. Sie hatte noch eine hübsche Wegstrecke zurückzulegen, und der Nachmittag neigte seinem Ende zu. Sobald sie daher den frugalen Imbiß, wie die bescheidene Osteria ihn bieten konnte, eingenommen, gedachte sie der Heimkehr. Doch einmal noch zog es sie hinauf nach dem stillen Friedhof, und dem kleinen Grabe. Sie konnte nicht gehen, ohne nochmals dort Abschied genommen zu haben. Auf dem Wege dorthin begegneten ihr wie vor Zeiten die von Ceppo-Morello heimziehenden Kinder, die kleinen, munteren Goldträger; sie lachten und schwatzten wie ehedem, aber keines erkannte die fremde schwarz gekleidete Dame. Ebenso wenig thaten dies die heimwärts ziehenden Arbeiter, deren Tagewerk vollendet war. Wie manchesmal war sie diesen früher ■ bei ihrer Promenade nach der Totea-Brücke begegnet. Wehmütig erinnerte sie sich daran — y, damals hatte sie noch eine Hoffnung beseelt!
Clarita wandte sich rasch ab, und schritt auf kürzenden Seitenpfaden dem Friedhöfe zu, aber diesmal fand fie sich dort nicht allem. (Siner der Arbeiter war vor ihr oort eingetreten; sie bemerkte ihn schon von Ferne. Ter Mann ruhte am Fuße des Kreuzes mit der schönen Inschrift, oder kniete er neben dem Grabe der kleinen Dolores? Ja, dort war er beschäftigt, die Blumen zu pflegen. Wie sonderbar! Wer konnte es sein, vielleicht Nikolo, ihr einstiger Padrone? Nein, dazu schien der Mann zu alt. Sein Haar war schneeweiß — doch umgab es in merkwürdiger Fülle noch, den gesenkten Kopf. Jetzt
hob er denselben, und wandte ihn der inzwischen nahe Gekommenen entgegen. Diese sah ihm gerade ins Gesicht, nur einen Moment, und sie erkannte ihn. Ueberwältigt, lautlos streckte sie ihm die Hände entgegen, nnb brach zusammen. Aber schon fingen sie stützend zwei Arme auf, zärtlich und fest hielt der Arbeitsmann sie umschlungen; halb ohnmächtig lehnte sie ihren Kopf gegen seine Brust, während sie, trotz ihrer umschleierten Sinne, der geliebten Stimme lauschte, die ihr unter Thräueu zujauchzte: „Meine Teuere! Meine Clarita, meine süße Gattin! Endlich! endlich habe ich Dich wieder!"
„Tu lebst, Alexis! Jst's Wahrheit? ' Jst's Traum?" flüsterte die erschütterte Frau. Fester schlang sie dabei die Arme um seinen Nacken, und klammerte sich an ihn, als fürchte sie, er könne ihr wieder genommen werden. Alle ihre Glieder bebten. ®r geleitete sie sanft zu Dolores Grab, sachte ließ er sie auf dem Hügelrand nieder, und setzte sich neben sie. Von feinen schützenden Armen gehalten, den müden Kopf gegen des geliebten Gatten Schulter gelehnt, ruhte sie aus von all' ihrem Ringen. Sie hatte ihn gefunden! Sie waren wieder vereint. Vereint saßen sie in stiller Seligkeit auf dem Hügel, unter bessert grüner Decke ihr Kindlein schlummerte. Ob in jenem Momente wohl ein lichter Engel sie umschwebte? Ein lieblicher, kleiner Schutzengel, der oben am Throne Gottes nimmer anfgehört, für die Wiedervereinigung der Eltern zu beten!
(Fortsetzung folgt.)
Die taube Nutz.
Von M a r h a n G a w a l e I» t c j.
Aus dem Polnischen von Stefanie Golden ring.
(Nachdruck verboten.)
Kaniewski steckte eine neue Zigarre an, setzte sich int' Stuhl zurecht und fuhr fort:
„— Sie sagen, daß- die Liebe nicht wie eine Seifenblase! in einem Augenblick ausgeblasen werden kann? ... ich sage! Ihnen aber, daß es möglich ist — natürlich meine ich einefrische Liebe, die noch kerne Zeit hatte, tief ins Herz hinein-! zuwachsen und dauernd Wurzel darin zu schlagen."
„Wie Sie mich hier sehen, war ich neun Tage lang sterblich verliebt und sogar nahe daran, die große Dummheit zu begehen, und eine Ausländerin zu heiraten. Und dochj war ich in fünf Minuten gründlich von dieser Liebe geheilt.- Habe ich Ihnen das niemals erzählt? . . . niemals? . . < Dann hören Sie zu; denn es ist ein interessantes, psycho-, logisches Thema, das einem Novellisten nützlich sein kann^ — doch wollen wir vorher noch ein Glas Wein trinken,- damit meine Kehle nicht zu trocken werde. — —
Wir saßen in Lido, auf einer ins Meer hinausgerückten! Terrasse; ein prächtiger Frühlingstag leuchtete über uns,- zn unseren Füßen rauschten die Wellen, wie lazurblauej Seide, in dem nahen Kurfaal spielte das Orchester Mas- eagnis „Cavaleria", in den Gläsern perlte der Wein.
Kaniewski fuhr mit den mageren Fingern seiner weißen,- zarten Frauenhand durch seinen Bart, der an den Seiten bereits anfing, grau zu werden; die halbgeschlossenen Augen' mit dem Ausdruck eines schwärmerischen Künstlers auf das, Meer gerichtet, begann er seine Erzählung:
ES war in Athen; ich hatte eine Studienreise nach Griechenland gemacht, um in der Heimat der klassischen! Schönheit die steinernen Götter in der Nähe zu betrachten,- um sodann meine Götzen von Thon zu bilden; — meine! Bildhauerar'beiten, in denen ich nur Dilletant war, habe ich erst später aufgegeben. Damals glaubte ich noch an meirt Talent und träumte von Praxiteles Rühm!
Ich wohnte im Hotel „de la graube Bretagne"; den! ganzen Tag irrte ich in den Ruinen umher, verbrachte lange Stunden in Museen; des Abends ging ich in Gehrock und schwarzer Binde zur Wirtstafel, verzehrte Hummern mit dem Appetit eines Feinschmeckers, und beobachtete meine Tischnachbarn.
Der gütige Zufall gab mir eine bezaubernde Nachbarschaft zur Linken und ein außerordentlich angenehmes und interessantes Gegenüber.
In der Richtung des Herzens hatte ich eine entzückende Blondine mit einem schelmischen Stumpfnäschen — gegen-» über einen lustigen und unterhaltenden Gesellschafter, Mitglied der österreichischen Gesandtschaft, den Grafen Pini.
Die Blondine war eine Französin, eine Waise, die mit


