Ausgabe 
22.1.1902
 
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Mein Modell.

Bon Marja Dnlebiankck

(Nachdruck verboten.)

Eines Tages empfing ich einen Brief folgenden Inhalts:

Gnädigste! In kurzer Zeit komme ich nach Warschau, tun die Bitte, die ich im heutigen Brief ganz ergebenst vortrage, zu wiederholen, und näher zu besprechen. Ich bitte, nein ich flehe Sie an, haben Sie die Güte, mir auf Leinwand einen Engel (hier folgt Vor- und Zuname des Engels) zu verewiglichen, in dessen Augen ich un­aufhörlich schauen möchte. Keiner männlichen Hand kann ich dieses zarte Wesen, diese weiße Lilie anvertrauen, die der süßeste Traum meines Lebens ist, deshalb wende ich mich an Sie, Gnädigste. Ich bin sicher, daß Sie den ganzen Zauber dieser überirdischen Erscheinung empfinden werden; indem Sie meine Bitte erfüllen, ver­pflichten Sie mich nicht allein für das ganze Leben, sondern Sie verschaffen auch sich selber ein Vergnügen; denn es kann wohl für einen Künstler keinen höheren Genuß geben, als ein Ideal von Schönheit vor sich zu haben.

Empfangen Sie die Versicherung usw.

Witold R . .

Rechtsanwalt in Lublin,^ Der Name war mir gänzlich unbekannt.

Wer was lag daran?

Plötzlich einen Engel anstatt eines Modells' zu erhalten, ton ein Porträt gebeten zu werden, nach welchem man sich sehnt, wie nach einem Regentropfen in der Wüste: was sollte man sich besseres wünschen? Ich! wartete Nicht lange.

' Nach einigen Tagen erschien in meinem Atelier zwar noch nicht der Engel, aber sein Verkünder: ein kleines, hageres Männchen mit einer Brille auf den guten, grauen Ungen, und mit einer sehr leisen Stimme.

Ich bin Witold R.. ., Rechtsanwalt aus Lublin", flüsterte er,vor einigen Tagen hatte ich die Ehre, tot Sie wegen des Porträts zu schreiben .

Ach, das sind Siel Ich gestehe, daß ich Sie mit Ungeduld erwartet habe. Ich gratuliere Ihnen zu einer so schönen . . . Freundin,' wahrscheinlich! Ihre Braut?"

Er wurde ganz vot bei der Erwähnung der schönen Braut, und konnte vor Erregung lange kein Wort her- porbringen.Gnädigste", stammelte er verwirrt,ich kann 'Ihnen nicht sagen . . es ist etwas Ungewöhnliches. . . in der That . .. . Sie werden es sehen, sich Wer-, geugetr, es, ist ein Engel."

Und wieder verging ein verlegenes Schweigen, bevor ich an bestimmtere Fragen herantreten konnte: wo hielt sich dieser Engel auf? wo war jener Himmel, den er bewohnte, und wann würde er meine Schwelle betretet:?

Gnädigste, es ist eine sehr zarte Angelegenheit .. , Ich weiß nicht . ob Fräulein Märtha wird posieren wollen. . , ."

Wie, Sie haben sich dessen nicht versichert?"

Nein, meine Gnädige. Erstens ... ich . . . ich würde tzs uidjt wagen, sie um irgend etwas' zu bitten . . ."-

Was ist da zu thun?"

Wenn Sie vielleicht so freundlich wären, und von sich .aus v . .?"

Wer ich kenne doch Fräulein Martha nicht; ich denke, daß sie Ihnen als ihrem Bräutigam es wohl Nicht abschlagen ivürde, ein wenig Zeit für die Porträt- sitzungen zu opfern."

Nein, aber , . eigentlich! ja . . . Fräulein Martha ist noch gar nicht meine Brut. . ? ich! stehe gerade im Begriff, mich ihr zu erklären", fügte er mit ganz leiser, unhörbarer Stimme hinzu.

Das ist, eine nette Sache, dachte ich!; womöglich bittet er mich noch, ich soll ihr in seinem Namen die Liebeserklärung machen.

Und deshalb' möchte ich eben 7. ? ich will Ihnen alles ganz kurz offen bekennen . - daß es heimlich ge­schehe ... ich möchte sie überraschen . . . wem: sie mein Haus betritt, soll sie sehen, daß sie es seit langer Zert bewohnt."

Durch den Vorhang fiel ein Sonnenstrahl, und beleuchtete sein Gesicht, das so sorgenvoll und ratlos in seinem Verliebtsein, war, daß ich mit ihm Mitleid MM

Nun gut, ich kann es versuchen. Ich will Fräulein Martha darum bitten, vielleicht gelingt es mir, vielleicht schlägt sie es mir nicht ab. Wo aber kann ich sie sehen?"

Nach ziemlich langen Beratungen stellte es sich' heraus, daß wir gemeinschaftliche Bekannte hoben, bei denen auch Fräulein Martha verkehrte; es blieb also dabei, daß wir uns dort begegnen sollten.

Bald darauf erhielt ich eine Einladung von der Familie G. mit dem Postskriptum:Fräulein Martha wird auch dort sein". Schön, ich mache mich recht fein, und gehe hin.

Als ich in den hellerleuchteten Salon der Familie G. trat, wo bereits viele Gäste versammelt waren, und musiziert wurde, fühlte ich mich von einer ungewöhn­lichen Erscheinung getroffen, und blieb an der Thür stehen: an dem Flügel, der in die Mitte des Zimmers gerückt war, saß ein Jüngling mit zerzauster Mähne, und spielte. Hinter dem Klavier stand an der Wand ein junges Weib mit ohnmächtig herunterhängenden Armen, unbeweglich, bleich, wie eine in Marmor gehauene Statue, nicht wie eine lebendige Gestalt. Die Lichter am Klavier brannten nicht, nur die Wandlampe, die ziemlich hoch hing, warf Licht auf ihre Stirn, während sie aus die tiefliegenden Augen schwarze Schatten legte, sodaß diese geschlossen zu sein schienen-

Die schönsten Nymphen, die je gemalt wurden, haben keine so wundervolle, goldig matte, durchsichtige Gesichts­farbe, so purpurrot glühende Lippen, so tiefschwarzes, weich gewelltes Haar.

Sie stand da, und hörte mit so stillem, fast gleich- giltigem, und doch - so beredtem Ausdruck zu, dem Aus­druck einer beruhigten, jedoch unergründlichen Tiefe.

Als ich sie sah, vergaß ich) wozu ich gekommen war, vergaß Fräulein Martha, und ben ganzen Schwarm von Bekannten und Freunden . .. Als die Musik auf­hörte und die Wirtin mir entgegenkam, und schon von weitem fragte:Nun, haben Sie Ihr Modell schon ge­sehen?" da wußte ich im ersten Augenblick nicht, um was für ein Modell es sich handelte.

Ach so, Fräulein Martha, nein, ich hatte noch keine Zeit, sie zu suchen, da mich eine andere Erscheinung völlig gebannt hatte."

Und ich zeigte ihr jene Marmorstatue, die noch auf derselben Stelle stand, jetzt aber von einem Schwarm junger Leute umringt war.

Was für eine schöne Gestalt! Wer ist das?"

Das ist doch eben Fräulein Martha."

Tas ist Fräulein Martha?! Jst's möglich?'< Warum denn?"

Ach, wie bezaubeud! Bitte, machen Sie mich so schnell wie möglich mit ihr bekannt."

O, Herr Rechtsanwalt aus Lublin, ich habe Ihnen garnicht einen so feinen Geschmack zugetraut! Aber Sie sind wohl nicht gut angenommen; denn diese Sonnenblume wird doch nicht in Ihrem bescheidenen Gärtchen blühen.

Ich hatte sie so lange beobachtet, und es war mir nicht im geringsten eingefallen, daß es eben der gesuchte Engel sein konnte! Wer es ist ganz, natürlich, ich habe mir b en Engel, wenn auch nicht mit Flügeln, so boch mit einem Heiligenschein von hellen Zöpfen, mit blauen Augen, einem rosigen, süßlichen Gesichtchen, unb einem schmäch­tigen Körper vorgestellt. So habe ich mir ungefähr Herrn Witolds Ideal gedacht. Wer diese schöne, schwarze, dämo­nische Herodias, die zugleich mit der Majestät der Ruhe imponierte, hatte durchaus nichts Engelhaftes an sich.

Vielleicht hat sie gerade deswegen Herrn Witold bezaubert, der selber schmächtig und unansehnlich war.

Diese Betrachtungen unterbrach die Wirtin, die sich für die Porträt-Angelegenheit am meisten interessierte^ und mir Fräulein Martha soeben zuführte.

Die Begrüßung, Vorstellung, ein wenig Entzücken von der einen, ein süßes Lächeln von der andern Seite5 dieser Anfang ließ das beste hoffen.

Die begonnene Unterhaltung setzten wir im andern Zimmer fort, und schlossen dieselbe auf dem kleinen Sofa, unter einer Palme, folgendermaßen:

Sie fageu, mir also einige Sitzungen zu?"

"Recht bald?"

W ann Sie bestimmen."

Also morgen?"