kreis finden, wie bei der Gräfin Chilkow. Während Sie dort die Wintersaison in vollem Glanze sehen and Ihnen für den Sommer herrliche Reisen bevorstehen, finden Sie in dem Ornatoff'schen Hause nur einen engen, durch die Trauer noch ziemlich begrenzten Zirkel und im Sommer eine ertötende Langweile auf dem Lande in dem einsamen Orna-, toffsko. Man sagt zwar, Frau v. Ornatoff würde nimmer dorthin zurückkehren, sie habe einen Widerwillen, eine Furcht davor, seit —"
Die Fürstin unterbrach sich selbst, einen Moment pausierend.
„Nun — Sie müssen wissen, meine Liebe, dort soll sich, einem allgemeinen Gerüchte nach, vergangenes Jahr ein entsetzliches Familiendrama abgespielt haben, dem zufolge man in Ornatoffsko Gespenster sieht und das einsame Gut in der Steppe in Acht und Bann gethan hat. Indes, soviel man auch vergangene Saison eine zeitlang davon sprach, gegenwärtig ist es bereits ziemlich vergessen; denn erstens! erfuhr man zu wenig Gewisses und zweitens lebt man hier zu rasch, um sich lange mit leeren Vermutungen auszuhalten/ am wenigsten, wenn solch geschickte Hand, wie die der Orna-- toff, über das, was die Welt nicht erfahren soll, einen Schleier zu ziehen versteht. Freilich zu verdenken ist's ihr eigentlich nicht, wenn sie alles thut, um einen Flecken auf dem Namen zu verwischen oder unsichtbar zu machen, welchen ihr Söhnchen zu tragen und zu repräsentieren hat; denn, was sie selbst anbelangt, so dürfte sie geneigt sein, bald jenen Namen mit einem andern zu vertauschen unö, den Witwenschleier in der Gruft von Ornatoffsko zu versenken. Doch, Himmel! wohin verliere ich mich im Plaudern! Was liegt uns an Ornatoffsko! Sie werden es doch nimmer sehen —"
„Dennoch" — unterbrach aber hier rasch Clarita die Plauderin — „dennoch möchte ich bitten, mir in Ihrer interessanten Art mehr von dem erwähnten Familiendrama zu' erzählen, das begreiflicherweise meine Neugierde lebhaft geweckt, da man mir einmal die Ehre zudenkt, mich in jener Familie aufzunehmen."
Der Fürstin war diese Einwendung nicht unangenehm; sie liebte das Schwätzen viel zu sehr, um nicht gern die ausgeweckte Erinnerung zum Gegenstand einer längeren Unter-t Haltung zu machen.
„Ach! meine teure Fräulein de la Para — man spricht eigentlich nicht gern von jenen Dingen. Es ist eine eigen-, tümliche Geschichte mit den Ornatoffs. Sie müssen wissen, der alte Marschall hatte bereits aus erster Ehe zwei erwachsene Söhne, als er sich in zweiter mit der jungen Werg Sergewna Massowskoy vermählte, die wohl lieber ihren schönen Jguendfreund Nikolai Pawlowitsch Karin genommen hätte, wie den alten Ornatoff. Indes, ersterer zögerte mit einer entschiedenen Werbung zu lange; der alte Adelsmarschall kam ihm zuvor. Wera Sergewna, ein im Kloster Smolna auf Kronskosten erzogenes Fräulein war arm; Ornatoff legte ihr den ersehnten Reichtum zu Füßen, der sie denn auch wohl bestimmt haben wird, jene Werbung anzu-i nehmen.
Der Alte liebte sie leidenschaftlich, seine Söhne dagegen waren keineswegs über die junge Stiefmutter erbaute Beide waren schöne, lebhafte junge Männer; nur hatten sie von ihrer Mutter her zu heißes, polnisches Blut in den Adern.'
Dies, wie ersichtliche Zurückhaltung seiner zweiten Fran gegenüber, entsremdete Vater und Söhne immer mehr, so! daß letztere Rußland verließen. Alsdann hörte man von beiden sozusagen nichts mehr, bis nach Jahren des alten Adelsmarschalls Tod sie heimries. Der Jüngste soll indes! seinen Papacha gar nicht mehr unter den Lebenden gefunden haben und in heftiger Aufregung alsbald mit seinem Bruder in Streit geraten sein. Wie das Gerücht geht, sollen sie beide eine schöne Dame im Auslande geliebt und dieser-i halb sich entzweit haben. Gewiß ist, daß zwischen beiden ein heftiger Wortwechsel stattfand gerade des Abends, an dem man zu später Stunde Wladrmir Iwanowitsch in seinem Zimmer tot fand — einige behaupten: ermordet, andere sagen an einem Herzschlag jäh gestorben.
Welche Version die richtige ist, blieb unerklärt. Der schöne Wladimir, war tot, über seinen letzten Augenblicken aber schwebt ein geheimnisvolles! Dunkel. Ebenso über seines Bruders Geschick.
WrWuW folgt.)
später. Zunächst wie befinden Sie sich? Die kleine Abend- unterhaltung ist Ihnen doch wohl bekommen? Wissen Sie, Liebste, daß Sie mit Ihrem entzückenden Gesang gleich einen großen Erfolg errungen? Unferm guten General Bobrinsky haben Sie völlig den alten Kopf verdreht; hat sich's fest in denselben hineingesetzt: Sie müßten eine Prima-Donna werden, und um Sie durch mich dazu bestimmen zu lassen, hat er mir gestern eigens einen Besuch gemacht. Ist das nicht köstlich? Aber Scherz beiseite, er ist nicht ohne Sinn, der Vorschlag des guten Alten. Auch Magini und ich sind Ihres Erfolges auf der Bühne sicher, wenn sie ihre Ausbildung auf dem hiesigen Konservatorium vollenden wollten?"
Clarita schüttelte lächelnd den Kopf, das Einzige, was ihr bisher bei dem Wortreichtnm ihres eleganten Besuches zu thun möglich gewesen. Nun, da Frau v. Sarafin gezwungen war, Atem zu schöpfen, wies sie bescheiden, aber entschieden jenen Vorschlag ab.
„Mich verlangt nicht nach dem lauten, rauschenden Leben einer Sängerin" — sagte Clarita leise. „Ich wünsche nur, so lange meine Familienverhältnisse es gestatten, von einer gesicherten Stellung aus hier Land und Leute ein wenig zu studieren und im Austausch dafür mit meinem Talente anderen so viel zu nutzen, als ich es eben vermag."
Wohlan, meine Liebe, auch in dieser Hinsicht habe ich Anerbietungen für Sie — denn ich sagte Ihnen ja schon, der Eroberungen haben Sie gleich mehrere letzten Abend gemacht. — Gräfin Chilkow bietet Ihnen ein brillantes Engagement in ihrem Hause. Deren kleine Tochter in der Musik zu unterrichten und die etwas leidende Gräfin bei ihren zahlreichen Gesellschaften zu unterstützen, resp. für sie zu repräsentieren, das soll Ihre ganze Aufgabe bilden. Und ich darf Sie versichern, Mademoiselle, es wird eine angenehme sein. In dem Chilkow'schen Palais wird man Sie mit aller Rücksicht behandeln, und Sie werden dort mehr, als irgend sonst wo, das glänzende Petersburger Leben in vielseitiger Gestalt kennen lernen.
Die Gräfin macht ein großes Haus, sie bietet ihrem zahlreichen Bekanntenkreis außerordentliches trotz ihrer zarten, leicht erregten Nerven. Dieserhalb sucht sie eine geeignete Unterstützung. Solche zu leisten, sind Sie gerade wie geschaffen. Meine Freundin hat Sie bei mir gesehen Und war sofort entschlossen, Sie für ihr Haus zu gewinnen. Welche Anforderungen Sie stellen wollen, überläßt sie vollständig. Ihnen. Doch eines noch, meine Liebe. Ehe Sie mir antworten, muß ich, wenngleich Ihre Wahl kaum zweifelhaft sein kann, doch meinerseits einen Akt der Gerechtigkeit üben, um des Versprechens willen, das ich Nikolai Pawlowitsch Karin gab. Sie erinnern sich Herrn v. Karins, der Ihnen bei mir vorgestellt wurde? Nun, er hat von Ihrer Absicht, die Stelle einer Gesellschaftsdame anzunehmen, bei einer Frau v. Ornatoff gesprochen, sie daraufhin den Wunsch geäußert, Sie kennen zu lernen, um Sie eventuell als ihre Gesellschafterin zu gewinnen."
Clarita stockte förmlich der Atem. Frau v. Ornatoff! Hatte sie recht gehört? 5zatte die Fürstin wirklich den Namen genannt? Sie wollte fragen und konnte es nicht. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Ihr lebhafter Besuch gab ihrem Schweigen eine andere Deutung.
„Freilich" — fuhr sie eifrig fort — „nach dem Anerbieten Eudoxia Petrowna Chilkows zerfällt das der Ornatoff eigentlich von selbst; ich mußte nur seiner erwähnen, da! ich das versprach."
„Lebt Frau v. Ornatoff gleichfalls in Petersburg?" brachte Clarita jetzt endlich mit gewaltsam erzwungener Fassung hervor.
„Ja! Das heißt, sie will diesen Winter in der Hauptstadt verbringen. Erst vor zwei, drei Tagen ist sie aus dem Auslande zurückgekehrt, wo sie ihr Witwenjahr verbrachte. Sie verlor ihren Gatten vor etwa anderthalb Jahren auf ihrem Gut in der Steppe, wo sie die letzten Jahre lebte während ihr Haus hier verödet stand. Diese Saison wünscht sie Augenscheinlich dasselbe wieder der Gesellschaft zu öffnen, wenigstens in kleinem Maßstabe, worüber ich mich keines!- Wegs wundere.
Die Ornatoff ist noch jung, und wie ich sie aus ihrer Jugendzeit kenne, mag ihr die Landeinsamkeit an der Seite tineS alten, kränklichen Gemahls schwer genug geworden sein. So entzog sie sich derselben, sobald sie konnte, um im Auslande Zerstreuung zu suchen, was sie nun hier wohl fortzusetzen gedenkt, dennoch würden Sie bei ihr lange nicht das mannigfaltige! Leben, den interessanten Gesellschaft


