Nachdruck verboten.
Verschollen.
Original-Erzählung von M. Ludolff.
(Fortsetzung.)
Ihr herzlich natürliches Wesen ließ Clarita solch' Zutrauen fassen, daß sie eingedenk Stefanies Mahnung sich völlig geneigt fühlte, der sympathischen Frau offenherzig einen Einblick in ihr trauriges Geheimnis zu gewähren, nur zögerte sie damit, dies gleich in der ersten Stunde zu thun. Dazu mußte erst ein Moment kommen, wo das Vertrauen völlig zwanglos, und vor jeder unberufenen Störung sicher, sich Bahn brechen konnte. Zunächst beschränkte sie sich darauf, ihren Wunsch nach einer Stelle in angesehener russischer Familie auszusprechen, wobei sie allgemein bekannte Namen erwähnte und den der Orna- toffs wie zufällig einflocht. Wer diese Diplomatie half wenig; sie traf nicht die richtige Quelle. Die Baronin war noch zu kurz in Petersburg, um genauer über dortige Verhältnisse orientiert zu sein. Sie kannte wohl die meisten der erwähuren Familien doch nur durch gesellschaftliche Beziehungen, die keinen tieferen Einblick gewähren, und selbst bei diesen mochte der Name-Ornatoff ihr fremd geblieben sein; jedenfalls giirg sie völlig darüber hinweg, versprach dagegen, Claritas Wunsch so viel als möglich zu fördern. Dazu war offenbar ihr Wille der allerbeste, dennoch fühlte Clarita, wie ihre Aussicht, hier eine Auskunft oder nur einen Fingerzeig zu weiterem Forschen zu finden, sich immer mehr verflüchtigte; sie mußte sich einstweilen mit der gütigen Aufnahme begnügen, die ihr geworden.
Die hatte ihr wohlgethan, obgleich ihr ersehntes Ziel wieder in Dunkelheit rückte, gerade in dem Attgenblick, wo sie fast sicher auf einen Lichtschein gerechnet, der ihr die rechte Richtung zeigen werde.
Nun galt es aufs neue, sich zu fassen, mit Geduld zu waffnen, auf ein neues Vielleicht zu hoffen! Innerlich Nach jener Geduld strebend, mühte sie sich eben noch, den freundlichen Worten der Baronin zu lauschen, als dieser Die Fürstin Sarafin gemeldet wurde. Die Frau des Diplo- Maten lehnte diesen Besuch nicht ab, und während der Diener sich beeilte, dem Befehle zu entsprechen, wandte die Ba- romn fich lächelnd an Clarita: „Bitte verlassen Sie mich voch nicht, Fräulein von La-Para. Sie mögen nun gleich! eine der einflußreichsten Damen unseres geselligen Kreises rennen lernen, die zugleich sehr liebenswürdig sein kann."
Mittwoch den 22. Januar.
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1902. — Nr. 12.
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andern darf es mich nicht, daß manche die Hunde verleumden; Denn cS beschämt zu oft leider den Menschen der Hund.
Arthur,Schopenhauer.
Wie bereits bekannt, hatte Frau v. Triber nicht zu viel gesagt. Mit dem feinen, den russischen Damen eigenen Ton, den sie Fremden ae--'rüber zu üben wissen, schenkte die Fürstin der jungen Sünderin augenblickliches Interesse. Dereu eigentümliche Schönheit, ihr anmutiges vornehmes Mesen entzückte die leicht erregbare Frau so, daß sie eben nur von der Fremden musikalischem Talente — dessen die Baronitt diplomatisch zu erwähnen wußte — zu hören brauchte, um sofort völlig zwanglos, wie selbstverständlich, ihre neue Bekanntschaft für den folgenden Wend zu sich einzuladen. Die junge Baronin wurde dadurch wohl etlvas überrascht, Clarita aber erkannte sofort den sich darbietenden Vorteil. Sie nahm dankbar ihre freundliche Einladung au und versprach, mit Signora Magini, deren Kommen die Fürstin im Laufe des Gesprächs erwähnt hatte, zu erscheinen, mit welcher sie denn auch den fremden Gesellschaftskreis betrat, in dem wir sie bei der F. ,;in gesehen haben. So hatte binnen eines Zeitraumes von wenigen Tagen eine eigene Fügung, ein Spiel des Zufalls oder eine mächtige unsichtbare Hand Clarita in jene Bahn geleitet, die sie ihrem Geschicke entgegenführte.
X.
Eine Weltdame.
Ein rasches Wort, es ist gar leicht gesprochen Und hat so oft ein Menschenherz gebrochen!
An dem zweitfolgenden Tage nach der Abendgesellschaft bei der Fürstin befand Clarita sich allein in ihrem bescheidenen Gernach. Sie g.dachte der Menschen, die sie kennen gelernt, der Unterhaltung, an der sie teil genommen. Für sie, die an Einsamkeit Gewöhnte, würde das alles, jenes bunte, rasch strömende Leben, ihrer lebhaft angelegten Natur wegen, einen doppelten Reiz gehabt haben, hätte der eine, alles bei ihr beherrschende Fdeengang nicht ihr ganzes Sinnen erfüllt. Unsckl sag, was zunächst beginnen, verlor sie sich in alle möglichen Projekte, um alsbald eines nach dem anderen -zu vecioerfen.
Sie überhörte darüber die an dem Hausthor vorfahrende Equipage und schreckte erst auf durch den ungestiimen Eintritt der nein en Natascha, die atemlos berichtet: „Die Fürstin Sarafin wolle das gnädige Fräulein besuchen."
Es hatte seine volle Richtigkeit damit. Die Fürstin kam in höchst eigener Person, ihren jüngsten Schützling in ihrem bescheidenen Asyl zu besuchen. Sie folgte bereits der flüchtigen Polin auf dem Fuße. Clarita sprang hastig auf, um ihr entgegenzueilen. Der Fürstin flogen, getreu ihrer etwas enthusiastischen Weise, alsogleich die liebenswürdigen Begrüßungsworte über die Lippen:
„Ich mußte selber nach Ihnen sehen kommen, beste Mademoiselle de la Para; es verlangte mich zu wissen, ob Sie sich hier behaglich eingerichtet finden, und zlveitens habe ich Ihnen gute Nachrichten zu bringen, doch davon


