Ausgabe 
22.1.1902
 
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Meinetwegen morgen."

Fürwahr, ein Engel der reine Engel! Ein schwarzer zwar, aber offenbar gießt es auch solche. Ohne alle Redensarten, kurz und bündig: ja, und die Sache war erledigt. Diese, kurze, schnelle Erledigung aller irdischen Angelegenheiten war ein sehr wesentlicher Zug im Charakter des Fräulein Martha.

Sie kam täglich zu mir, blieb oft stundenlang, aber sie sprach meistens sehr wenig, sehr oft garnichts.

Sie Pflegte sich auf ihren Platz . zu setzen, immer gleich blaß, kalt, in Gedanken Verloren, und so wunderbar schön, daß ich mich ihr gegenübersetzte, und mit den Pinseln in der Hand, sie nur ansah, ivie man ein großes Kunstwerk betrachtet, und nicht ein lebendiges Wesen- Ich hatte einfach nicht den Mut, an die Arbeit zu gehen. Die Furcht, diese Schönheit zu beflecken, verhinderte mich, die Arbeit zu beginnen. Wenn auch nicht zum ersten Mal, so habe ich doch niemals so lebhaft bedauert, daß ich nicht ein Velasguez, Tizian oder wenigstens ein Sam- burger war. . .

Manchmal wieder- regte mich die Arbeit an, ich trat au dieselbe heran mit dem Grundsatz:Es geschehe, was da wolle", und ich vergaß dabei ihre Anwesenheit, auch daß ich kein Velasquez oder Tizian, und daß sie er­müden könnte.

Sie klagte weder, über Müdigkeit, noch verriet sie irgendioelche Ungeduld.

Einen sonderbaren, unbeschreiblichen Reiz hatten diese unsere Sitzungen. Das Eigentümliche bestand besonders darin, daß wir, wenn wir uns unterhielten, was doch ziemlich selten der Fall war, über Dinge sprachen, die sich nahestehende oder seit langer Zeit befreundete, mit den gegenseitigen Lebensschicksalen vertraute Personen sagen- Doch wußten wir nichts von einander. Niemals hatten !vir eine persönliche Frage berührt, sodaß ich nach längerer Bekanntschaft weder ihre Familienbeziehungen, noch ihre Verhältnisse oder ihre Jugend kannte, also nichts, was Wirklichkeit bedeutete- Ich wußte nicht ein­mal, womit sie sich beschäftigte, wenn sie nicht bei mir war. Es war mir nur bekannt, und zwar nicht durch sie, daß sie sehr schön Klavier spiele. Und außerdem wußte ich auch, daß Herr Witold R- nm ihre Hand an­halten wollte.

DaS war alles-

Herr Witold R- kam von Zeit zu Zeit, das Bild zu sehen. Jedesmal war er von neuem bei seiner Betrachtung gerührt.

Ja, ja, das sind diese Augen - . . ihre Augen" wiederholte er ganz träumerisch, als spräche er mit sich selber, und reiste wieder ab-

Eines Nachmittags, als das Porträt beinahe fertig war, erschien bei mir ein rothaariger Herr von äußerst uuangeuehmem Aeußeru, stellte sich vor, und bat mich um die Erlaubnis, das Porträt des Fräulein Martha sehen zu dürfen; als er sah, wie sehr mich seine Bitte in Erstaunen gesetzt hatte, fügte er hinzu:

Ich erlaube mir, Sie als ein um Fräulein Martha Werbender zu bitten."

Da habt ihr's! Ein zweiter Freier.

Wenn es so ist, dann bitte."

Ich fiihrte ihn in das Atelier, und zeigte ihm das Porträt.

Er betrachtete es unaufhörlich in der Nähe, von weitem - . .

Wieviel verlangen Sie für dieses Porträt?" Dieses Porträt ist nicht zu verkaufen." Wird es das Eigentum der gemalten Person sein?" Ich wiederhole Ihnen: es ist nicht zu verkaufen." Würden Sie mir nicht eine Kopie des Porträts machen?"

Auch das kanu ich Ihnen ohne die Bevollmächtigung der iuteressierten Personen nicht versprechen."

Und wenn diese damit einverstanden sind?"

Menn sie einverstanden sind, was ich jedoch kaum glaube, dann will ich Ihnen gern eine Kopie machen-"

Er ging fort-

Die in der Sache interessierten Personen waren: Herr Witold und Fräulein Martha. Meinen Vermutungen ent­gegen waren sie beide einverstanden. Herr Witold deshalb.

weil er ein so gutes Herz hatte, das nicht im stände war, irgend jemand etwas, zu verweigern, Fräulein Marthai aus Gleichgiltigkeit, die bis an die äußerste Grenze der Möglichkeit gerückt war- Als ich mit ihr über diese Kopie sprach, fragte sie nicht einmal wozu? für wen?

Sagen Sie. mir doch", riskierte ich schließlich sie zu fragen,heiraten Sie überhaupt, und wen heiraten Sie?"-

Jawohl, ich heirate . . . Wen? ... Ich habe einige Freier, wahrscheinlich werde ich denjenigen heiraten, der zuerst förmlich um mich anhalten wird"," fügte sie nach langer Pause ruhig, und bestimmt hinzu-

Ich sprang vom Stuhl auf.

Jst's möglich? Sie überlassen das dem Schicksal? . . . Ihre Zukunft, Ihr Glück?"

Man kann iveder die Zukunft noch das Glück erraten."1

Ja, aber wenn man mit dem Herzen wählt, so gießt man diesem Glück wenigstens einige Aussichten."

Ich liebe keinen von diesen Herren, kann also nicht mit dem Herzen wählen."

Warum heiraten Sie dann?"

Die Umstände meines Lebens fügen es so."

O Menschenherz, du rätselhafte Sphinx! O Leben, deine schönsten Blumen gelangen in die Hände des ersten Besten, der da des Weges kommt; du nährst die Tugend! anstatt mit Frühlingsreizen mit Bitterkeit!

Nachdem Fräulein Martha diese Erklärung gegeben' hatte, die ein bitteres Geheimnis barg, empfand ich! eine rasende Lust da ich zwei Kandidaten kannte Herrn Witold zu veraulassen, seine Werbung zu beschleuni­gen. Gleichzeitig aber fühlte ich, daß ich! zu einer solchen! That kein Recht hatte.

Möge das Los entscheiden!

Und das Los. entschied- Aber , weder so, wie Fräulein Martha vielleicht voraussah, noch so, wie ich! es wünschte.- Fräulein Martha hat sich zwar verheiratet, aber weder mit Herrn Witold, noch mit dem Herrn mit dem roten Bart; sie heiratete einen dritten. Ob sie ihn aus! Liebe geheiratet hat, oder weil er der erste war, der sich; ihr erklärt hat, das weiß ich nicht-

In gewisser Hinsicht ist der Gerechtigkeit genug geschehen: Der eine der Kandidaten erhielt das Porträts der zweite die Kopie, und der dritte das Originals

Vklhagen & Klastngs Monatshefte.

Das Januar-Heft 1902 von Velhagen & Klasingsi Monatsheften bringt unter der Rubrik:Vom Schreib­tisch und aus dem Atelier" sehr interessante Erinnerungen, des Generals der Infanterie Freiherrn Colmar von der Goltz aus den für die Türkei so bedeutungsvollen Tagen, in denen Mefer ausgezeichnete Offizier als Goltz- Pascha im Dienste des Snltans stand. Der Aufsatz heißt: Verlorene Gelegenheiten" und handelt von dem. Handpreich in Philippopel (1885), durch den die Türkei die Provinz Oftrumelien an Bulgarien verlor. Unter den illu­strierten Aiifsätzen des Heftes sei in erster Reihe der Artikel: Künstlerfeste" von G. von Lieres und Wilkau geiiannt. Er berichtet in Wort und Bild von den interessan­testen Künstlerkesten. die im Laufe der letzten Jahrzehnte von den Künstlern unserer Kunststädte als solchen oder von einzelnen Künstlern gegeben wurden. Ein zweiter Aufsatz von Dr. G. Poelchau ist demS ch l i t t s ch u h l a n f" gewidmet. Mit großem Interesse wird man auch von dem Artikel von Carl von Vincenti:Die Hofbnrg in Sten' Kenntnis nehmen. DieI llu str i e r t e Rundschau" enthält wieder viel Kunstgewerbliches. Aus dem sonstigen Inhalt des Heftes sei noch auf:Gustav Stoßt'opf und das Elsässische Theater" hin- getoiefen. _____________

Kreuzcharade.

(Nachdruck verboten.) 12 bezeichnet mancherlei,

*) 3 4 trägt grüne Blätter,

3 1 für Mädchen ein 1 2, 3. 2 3 ein Teil der Erde,

A 4 1 fließt in Sibirien,

4 3 sei nie dein Beutel. (Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung der Charade in vor. Nr.r Fallschirm.

Redaktion: E. Burkhardt. Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.