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stellen zu gelangen, müsse Armin durchaus Korpsstudent gewesen sein. Nur das Korps, Offizierkorps oder Studenten­korps, sei die rechte Bildungsstätte für den Kavalier.

Vorläufig bildete sich Armin nun zum Kavalier, aber durchaus noch nicht für höhere Staatsstellen aus. Tas Korps- und das Familienleben ließen ihm keine Zeit für das letztere.

Die Frühschoppen, die Abendkommerse, die Fecht- stunden, die Bierreisen in umliegenden Ortschaften schränkten die Zeit, die er dem Minnedienst von Lillian widmen mußte, bereits so sehr ein, daß der Kollegien- besuch und das Studium zur Unmöglichkeit wurden. Und seine Korpsbrüder gaben ihm ja das beste Beispiel, daß nrsrr nicht zum Kollegiendesuch die Universität bezieht.

Sie legten allem, was sich auf das Korps bezog, eine sulche Wichtigkeit bei, als habe das Korps selbst eine wesi- dewegende Bedeutung. Dem Korps mit Leib uitb Seele zu dienen, war Ehrensache, alles andere Nebensache. Dieser Ehrbegriff fiel bei Armin auf wohlvorbereiteten, gedeih­lichen Boden. Er hielt bald Biertrinken, Pauken und eine in jeder Beziehung würdige Vertretung des forschen, schnei­digen Korpsstudenten für unendlich viel wichtiger als die Vorbereitung für einen ernsten Lebensberuf.

Und die ganze Familie, Vater, Mutter und Schwestern, wa^ stolz auf den flotten Fuchs, daß sie ihm in diesen Thorheiten nur Vorschub leisteten .

i : Zehntes Kapitel. - i

Ain folgenden Tage, nach der Begegnung mit Traute auf teilt Eise, reiste Paul Lehmigke nach Brantikow.

Wichtige Geschäfte hatten ihn bisher in Leipzig ge­fesselt, und es war seine Wsicht gewesen, die Neubauten und Wirtschaftsreform auf dem Gut erst gegen Ende des Winters vorzunehmen. Aber er änderte plötzlich seinen Entschluß, er­klärte seinem Vater, daß seine Anwesenheit in Brantikow durchaus notwendig sei, und daß er nur im Fall der dringendsten Notwendigkeit nach Leipzig kommen werde.

An einem trüben Nachmittag kam er auf der letzten ..Matwu Vvr Brantikow, Scherenbcrg, an. Das Gut lag noch eine Meile entfernt, und der Weg führte durch eine Kiefernheide. Ter Schnee fing an, in dichten Flocken von dem sackgrauen Himmel zu rieseln, sodaß die Dunkel­heit früh hereinbrach. Paul Lehmigke wollte einen Schlitten Mieten, es war jedoch auf der kleinen, einsamen Bahn­station nur ein einziges, brauchbares Fuhrwerk zu haben, und der Kutscher, unwillig, den Weg bei dem schlechtenWetter zu machen, forderte einen ungebührlich hohen Preis für die Fahrt.

Ihr denkt wohl, ich habe mein Geld auf der Straße gestohlen", sagte Lehmigke, nahm seine Reisetasche auf den Rücken, übergab seinen Koffer dem Bahnhofsinspcktor und trat den Weg zu Fuß an.

Er war nicht der Mann, sich Übervorteilen zu lassen, und er wäre einen weiteren und schwierigeren Weg gegangen, ehe er sich um fünf Mark hätte beschwindeln lassen. Es wurde Nacht in der Heide, er Zank zuweilen bis an die Kniee in Schneewehen und konnte bei dem starken Flockenfall kaum die Hand vor Augen sehen, aber er fand seinen Weg Und gelaugte nach zwei Sttrirden mühseligen Wanderns glücklich an fein Ziel.

Statt in das Wohnhaus ging er in Brantikow direkt auf den Hof in die Pferdeställe.

Es war um die Zeit des abendlichen Pserdesütterns. Er fand bte Pferde nur zum Teil ordentlich besorgt und entdeckte sofort Nachlässigkeiten, die sich nicht gehörten.

Wo ist der Herr Inspektor?" Er hatte vorläufig Herrin Veltens Inspektor behalten. '

Der alte, lahme Binder, der eine Art Mädchen für alles auf dem Hofe zu sein schien, und, gänz allein tut Pferde stall anwesend, die Arbeit der Knechte verrichtete, wußte nicht recht Auskunft zu geben . Vielleicht wollte er auch nicht. Lehmigke ging nach, dem Kuhstall. Es war die Stunde des abendlichen Melkens und Kuhsütterns, aber die lvaren nicht vollzählig anwesend- die jüngeren fehlten, nur einige alte Frauen verrichteten die Arbeit.

Wo ist die Wirtschafterin?" fragte Lehmigke wieder. Und erhielt dieselbe ungenügende Antwort. Er ging weiter, inspizierte den ganzen Hof, sah überall mit scharfem Auge jede Nachlässigke t und jeden Fehler und begab sich, endlich Nach dem Wohnhaus.

Tort erhielt er die Antwort auf seine Fragen. Der

große, geräumige Vorflur lvar erleuchtet, und fröhlicher Lärm scholl ihm entgegen.

Ein Leierkasteumann spielte zum Tanz auf, und alles drehte sich lustig im Kreise, der Inspektor und die Wirt- schastsmamscll an der Spitze, der Kutscher, Gärtner, der Hofmeister, die Knechte und Mägde.

Es war, als hätte der Blitz eingeschlagen, als der neue Gutsherr, den man fern in Leipzig wähnte, plötzlich mitten unter der Tanzgescilschaft stand.

sind wie sah er aus' Wie ein Vagabund so naß und schmutzig, mau erkannte ihn kaum.

.Was hat das zu bedeuten?" fragte er ruhig, aber mit einer drohenden Wolke auf der Stirn, den Inspektor, der thn in unbeschreiblicher Verwirrung begrüßte.

O - gnädiger Herr"

Nennen Sie mich nicht gnädiger Herr, nennen Sie mich, tote ich heiße, Herr Lehmigke."

O, Herr Lehmigke werden entschuldigen die Mamsell feiert heute ihre ihre Verlobung mit mir."

Ich werde Sie nicht hindern, Ihre Verlobung zu feiern, aber wo anders, als in meinem Hause, und zu einer anderen Zeit, als an einem von mir bezahlten Ar­beitstage. Sie sind beide entlassen. Sie werden mir noch heute abend die Rechuungsbücher vorlegen und morgen früh den Hof verlassen. Ebenso Mamsell, die mir noch heute abend die Schlüssel und die Vorräte geben wird. Auch Sie sind entlassen", wandte er sich au den Hofmeister und Gärtner,die übrigen gehen sofort an ihre Arbeit., Machen Sie, daß Sie fortkommen", rief er dem Leiermann zu, der schleunigst sein Instrument zusammenpackte.

Wie vom Sturm zerstoben war bald die ganze Gesell­schaft, und nur von fern hörte man das Schluchzen und Wehklagen von Mamsell und den Frauen der Ent­lassenen.

Paul Lehmigke aber ging in seinen nassen Kleidern auf den Hof zurück und verließ denselben nicht eher, als bis alles Vieh gefüttert, und jedes Schloß der Wirtschaftsräume verriegelt war. Tann erst dachte er daran, sich umzu­kleiden und sich eine Mahlzeit vorsetzen zu lassen .

Es war öde, kalt und unwohnlich in dem einzigen dürftig eingerichteten Gemach des Hauses, aber was kümmerte ihn das? Er hatte hier Wichtigeres zu thun, als an Komfort zu denken.

Kaum .hatte er sein frugales Mahl beendet, als Mamsell und der Inspektor vereint vor ihm erschienen, um mit Bitten und Thräncn Verzeihung zu erflehen; sie fandeit ihn hart wie einen Kieselstein. Es war sein Grundsatz, nie einem Beamten eine Untreue zu verzeihen, und in seinen Grundsätzen blieb er unerschütterlich

Bis tief in die Nacht hinein arbeitete er mit dem Inspektor über den Rechuungsbüchssrn, sodaß dem letz­teren, trotz der kalten Stube, der Helle Schweiß auf der Stirn stand; denn es war keine Kartoffel und kein Stroh­halm auf dem Gute, von denen er nicht Rechenschaft ab­legen mußte, und Lehmigke ließ keine Ungenauigkeit durch­gehen.

Ebenso scharf ging er mit Mamsell in das Gericht. Er stieg mit ihr von dem Keller bis auf den obersten Haus^ boden, und es zeigte sich, daß er bei der Uebernahme des! Gutes jedes Stück Geschirr, jede Wurst und jeden Kochs-i löffel aufgeschrieben hatte. Wo die Liste nicht stimmte, wur­den der Wirtschafterin ohne Erbarmen Abzüge am Lohn gemacht.

Ich habe Sie gut bezahlt", sagte er der Weinenden kurz und bündig,aber nicht, dainit sie mein Interesse ver­nachlässigen."

Ms er sich lange nach Mitternacht "endlich zur Ruhe legte, hatte er dem Inspektor und der Wirtschafterin sämt­liche Schlüssel abgenommen. Er mußte darum in Tages­grauen aufstehen; denn er war jetzt sein eigener Inspektor, sein eigener Hofmeister, Gärtner/ und seine eigene Haus­hälterin. Die Entlassenen hatten ihre Hoffnung darauf gesetzt, daß er sie begnadigen müsse, weil er doch unmög­lich diese Dienste selbst versehen konnte. Und woher, mitten im Quartal, so schnell Ersatz finden?

Aber sie kannten Paul Lehmigke nicht. Zum maßlosen Erstaunen des Küchenpersonals war er am folgcndenMorgen der erste in der Küche, und gab das Mehl aus der Kiste- für die Leuteköchin zur Morgensuppe, selbst her. Er genierte sich gar nicht, sich dazu von der Magd eine Küchen-! schürze umbinden zu lassen, und als die Mädchen kichern