Samstag den 21. Ium.

Nr. 91.

1902.

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»er liebend sich an's Nächste hält Und will nnr das gewinnen, Umfaßt Larin die ganze Welt, Und Gott ist mitten drinnen. Fr. Rückert.

(Nachdruck verboten.)

Manneswert.

Roman von Marie Stahl.

(Fortsetzung.)

Sier perhängnisvolle Morgen kam, Frau Velten stand Mit einer Migräne auf, weil ihr Mann sie die ganze Nacht Nicht schlafen lieh.

Er selbst hatte sich ruhelos ächzend auf seinem Lager Herumgewälzt, um Mitternacht glaubte er die Symptome eines ausbrechenden Nervenfiebers zu spüren, und ver- etzte dadurch seine Frau in namenlose Bestürzung. Sie 'tnnti auf, und nachdem sie in drei homöopathischen Leit- aden ungefähr sechsünddreißig verschiedene Mittel gegen Nervenfieber und mehr als hundert Symptome gefunden hatte, erWrte Herr Belten mit großer Bestimmtheit, jetzt 'wisse er es ganz genau, es sei kein Nervenfieber bei ihm im Anzuge, sondern die Herzbeutelwassersucht, an der auch sein Vater gestorben sei."

Gegen Herzbeutelwassersucht ließ sich nun in aller Eile nichts thUn, und mau mußte sorgenvoll das weitere abwarten.

Gegen zwei Uhr sprang Herr Velten aus dem Bette Md behauptete, es sei ihm etwas eingefallen .

Noch eine andere Krankheit?" fragte Frau Belten ängstlich, die eben im Einschlummern gewesen war.

Nein, ein Beweis."

Was willst Du beim?"

Ich muß eine Notiz in die Beweisaufnahme nmchen. Wo ist nur meine Brille?"

Dort auf dem Tisch."

Herr Belten krabbelte mit den Händen tastend äuf dem ganzen Tisch herum, Frau Velten wurde nervös, denn er brachte alle Gegenstände durcheinander, und sie konnte es nicht vertragen, wenn ihr Strickzeug und ihre Bibel Nicht genau auf dem rechten Fleck lagen.

Endlich stieß er ein Glas Wasser um, warf die ge­suchte Brille auf den Boden, sodaß ein. Glas herausfiel, auf das er trat, als er es wiederfinden wollte. Mit einem Fluch kroch er in sein Bett zurück, und dumpf aus den Kissen Heraus hörte Frau Velten murmeln:

Rückwärts, rückwärts, stolzer Cid!"

Von drei Uhr an stand er jede Stunde äus, um nach der Uhr stimd nach! dem Wetter zu sehen, und um sechs

Uhr in der Frühe mußte feine Frau die ganze Angelegene heit des Prozesses noch einmal mit ihm durchsprechen.

Als es nun endlich soweit war, daß er in Begleitung seines Sohnes den Weg nach dem Gericht antreten sollte, nachdem er seiner Frau tröstlich versichert, er fühle zwar eine schwere Krankheit in den Gliedern, werde sich aber männlich beherrschen bis zum Ende des Termins be­merkte er im letzten Augenblick, wie gewöhnlich in solchen Fällen, daß ihm das wichtigste Papier fehle. Und wie ge­wöhnlich behauptete er, daß er es ganz bestimmt seiner Frau zur Aufbewahrung gegeben hätte.

Nun begann die übliche wilde, verzweifelte Jagd des Suchens, an der die ganze Familie und die Dienstboten teilnehmen mußten. Als das Papier sich endlich auf seinem Schreibtisch unter Zeitungen fand, konnten er und Armin nur noch in rasender Eile in die nächste Droschke stürzen, um den Termin nicht zu versäumen.

Ich bin kochgar, eine tätliche Erkältung ist mir gewiße war sein letztes Wort.

Frau Velten sank erschöpft in einen Stuhl. Trotz der Migräne mußte sie den Vormittag mit Aufräumen zu­bringen, denn alle Schubfächer in der ganzen Wohnung waren herausgerissen und ausgeleert, selbst Teppiche und Tischdecken waren ausgenommen.

In der Mittagsstunde kam Herr Belten zurück. Der Termin hatte nicht lange gedauert, denn es war zu einem Ausgleich gekommen. Der Rechtsanwalt hatte Herrn Velten geraten, einen Ausgleich zu suchen, da die Sache für ihn gänzlich »aussichtslos sei, und der Klägerin 60 Mark Entschädigung zu bieten. Wenn er verurteilt würde, würde es ihn bedeutend mehr kosten. Und Herr Velten hatte die sechzig Mark gezahlt. Er war merkwürdig ruhig und ge­tröstet darüber, und erzählte mit großer Befriedigung, tote nett der Assessor vom Gericht gegen ihn gewesen sei. Solche Leute wüßten doch noch wen sie vor sich haben. Er habe sich noch eingehend mit ihm unterhalten, und ihm gesagt, zum Leipziger Hausbesitzer passe er ganz und gar nicht, schon sein Aeußeres, das Aussehen des preußischen Landjunkers, hetze die ganze sozialdemokratische Bande der Mieter gegen ihn auf, er solle doch rechtzeitig sehen, seine Häuser wieder los zu werden. , ,

Nach dem Termin hatte Herr Velten sich nnt fernem Sohn an einem kleinen Frühstück in der Stadt stärken müssen, und so war der Ausbruch der schweren Krankheit noch glücklich verhindert.

Aber die Unkosten des Prozesses verursachten ein böses Defizit in der Monatskasse.

Auch Armins Leben als Korpsstudent fordere große Opfer. Es war eine Freude, ihn zu sehen, tote, gut ihn die rote Mütze kleidete und wie frisch und schneidig er ftch durch das Korpsleben entwickelte. Er hatte in kurzer Zerr den Schüler abgestreist und bekam ein sicheres, felbstbewußteÄ Auftreten. Herr Welten erWrte denn auch stets, er bereu» das Opfer keinen Augenblick, denn um in die höherenStaakö-