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rollten. Mit Leiserem Angstgeschnatter flatterten sie beide in die Mitte oes Hofes. Von der anderen Seite her ertönte in regelmäßigen Zwischenräumen das schrille, singende Klirren von Eisenbarren, die auf das Straßen- pflaster geworfen wurden: aus dem benachbarten Hofe drangen stoßweise die Töne eines Leierkastens zu ihr herüber, und in dem Stall neben dem Schauer rasselten die Ketten der an den Krippen stehenden Pferde. Sie hörte und sah das alles wie durch einen Nebel von Gleichgiltigkeit.
Ach, warum mußte sie nur so unglücklich sein? Sie beugte sich tief herab, die Hand gegen die Stirn gepreßt, und kämpfte mit ihren Thränen. Endlich vermochte sie sich nicht länger zu halten — ein heißer Tropfen fand seinen Weg durch ihre Unger, aber sie richtete sich mit einem Ruck auf und trocknete die Augen.
Sie hielt die graue, magere Hand. vor sich hin und betrachtete sie. Die Knöchel waren gekrümmt, wie das bei Fingern der Fall ist, die sich jahrelang um Plätteisen und Drehrolle geschlossen haben. An dem rechten Zeigefinger hatte sie eine große Wunde, wie sie zarte Hände so leicht in einem Waschzuber bekommen.
(Fortsetzung folgt.)
Zwei zeitgenössische Briefe über den Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Ehr.
Das dämonische Walten vulkanischer Naturkräfte, die -7 für gewöhnlich im Erdinnern schlummernd — bei plötzlichem Ausbruch das mühsam geschaffene Kulturwerk von hunderttausend Menschenhänden in wenigen Stunden vernichten können, hat auf der Insel Martinique so riesige Dimensionen angenonkmen, so grausige Wirkungen gezeitigt, wie sie sicher nicht zu verzeichnen sind seit dem großen Ausbruch des Vesuv vom Jahre 79 nach Christi. Diese furchtbare Katastrophe hat der Engländer Bulwer in seinem bekannten historischen Roman „Die letzten Tage von Pompeji" anschaulich geschildert: mehr freilich unter Zuhilfenahme dichterischer Phantasie, als auf Grund zeitgenössischer antiker Berichte. Der Zufall hat es nämlich gewollt, daß uns aus dem Altertum keine ausführliche, systematische Beschreibung der großen Eruption des Vesuvs und des Untergangs der drei Städte an seinem Fuße, Pompeji, Herculanum und Stabiae, erhalten geblieben ist, sondern im allgemeinen nur kurze Notizen bei Geschichtsschreibern und auch bei Dichtern, z. B. das bekannte Epigramm Martials :
„Eben noch grünte Vesuv int schattigen Laube der Reben, Eben die Kufen gefüllt hatte der herrliche Saft;
Bacchus liebte die Höh'n weit mehr als die Hügel die Nysa; Neulich den.Reigen noch schlang droben ein Satyrenchor; Hier war Venus so gern, noch lieber sogar als in Sparta, Herkules hatte man hier heilige Stätten geweiht —
Jetzt liegt alles in Asche — verkohlt! ein trauriger Anblick! Ach! und die Götter bereun ihre zerstörende Macht!"
Wer es sind uns doch zwei zeitgenössische Dokumente über die Katastrophe erhalten, die zwar nur die persön- licheir Erlebnisse von zwei gebildeten Römern schildern, aber unter den angedeuteten Umständen vom allerhöchsten Wert sind. Der große Geschichtsschreiber Tacitus bat süu die leider verloren gegangenen Kapitel seiner „Historien", die sich, mit dem Untergang der drei Städte am Golf von Neapel beschäftigten, seinen Freund, den jüngeren Plinius, als einen Augenzeugen des Ausbruchs um Material und erhielt zur Antwort darauf zwei Briefe, die Plinius nachher mit seinem übrigen Briefwechsel veröffentlicht hat. Ihr Inhalt ist auszugsweise folgender:
Der jüngere Plinius, zur Zeit der Katastrophe ein Jüngling von 17 Jahren, befand sich damals nebst seiner Mutter bei seinem Onkel, dem älteren Plinius, in Mifenum, wo der berühmte Naturforscher sich aufhielt als Befehlshaber der römischen Kriegsflotte im Golf von Neapel. Der Gelehrte war an dem fraglichen Tage, dem 24. August 79 u. Ehr. gerade mit wissenschaftlichen Studien beschäftigt, als ihm gegen ein Uhr nachmittags seine Schwester mitteilte, daß eine Wolke von ungewöhnlicher Größe und Form zu sehen sei. Plinius überzeugte sich dann auch selbst, daß über den Golf hinüber, in der Richtung auf den Vesuv,
am Horizont. eine Wolke aufstieg, die einer Pinie äußerst ahnlrch sah: tn einem Stamm erhob sie sich bis zu einer riesigen Größe und teilte sich dattn nach allen Seiten in! Aeste; dre Farbe wechselte zwischen hellleuchtend und .Mald faßte der eifrige Forscher den Entschluß, Die rätselhafte Erscheinung aus größerer Nähe zu betrachten und etwa Gefährdeten Hilfe zu bringen und lud seinen Neffen ein, ihn zu begleiten; der junge Mann zog es aber — vielleicht zu seinem Glück — vor, zu Hause zu bleiben, um Abschriften für den Oheim anzufertigen. Der alte Gelehrte ging in der Richtung auf den Vesuv unter Segel. Bald begann ein dichter und heißer Aschenregen sich über das Kriegsschiff zu ergießen, zwischendurch Bimssteine. Das Meer war stürmisch bewegt und trat von seinen Ufern zurück. Unbewegt durch diese schreckhaften Er- fcheinungen notierte Plinius fleißig alle seine Beobachtungen, und dem Steuermann erwiderte er auf dessen Mahnung zu schleuniger Umkehr: „Dem Mutigen hilft das Glück; steuere nach der Villa des Pomponiauus." Dieser, ein Freund des Plinius, wohnte in Stabiae.
Derselbe Wind, der den Pomponiauus an der Flucht von Stabiae gehindert hatte, trug den hilfreichen Freund mit vollen Segeln dorthin. Hier herrschte allenthalben die denkbar größte Verwirrung. Plinius suchte Mut einzusprechen und gab sich den Anschein größter Zuversicht, nahm ein Bad und speiste mit bestem Appetit ruhig zu Abend. Mittlerweile brach die Nacht herein, und nun sah man aus dem Vesuv ungeheure Feuersäulen emporsteigen, die das herrschende Entsetzen noch vergrößerten. Trotzdem legte sich Plinius, da bei dem ungünstigen Wind an" Abfahrt nicht zu denken war, mit stoischem Gleichmut zu Bett, und bald schnarchte der korpulente Mann so laut, daß man es draußen hören konnte. Da aber der Gang, der zu dem Schlafzimmer führte, sich dermaßen mit Asche und Bimsstein füllte, daß der Eingang versperrt zu werden drohte, sah man sich gezwungen, Plinius zu wecken und herauszuholen. Die Lage war jetzt verzweifelt: int Hause konnte man nicht bleiben, da ein furchtbar'es Erdbeben alles in den Grundfesten erschütterte, und draußen waren die immer massenhafter und dichter fallenden Steine zu fürchten. Zum Schutz dagegen band sich alles Kissen aus den Kopf und schlug die Richtung zum Meere ein. Obschon die Sonne längst aufgegangen sein mußte, herrschte nach wie vor rabenschwarze Nacht, die man mit Fackeln zu erhellen suchte. Die eilige Flucht hatte den beleibten Plinius so erhitzt, daß er sich am Gestade niederlegte und wiederholt kaltes Wasser trank. Die sich nähernden Flammen und ihre Ankündigung, der Schwefelgeruch, trieben alles in die Flucht, sodaß auch Plinius, auf zwei Sklaven gestützt, sich zu erheben suchte; er brach aber sofort wieder zusammen und ioar tot: der Schlag hatte ihn gerührt.
Zu gleicher Zeit hatten der jüngere Plinius und seine Mutter selbst zu Mifenum, also viel weiter von der Gefahr, die größte Angst ausgestanden. Das furchtbare Erdbeben und die ägyptische Finsternis, die durch den hellen Feuerschein am Horizont nicht erträglicher wurde, hatten auch hier alles ins Freie getrieben. Aber der junge Mann kam mit dem Schreck davon und mit dem Entsetzen über das unerwartete Ende seines Onkels, dem Pflichtgefühl und wissenschaftlicher Eifer das Leben gekostet hatten. Als der Vulkan aufgehört hatte zu toben, fand man die Leiche des Gelehrten unentstellt am Meeresufer liegen. Die drei unglücklichen Städte aber waren spurlos vom Erdboden verschwunden: Pompeji und Stabiae vom Aschenregen, Herku- laneum vom glühenden Strome flüssiger Lava begraben. Erst in unseren Zeiten (seit 1737) hat man begonnen, sie im Interesse der Wissenschaft wieder auszugraben.
Eine merkwürdige Insel im Stillen Ozean.
(Nachdruck verboten.)
Das soeben in London bei Murray erschienene Buch „Savage Island" von Basil Thomson giebt ein fesselndes Bild von einer bisher noch unerforschten Jnsel- bevölkerung im Stillen Ozean und ihren eigentümlichen Sitten. Ws nach dem Samoa-Uebereinkommen zwischen Deutschland, England und den Vereinigten Staaten, die Tonga-Inseln und andre Inseln im Stillen Ozean britisch wurden, wurde Thomson, der bei der Verwaltung der Fidschi-Inseln thätig war, hingeschickt, um den Insulanern den neuen Stand der Dinge klar zu machen. Niue oder


