Ausgabe 
21.5.1902
 
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Appetit. Und besonders an der Butter konnte ich es merken- Es kostet auf die Dauer eine ganze Menge, so eine Person mehr zu beköstigen."

Er lächelte so eigenartig, erwiderte aber nichts.

Und wenn wir doch Anspruch aus das Geld haben, warum sollen ivir es dann nicht nehmen? Laß uns ehrlich sein, Hans, wir haben es sehr nötig. Nun können wir doch ein wenig von unseren Schulden abbezahlen."

Und sind dann wieder ebenso iueit"

Nun ja, kommt Zeit, kommt Rat! Er war übrigens heute sehr liebenswürdig. Es war etwas so ich weih nicht so Warmes in seinen Worten. Ich glaube, er hätte auch Dir gesallen."

Ich kenne die Wärme der Geistlichen."

Ja, aber es war gar nicht diese wie soll ich es nennen? diese Kanzelwärme, gegen die Du so viel ein­zuwenden hast so mit den Armen; er war wirklich so herzlich. Die Geistlichen können doch schließlich auch ehrliche, gläubige Christen sein, wenn sie auch in Amt und Würden sind."

Es ist nur so sonderbar, daß die Ehrlichkeit dieser Herren stets ein so biegsames Rückgrat hat, wo sie aus vornehme Leute stößt, während sie sich borstenartig sträubt, wenn es sich um arme Leute handelt."

Aber Hans!"

Christus hatte eine andere Art und Weise, er nahm die in Samt gekleideten Herren ernstlich in die Schule, setzte sich aber mit den Zöllnern und Sündern aus die hölzerne Bank."

Glaubst Du nicht, daß es viel davon koinmt. daß sie fühlen, wie das Christentum lächerlich gemacht oder bei jeder Gelegenheit gehässig ausgelegt wird?"

Zum Teil mag der Grund darin liegen", räumte er ein,aber auch auf der anderen Seite liegt viel Schuld. Das Christentum müßte mit weit mehr Achtung behandelt werden, als dies jetzt der Fall ist. Man kann seine Zweifel haben, das kennen wohl die meisten. Das Christentum ist aber im Grunde der Verteidiger aller Leidenden, Unter­drückten, d. h- wenn es in Christi Geist ausgelegt und nicht Von den Theologen der Staatskirche durchgeführt wird."

Böje gestand später ein, daß die Sache mit den hundert Kronen doch, wenn er es recht bedenke, ein hübscher Zug von Pastor Tomsen sei.

Und übrigens", fügte er hinzu,sollen die Herren Theologen in.Zukunft Frieden vor mir haben; ich habe genug an meinem eigenen Teil."

Wie glücklich war sie, als sie ihn das Christentum gegenüber den gehässigen Angriffen der modernen Zeit verteidigen hörte! Es war ihr, als habe ein guter Geist fie mit neuen Kräften erfüllt und Sonnenschein um sie her verbreitet.

Ich denke so oft daran", sagte sie,wie verkehrt so viele Menschen das Leben angreifen. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll Du weißt, man hat so eine Art Blechdosen mit einen: Doppelgesicht". (Sie dachte an die Dose, die sie ihrer Zeit von Thomas erhalten hatte, und die sie noch in ihrer Kommode aufbewahrte.) So ist das Leben, es hat ebenfalls zwei Gesichter."

Er verstand sie nicht.

Ja" sie setzte sich neben ihnwenn man das Leben wie eine Lüuterungszeit betrachtet . denn das ist es für viele, Du kannst es nicht leugnen und wenn man alles, was geschieht, im Licht des Glaubens erblickt, dann ist das Leben in seinen Grundzügen milde und rein, denn das Ganze sammelt sich zu eiuer großen, un­endlichen Liebe, die das Beste mit uns tollt Dreht man die Dose aber verkehrt herum, und betrachtet das Leben hier auf Erden als etwas für sich Abgeschlossenes, etwas, über das wir selber verfügen und bestimmen können, das fich nach unserem eigenen Willen formen muß; ja welch ein verzerrtes Bild bietet uns dann das Leben nicht dar! Denn es will gar nicht so, wie wir wollen."

Nein, das ist wahr!" räumte er mit einem ein.

Und es ist das Unglück so vieler Menschen, daß sie diese Dose verkehrt Herumwenden: dann geraten sie auf tausenderlei Weise mit dem Leben in Streit, sie arbeiten und mühen sich gegen dasSchicksal" ab, ver­mögen es aber nicht zu zwingen, und dann geben sie das Ganze auf, und stürzen sich lieber kopfüber in den Mühlen­bach, Wenn doch allen unglücklichen Menschen die Augen

aufgehen wollten, damit sie erkennen, daß es einen leben­digen Gott.giebt, der uns helfen kann, wenn wir ihn nur! ernstlich suchen."

Böje war müde und legte sich mißmutig aufs Sofa.

Du sollst sehen, Hans, auch für uns kommen noch gute Tage."

Aber die guten Tage kamen nicht. Böje wurde mager,: seine Sinne stumpften sich ab und sein Rückgrat krümmte sich.

Und nun folgte die alte Geschichte mit Anleihen und Verpfändungen, mit Laufen zum Arzt und zum Apotheker,: mit Murren des Hauswirtes, mit Drohungen und Kündigung.

Sie können ja in mein Zimmer ziehen, wo der Schneider wohnte", meinte Madame Hansen.Miete brauche ich für's erste nicht; wir kleinen Leute müssen! uns helfen, so gut es geht."

Ja, wenn wir da hinaus ziehen, sind wir dem Friedhof ein gut Stück näher", dachte Böje bei sich.

Als sie bei Madame Hansen zur Ruhe gekommen! waren, mußte Helene an neue Erwerbsquellen denken, Ihre Hand zitterte jetzt zu stark, um die feinen Pinsel zu führen. Sie eröffnete einen Verkauf von Kränzen; und Leichenklcidern, aber das wollte gar nicht recht gehen. Dann fing sie an, seine Wäsche und Plätterei zu besorgen, sie mietete eine Drehrolle und hatte das! Glück, Arbeit von einigen benachbarten Familien zu be­kommen; außerdem unterrichtete sie ein paar kleine Kinder im Lesen und Schreiben, wusch in einigen Häusern, ja übernahm jede Arbeit, die sich ihr bot.

So ging ein Monat nach dem anderen in das große! Meer der Zeit, wo sich die Seufzer von Millionen von; Herzen mit dem Jubel anderer Millionen vermischen, während die große Kugel in dem geheinmisvollen Raum weiterrollt.

Vor der Thür eines in der westlichen Vorstadt Kopen­hagens gelegenen Gasthofes stand ein alter mürrischer. Bursche mit einer weißen leinenen Schürze und zerrte an ein Paar Zügeln, die sich auf eine für einen viel­beschäftigten Hausknecht höchst unangenehme Art und Weise verwickelt hatten.

Zwei langhaarige Rappen standen an einer Deichsel und ließen die Köpfe schwermütig hängen bei . dem Gedanken an den sechs Meilen langen Trab, der ihnen bevorstand.

Es war am Tage vor dem heiligen Abend, ein nebeliger Tauwettertag. Der Hofplatz war übersät mit Stroh, Papierlappen, Haufen von Pferdedung und andern Hinterlassenschaften der zahlreichen Fuhrwerke, die im Laufe des Tages dort eingekehrt waren.

Eine ärmlich gekleidete jüngere Frau, deren scheuer Blick mit ängstlichem Spähen nach allen Seiten schweifte, näherte sich dem Hausknecht, der soeben mit dem An­spannen des Wagens fertig geworden war.

Können Sie mir wohl sagen, ob Müller Rabe, ans Ostholmstrup hier eingekehrt ist?"

Ja", antwortete er mürrisch, den Pferden die Leine über den Rücken werfend.

Ob er wohl schon nach Hause fahren will?"

Das weiß ich nicht zu sagen, aber ich nehme es an,: wenigstens hat er das Anspannen bestellt."

Eines der Pferde kam einen Schritt auf sie zu und streckte ihr das Maul mit einem liebkosenden Schnüffeln entgegen. Im selben Augenblick erkannte sie die Tiere.

He!" rief der Knecht und ruckte am Zügel.

Sie wagte nicht mehr zu fragen. Der Knecht klapperte mit seinen Holzpantoffeln über den Hof und ging iw den Stall.

Sie empfand einen schmerzlichen Druck vor der Brust/ seufzend setzte sie sich auf eine leere Kiste und versank in ein gedankenloses Hinbrütcn, aus dem sie jedoch jedes­mal wieder erwachte, wenn sie einen Menschen von der! Straße her in den Hof kommen sah. Sie war der Meinung, Thomas müsse von dort her erscheinen, ein paar große. Pakete unter dem Arm.

Aus dem Seitenflügel des Gasthofes erklang lautes Lachen und das Klirren von Flaschen und Gläsern.

Eine ganze Weile sah sie da, einem paar Enten zu­schauend, die um einen Aalkopf kämpften. Eine von ihnen stieh gegen einen Stapel sckstveoischer Svabnkörbe, die herab.-