Ausgabe 
21.5.1902
 
Einzelbild herunterladen

Mittwoch den 21. Mak,

Nr. 74.

1902.

ÄSE

-I'l ll"WW a

EVM »M

Men willig Folgenden führt das Geschick, Len unwillig Folgenden

Seneca.

schleppt es fort.

(Nachdruck verboten.)

Die Möve.

Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen.

Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann.

(Fortsetzung.)

Dann dürfen Sie auch getrost sein! Ich glaube üb­rigens nicht, daß Ihr Versehen annähernd so groß ist, als Sie es sich selber ausgemalt haben."

Glauben Sie das nicht?" Sre erhob sich und machte einen Schritt auf ihn zu. t

Und ich bin auch dahin gelangt, den Fehltrrtt meiner armen Sophie milder zu beurteilen."

Ja aber mein Vetter?"

Wenn Ihr Vetter selbst Ihre Verlobung gelöst hat, obwohl Sie den ernsten Vorsatz gefaßt und ihm versprochen hatten, ihm treu zu sein, so muß er selber die Folgen tragen und Gott für sein Leben Rechenschaft ablegen."

Ich habe oft selbst diesen Gedanken gehabt; aber wenn er nun so unglücklich ist, und ich doch weiß, daß ich die Ver­anlassung dazu bin?"

Tie unfreiwillige Veranlassung."

Ja, aber trotzdem" , , r

Wissen Sie, was ich glaube, Frau Böje? Ich glaube, Sie sollten sich einmal mit ihm aussprechen."

"Ja.' Sie haben sicher noch Macht über ihn, und ich bin fest überzeugt, daß Sie den richtigen Takt besitzen, nm die Worte zu finden, deren er bedarf."

Das kann ich nicht jetzt nicht", sagte sie ,sich wieder fetzend.

Cie können sich die Sache ja einmal überlegen. Auch mit Ihrem Vater sollten Sie reden. Vergessen Sie nicht, daß es an Ihnen ist, den ersten Schritt zu thun." .

Ich möchte es ja auch so gern, aber er wohnt jct bei meinem Vetter, und dann ich kann Böje nicht einen ganzen Tag allein lassen."

Sie erzählte von der Krankheit ihres Mannes,, er­zählte in schonenden Worten von seiner Ungeduld, seinen inneren Kämpfen. . .

Pastor To ms en fühlte, daß er sich in einem Heun be- .fand, wo im Verborgenen ein Kampf auf Leben und Tod aekämpft wurde. Erst jetzt bemerkte er in ihrem mageren Gesicht die Spuren all des Leidens, gegen das sie den Kamp hatte aufnehmen müssen; aber er erkannte auch, daß sie

eine Frau war, die viel leiden konnte, eine Frau, die sich nicht ergab, ehe das Mut in ihren Adern erstarrt war.

Sie sprachen lange miteinander. Endlich erhob er sich, ging hin und ergriff ihre Hand.

Frau Böje, David spricht in einem feiner Psalmen von Frauen, die da sind wie Ecksteine, in Tempelstil gehauen. Ich glaube. Sie gehören zu diesen Frauen, und ich glaube, der liebe Gott hat Sie diesem Hause als Eckstein gesetzt. Halten Sie aus im Gebet und in der Arbeit, dann werden Sie sicherlich den Sieg davontragen."

Cie wollte ihm für seine Worte danken, vermochte es aber nicht. Sie schaute ihm in die Augen und preßte ihm die Hand.

Und dann habe ich noch eins", sagte er. Er wußte nicht recht, wie er damit herauskommen sollte; es war so peinlich, das Taschentucbchervorzuholen, gerade nach allem, was vorausgegangen war; aber es mußte ja geschehen.

Ich schulde Ihnen nocy Kostgeld für die lange Seit, die sich Sophie in Ihrem Hause aufgehalten."

Herr Pastor, ich bitte Sie so herzlich."

Sie müssen das Geld annehmen, Fran Böje. Jch'Uürde es Ihnen schon das letzte Mal gegeben haben, aber ich hatte, so wahr ich hier stehe, kaum so viel, daß ich wieder nach 8iause kommen konnte. Sie müssen mich wirklich richtig verstehen. Ich bin in Ihrer Schuld, es ist eine reine, klare "Geldschuld, die ich abbezahlen will es bleibt dann immer noch eine Schuld, die ich nie auszugleichen vermag/'

9hnt entstand einer jener kleinen Kämpfe, die gleich peinlich für beide Teile sind; aber der Takt und der, über­legene Ernst, der in seinem ganzen Benehmen lag, bewirkten, daß sie schließlich den Schein annehmen mußte, den er ihr in die Hand steckte.

Und nun leben Sie wohl! Gott starke Sre m ^cintpf \a

Sie brach in ein krampfhaftes Weinen ans, als er gegangen war. ,,, . _

Erst nach einer ganzen Weile erinnerte sre sich des Geldes, das sie auf den Nähtisch gelegt hatte.

Großer Gott das ist ja ein Hundert-Kronen- fcbein

Im selben Augenblick kam Böje. Wie sollte sie ihm dies doch nur Mitteilen? Sie faßte Mut und hielt ihm die Hand hin.Was sagst Du dazu? Pastor Tomsent«

Hat er Dir das gesandt?" . r Er war hier und hat lange mrt mir gesprochen. Seine Stirn legte sich in Falten.

Ich wollte das Geld durchaus nidjt annehmen , fuhr sie fort;aber er sagte, wir hätten Anspruch darauf, er' schulde es uns für den Aufenthalt seiner Tochter ber uns. Ich finde es eigentlich auch ganz in der Ordnung, daß er uns etwas dafür vergütet, sie kostete uns wirklich nicht so ganz wenig". . ,,3

Und mir sagtest Du immer, sie aße Nichts.

Ja, aber zuletzt hatte sie einen ganz ausgezeichneten;