Ausgabe 
21.4.1902
 
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Endlich entriß sie ihm ihre Hand, sah' zu ihm auf und flüsterte atemlos:Böje, ich glaube, es ist das beste, wenn Sie reisen." _

Er empfand eine siedende Glut in allen Adern. Im nächsten Moment war er aufgesprungen, hatte sich herab­gebeugt, schlang die Arme um ihren Nacken und preßte ihr einen brennenden Kuß auf die Lippen.

Böje!" Sie stieß ihn von sich und starrte chn mrt wildem Entsetzen an.

Ich habe es bis zu diesem Augenblick nicht gewußt; aber---ich werde reisen."

Er drückte ihre Hand gegen seinen Mund, machte eine Bewegung, als wolle er sie noch einmal umarmen, nahm sich aber zusammen, ließ die Hand sinken und schritt schnell zum Zimmer hinaus.

Sie saß einige Minuten regungslos da, als erwarte sie, daß ein Blitz herabschlagen und sie zerschmettern werde. Uber es kam kein Blitz, der Wind blies die Gardinen zu einem großen Bogen auf, das Fenster knarrte mit einem eigenartig ächzenden Laut in den Angeln, dann wurde wieder alles still und tot leer, erstickend tot.

Ta warf sie sich neben dem Stuhl nieder, auf dem er gesessen hatte, uno brach in ein so heftiges, wildes, krampf­haftes Weinen aus, als wolle sie damit Abschied vom Leben nehmen.

Am selben Nachmittage reiste Hans Böse. (Fortsetzung folgt.).

Heinz «nd Ursula.

Von Paul Ernst.

(Nachdruck verboten.)

Heinz von Schärfenstein war der jüngste Sohn eines verarmten Ritters. Der alte Vater mit rotem Gesicht und schneeweißem langen Haar und Bart streckte die Beine unter den langen Tisch in der großen Stube und spracht zuweilen mit sich selbst; wenn die Enkel Ball spielten und in etwa einer traf, welches auch wohl mit Absicht ge- chah, so machte er böse Augen, worüber die Enkel dann paßten und lachten. Er rühmte sich häufig, daß zu einer Zeit die Esse nicht kalt geworden sei, und daß mmer Schweinernes oder Kälbernes auf dem Tisch ge- landen habe in großen Schüsseln, so viel jeder wollte; aber die jetzige Jugend habe nicht Lust, weder zum Lernen, wie man den Harnisch putze und die Armbrustschnur drehe, noch zu ritterlichen Hebungen und Kriegsfahrten. Die Schwägerin denn der älteste Bruder war beweibt und die andern in der Fremde mit Ausnahme Heinzens war über die Maßen zanksüchtig, hielt aber, wie böse Weibs­leute pflogen, den Hausstand ordentlich und sauber und putzte den Buben fleißig die Näschen. Der Bruder mußte Ihr gehorsamen, und war ein schwacher, engbrüstiger Mann, denn er hatte in seiner Jugend einen Fall gethan; und da er lesen gelernt hatte, so saß er viel über dicken Büchern in Schweinsleder gebunden, mit verwickelten Geschichten von Rittern und Zauberern; auch grub er fleißig zu sichern Mondzeiten nach einem heimlichen Schatz, der aus der Zeit der Vorväter unten im Turm verscharrt war; hatte auch schon ein recht tiefes Loch gewühlt, aber bis dahin nur ein alt verrostet Gerät gefunden, etwa einen Bratenspieß, den er jedoch mit großer Sorgfältigkeit aufhub.

Ter junge Knabe Heinz, welcher zu der Zeit wohl an die zwanzig Jahre zählte, mußte für den Haushalt auf­kommen, welches er auch ebrbarlich und «nbekümmerten Sinnes that. So zog er in des Morgens Frühe, wenn der Tau noch atlf den Gräsern lag, in den Wald, wo die kleinen Vögel auf den Zweiglein zu singen begonnen und schoß etwa ein Reh, oder wenn sich eines Bauern Ziege verlaufen hatte, so brachte er das Tierlein mit und sperrte es in den Stall, wo die Schwägerin ein Schwein fett machte zur Winterzehrung an den Sonn- und Festtagen. Auch hatte er einmal einen Zug mitgemacht, wo sie einen reichen Kauf­mann aufhoben, der sich um schweres Geld lösen mußte, davon er seinen Teil bekam, desgleichen den Anzug (ohne den pelzbesetzten Mantel) des Frencken, welcher von gutem und festem Stoff war.

So begegnete er an einem Morgen einem alten Bauer­weiblein, welches Gänse und Eier in die Stadt bringen wollte, und hatte die Eier unten liegen in der Kiepe, die

Gänse aber in einem Henkelkorb darüber festgebunden, also daß sie mit ihren Hälsen hervorsahen uno gefaßten MuteS mit ernsthaften Gesichtern nickten, wie das Weiblein rüstig fürbaß schritt. Vor dieses trat er hin und sprjach tapfer: Bäuerin, Deine Kiepe muß mein sein, denn wir haben seit dreien Tagen nichts gegessen wie trocken Brot sonder Salz, dieweil die Herren in den Städten dem Adel und armen Volt das Salz verteuern, also daß es unerschwinglich wird, ganz zu geschweigen von den ausländischen Gewürzen". Auf dieses fiel das Weiblein auf ihre Knie, schrie und bat, tote daß ihr Mann vom Baum gefallen wäre und sich ans Herz Öen, und läge zu Hause auf dem Bette und könne tticht m, verdrehe bloß traurig die Augen, dieweil sie sechs Kindlein hätten; und sie wolle zur Stadt zum Wasenmeister und ihm dieses bringen, daß er ihr eineir Balsam gebe, um den Mann zu heilen. Darob erbarmte sich der Ritter, denn es jammerte ihn des Weibleins und seiner sechs jungen Raben, daß sie sollten unversorgt sein, und sprach:Sei guten Muts, denn ich will Dtr Deine Sache nicht nehmen, sondern gehe in die Stadt und kaufe eineir Balsam, und so ihm der nicht hilft, so verschaff' Dir ein getrocknet; Krötenherz und binde ihm das um den Leib, so wird ar genesen." Und er hoffte, daß ihn Gott werde etwas anderes treffet: lassett, welcher feilte Geschöpfe nicht lasset ver­derben.

Indem er aber noch mit dem Weiblein sprach und ihm därlegte, wie das Krötenherz bereitet werden müsse, und das Weiblein dachte schon, wie es seine Eier und Gänse mit Vorteil verkaufen wollte in der Stadt, weil es erst versuchen mochte, ob das Krötenherz nichts helfe, weil solches Mittel doch nichts kostete und die Leute in den Städten allewege habgierig sind und nichts umsonst her­geben, kamen zusällig über sie sechs wohlbewaffnete Bürger, welche den Junker Heinz wohl kannten, daß er auf der Landstraße gelegen hatte, und umringten ihn. Und obwohl der Junker Heinz sich mit gutem Mut wehrete und einen von ihnen über den Kopf schlug mit seinem Schwert, daß er hinsiel, und noch einen verwundete an der Hand, er­griffen sie ihn doch und nahmen ihm seine Waffen weg und banden ihn und trieben ihn vorwärts. Denn wo die Bürger einen Ritter übermannen konnten, der ihnen einmal Schaden gethan hatte, da ergriffen sie ihn auZ Bosheit und Geiz und brachten ihn in ihre Stadt und richteten ihn; denn sie waren sehr hochmütig über ihren Galten und es schien ihnen ein besonderer Schmuck, wenn sie einen Ritter an ihn hängen konnten, und wenn er ein armer Ritten war, der keine goldenen Sporen hatte, so machten sie ihm welche (waren aber nur vergoldet) und schnallten sie ihm an, bevor sie ihn richteten.

Nun wurde der Junker Heinz Unter einem großen Auf­lauf der Jugend durch die Stadt geführt, und meinten die, so ihn gefangen hatten, etwas Rechtes gethan zu haben, wiewohl sie in solcher Uebermacht gewesen waren, und dis Bürger in Schurzfell und Hemdärmeln standen in den Haus- thüren, die Frauen und Bürgermädchen aber guckten ans den Keinen Fensterlein, wo sie eilig ihre Myrthen- und Balsaminentöpfe weggeräumt hatten, und maa wohl mancher Blumenscherben zerbrochen sein in der Hast; und waren die Männer wohl froh, die Frauen und Mägdlein aber dauerte das junge Blut, denn der Junker Heinz war ein gar stattlicher Mann, und es begannen ihm die ersten Här- lein unter der Nase zu sprossen, welche er sorgsam mit Wachs in die Höhe gedreht hatte. Und das Wetbletn mit seiner Kiepe zottelte hinterher, dessen er so barmheMg geschont hatte, und weinte um ihn, und die Gänse reckten ihre Hälse und gackten, indem sie ihre Schnäbel öffneten und die dünnen Zungen zeigten, als ob ihnen unser Herrgott eingebe, auch um den ehrlichen Jüngling zu klagen, vwlcher trutziglich dahin schritt in seinen Banden.

" Also kamen sie auch an dem Hans eines wohlbegüterten Färbermeisters vorbei, welcher dastand mit seinen sechs Ge­sellen ; die hatten alle die Nackten Arme übergeschlagen, welche dunkelblau waren von der Küpe bis über den Elln- bogen; und der Färbermeister war einer von den erjtox Ratsherren, weil er die Worte wohl zu setzen wußte undJa geläufig redete, wie ein Doktor. Aus dem Lenster aber guckte sein einziges Töchterlein, welches jetzt achtzehn ^ahre alt wurde, uno ihre unschuldigen Aeuglem füllten sich mrt Thränen aus Barmherzigkeit über das sissche Leben, und da die Gesellen Späße machten, gab sie ihnen erneu ernst­lichen Verweis: und so fügte es Gott, daß ihr mitleidiger.