Ausgabe 
21.3.1902
 
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vorwärts! Zwar windet sich der Weg noch endlos durch zahlreiche Bergeinschnitte Tobeln nennt sie der Schwarz- Wälder aber ab und zu kann ein Stück flache Steigung gefahren werden. Endlich ist die Höhe gewonnen; der Schweiß steht auf Stirn und Rücken, aber die Cantiniera winkt, und sie wird erreicht. Abermals alles verschlossen, Klopfen und Rufen vergebens: der Cantiniere ist mit Weib, Kind und Hund ins Thal gestiegen. Ein Brunnen rinnt in der Nähe, wir rasten; edelmütig teilt der botanische Professor sein letztes Stückchen Boot in 4 Teile, Wasser wird mächtig getrunken. Eine Hoffnung: auf der Randmauer der Straße erscheinen einige dunkle korsische Ziegen, vielleicht ist Milch zu haben. Der Ziegenhirte ist bald entdeckt, er naht, von Neugier getrieben. Wer auf unser freundliches Ersuchen um Brot erklärt er, keines zu haben, und seine Tiere kann er nicht melken, wie er behauptet, trotzdem wir einige Franken funkeln lassen. Darum aufgesessen und hinunter so schnell als möglich dann abermals hinauf zum Coldelacroix! Ist der erst erreicht, so sollen die paar Kilometer bis Osani in wenigen Minuten gefahren sein. Doch bis zum Paß sind eben nach 12 Kilometer zu über­winden in langer Steigung, genau wie vorher; auch die Gegend ist genau dieselbe; jenseits der Schlucht einzelne Wohnungen, diesseits die Straße im Busch, die sich durch eine Menge von Dobeln zur Höhe schlängelt. Weine Reise­gefährten gestehen, noch nie solchen Hunger verspürt zu haben, ich kaue friedlich Holz und ziehe den Gurt fester in Erinnerung an manch ähnlichen Marsch vor 30 Jahren. So wird der letzte Eol erreicht, ein Schwung in den Sattel, und im 20 Kilometer-Tempo geht es bergab. Bald zeigt sich Osani, ein kleines Nest, ähnlich denen, die wir seither ge­sehen. Doch auch, es liegt von der Straße ab, und so ist der allgemeine Wunsch, lieber noch die 4 Kilometer nach Parti- nello zu fahren. Junge Mädchen, die am Brunnen Wasser holen und sich uns in den Weg stellen, finden nicht die Beachtung, die wir sonst ihnen geschenkt hätten. Wirbelnd drehen sich die Pedale, da liegt bei einer Biegung des Weges vor uns Partinello, und gleich an der Straße das! Hotel Cecaldi.

DasHotel" sah genau aus wie eine Räuberherberge im Märchenbuch. Wir standen vor einem unheimlich düsteren Steinkasten, der zwar dreistöckig war, aber verwahrlost im höchsten Grade. Keine Scheibe im Hause schien mehr ganz, soweit überhaupt noch in den wenigen Fenstern Glas vorhanden war; eine Reinigung hatten diese Fenster wohl nie erlebt, Läden und Bruchteile solcher hingen in male­rischer Abwechselung umher. Augenscheinlich aber hatten wir das einzige Wirtshaus des kleinen Ortes vor uns, sonst zeigten sich nur Hütten von der schon erwähnten primi­tiven Bauart. Es galt also kein Besinnen, und wir traten ein. Monsieur Cecaldi erwies sich als ungemein gefällig und aufmerksam, eilig schleppte er auf unfern Notschrei Brot, Salami, Käse und Wein herbei, und mit gediegenem Eifer machten wir uns darüber her. Auch die weiteren Verhand­lungen hatten befriedigende Ergebnisse. Zwei Betten waren vorhanden, infolge ihrer Breite genügten sie. Fürs Abend­essen machte der brave Cecaldi den Küchenzettel: Hasen- braten mit noch einigen Gerichten; wir warens zufrieden, und bald fühlten wir uns in dem Räuberschlosse ganz ge­mütlich. Freilich auf Boden, Wände und Fenster durste man nicht schauen, allein von unserer Fahrt durch italienische Nester waren wir gegen solche Kleinigkeiten längst ab­gehärtet.

Auf der Straße bildete sich um unsere Maschinen eine kleine Volksversammlung, denn Radfahrer sind in dem Ge­birgsdörfchen selten. Huldvoll mischten wir uns unter das Volk, und rasch war unsere Popularität gesichert; die Kinder kamen und gaben Händchen, und der Herr Brief­träger und andere Notabeln Partinellos würdigten uns ihrer Unterhaltung.

Ein herrlicher Sonnenuntergang mit Ausblick auf die Berge und das Meer, das durch eine Schlucht herauf- glänzte, belohnte uns zum Mschlnß dieses schweren Tages, dann krochen wir auf unsere eisernen Bettstellen. lieber uns baumelten die Salamis, Zwiebel- und Knoblauchs­bündel, neben dem Bett lehnte die Flinte des Hausherrn, und durch die zerbrochenen Fensterscheiben strich der Nacht­wind.

In aller Frühe waren wir bereits munter, prüften

die Räder, und nach! Begleichung der mäßigen Rechnung schüttelten wir dem Herbergsvater die Hand und rollten unter den Grüßen der Einwohner zum Orte hinaus. Bald hatten wir die See wieder neben uns, oben führte der Weg her, und wir schauten hinab in die engen Buchten und Felseneinschnitte, an deren Fuß die Wellen leise an­schlugen. Hier und da erhob sich auf vorspringendem Fels­sporn der wohlbekannte Genuesische Turm als Wächter irgend eines kleinen Hafens, in dem ein einsames Schiff schaukelte. Diese Verbindung von Meer und Gebirg hat viel Aehnlichkeit mit den norwegischen Fjords, nur daß hier alles in prächtigere Farben getaucht ist: die steilen Granitwände rot und gelb in der goldenen Sonne strahlend, das Meer wunderbar blau, dazwischen immergrünes! Strauchwerk, in der Luft der kräftige Geruch der an den Halden blühenden Kräuter.

Tief unten wurde der lebhafte Hafen von Porto sicht­bar, unzweifelhaft der landschaftlich hervorragendste Punkt der Westküste, der Ort selbst ist klein. Von hier, wollten wir die berühmten Felsgruppen der C a l a n ch e beim Dorfs Piana besuchen. Allerdings mußte das Rad um 438 Meter Höhe geschoben werden, denn auf Korsika hat man im Thal fast genau Meereshöhe. Der Tag war heiß, etwa tote bei uns im Juni. Doch an dem Flüßchen, das in den Hafen von Porto mündet, lag eine Mühle; der Molinaro saß . es war zweiter Feiertag rauchend vor seinem Besitztum; gern erklärte er sich auf Anfrage bereit, unser Gepäck auf­zubewahren, und da wir denselben Weg wieder zurücknehmen mußten, so packten wir ab. Emsig schoben wir die erleich­terten Räder bergauf, immer ausspähend, wann die Calanchs beginnen würde. Aber vergebens. Die Höhe ward erreicht, schon konnten wir einzelne Strecken fahren, und bererts! machten wir uns mit dem Gedanken vertraut, hereingefallen zu fein, als plötzliche das Bild sich änderte. Es waren nc der That merkwürdig zerklüftete und verwitterte Gebilde,! wie man sie wohl zuweilen in den Dolomiten findeft -eine seltsame Galerie wild zerrissener, durchlöcherter und zu allen möglichen Formen und Mißgestalten verzerrter Granitfelsen, durch die 1800 Meter lang der Weg teilweise in kleinen Tunnels sich durchwand. Jäh zum Meer ab­stürzende Schluchten boten malerische Durchblicke., So waren wir denn von unserem Slbstecher ungemein befriedigt, und selbst ein scharfer geologischer Streit über die Entstehung der wunderlichen Gesteinsmassen vermochte die Stimmung nicht zu stören. , , ,

Nach kurzer Rast in Prana konnten wrr auf dem Rückweg noch einmal das Panorama in umgekehrter Folge! genießen, und bequem rollten wir die 10 Kilometer hinab. Der Müller saß beinr Feiertagsskat, er übergab uns das aufbewahrte Gepäck und nahm dankend emige Sousstucke in Empfang. Am Flüßchen entlang, fuhren wir ostwärts! ins Gebirge hinein. Bald jedoch hieß es absitzen, denn Evisa, unser heutiges Ziel, liegt 842 Meter hoch, und der Weq steigt in vielen Biegungen durch finstere, aber groß­artige Schluchten an den Bergabhängen mühsam aufwärts. Es begann schon zu dämmern, als wir nut einemGottlob in Evisa einrückten, der Herr Psarrer wies uns freundlich zum Hotel Gigli, wo wir gut aufgehoben warem Denn Evisa ist seiner hohen Lage wegen korsikanische Somm-r- srische, daher auf Fremdenbesuch wohl eingerichtet, und so schliefen wir seit zwei Nächten endlich wieder einmal grund-

(Schluß folgt.)

A r i t h m o g r i p h.

Nachdruck verboten.

183456 7 888 beliebtes Vergnügen.

8 7 5 8 biblischer Name.

3 2 8 1 schmackhafter Fisch.

4 2 7 2 8 5 Nänkespiel.

5 8 3 2 weiblicher Vorname.

6 5 7 5 8 atmosphärische Erscheinung.

7 2 8 8 Spielzeug.

8 8 7 2 spanischer Feldherr.

8 2 12 fremdes nützliches Tier.

8 2 11 Haustier.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Scherzrätsels in vor. Nr.r C y l i n d e r.

lich

Redaktion: E. Burkhardt. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.