170
gezeigt. Ihr Helles Kleid macht sich ja recht festlich, unöi Niklas geht neben ihr, als hätte er in der Lotterie gewonnen. Einem ist die Verlobung ganz gewiß nicht recht, — dem Wilm Jansen! Und der muß dem Brautpaar zum Tanz aufspielen! Wie ihm die Augen funkeln! Wie zwei in sich glühende Kohlen, schwarz von außen, aber inwendig glimmt das verzehrende Feuer. Man hat ihm seinen Stuhl auf den Tisch gesetzt, damit er nicht umgetanzt wird. Ein Seidel Bier steht auf der Platte zwischen seinen Füßen; eine Zigarre! hält er zwischen den Zähnen, die Mütze sitzt ihm ein wenig! schief. So spielt er, und spielt Walzer und Ländler, und die Glutaugen starren über Tänzer und Tänzerinnen, über Niklas und Ebba hinweg grad in die Wand gegenüber, als! wollten sie sie durchbohren. Um seinen Mund zuckt's, als! spielte er einer Leiche den Abschiedsgruß auf ihrem Wegs zum Grabe. Ob er die Harmonika nicht noch in Fetzen reißt? Ja, schlimm ist's, wenn man lassen muß, was man lieh hat. Tie Trina könnte auch davon reden. Armer Junge!
„Na nu! Paß doch Achtung!" — Ein derber Schlag auf die Schulter schreckte die Kellnerin auf. Ter, an den sie dachte, stand vor ihr.
„Jehs', Jan Jürgens! Büst Tu denn nich in Emden?'< „Tösbattel! Heft keen Dogen in'n.Koppe, bat de fragst?
— Giv mi'n Genever. Jk hev Een'n up'n Kiker."
"Wat fielt mutt, mutt fielt. Karnickel hett anfungen." Liegt's in der Luft? Der Jan hat wasserhelle Augen von Natur, und auch in ihnen scheinen heute glühende! Kohlen zu stecken Aber seine Augen kennt die Trina, weiß, was jeder Blick daraus bedeutet.
„Jan Jürgens, ich bitt' dich —" murmelt sie, während sie ihm das Getränk eingießt. Die geübte Hand ist un- aeschickt, es quellen ein paar Tropfen über den Rand.
„Anke nich! Js dick nich 'n grote Ehr', dat ik Webber-, kamen bün, to di kamen, mien Schatz?"
„Dien Schatz! — Du bist so falsch, tote Schaum up'M SßMtcx u
„Holl dien Muul!" Jan Jürgens ließ seine Blicks durch den Saal schweifen. „Tunuerslag! Trtentje, Help tut ut'n Droom! Js dat liefhaftig Niklas Breeden, de sren Beenknaken smitt as'n Storch in'n Kohlfeld? Wat vorn
! Teern quirlt he denn da rümmer?" .
„Weist jo, dat he mit Ebba Jürgens Berspreek Hollen hett."
। Jan brach in ein wieherndes Gelächter aus. „Berspreek! i Wat man 'n richt'gen Berspreek heet? Uit dat tuet Ebbck I Jürgens! — Trientje, noch'n Glas Beer. Tarup mutt tk eenen drinken." , „ , ,
„Tu supst as'n Heiden. Hüt' dt, Jan, de Schandarin is up't Eiland!" ;
„Schall ik dorüm dröge sitten, he? Er deutete zu Wilm hinüber. „De Keerl speelt as'n ©tont. Smret mal Een de Musikanten 'rut." —
Auf einer Bank der Thür gegenüber saß Ebba zwischen den Brüdern, Mutter Marinka in ihrem schwarzen Kirchen- kleid wehmütig würdevoll daneben. Ungern war das Mädchen zum Tanz gegangen, hatte Niklas abgeredet nach
I besten Kräften. „Hast in Jahren nich getanzt, 9cma8. I Schenir dir nich. Ich kann meine Füße wohl still halten.
I Aber Tobias hatte entschieden: „Tanzen hört sich vör I wna Volk. König David hett ook danzt. Un Niklas danzt höllisch smartig, lütt Ebba."
Also tanzte sie. Sie meinte, fte hatte Schwereres vermocht. Nun sie hier war, fand sie doch, dies fet ba^ Schwerste. Wilm sitzen sehen, starr, nut verglastem Blick,
I und tanzen, tanzen, während er aufspielt! Wissen, et geht I übers Meer und er bekommt das Fieber; du siehst ihn me, nie wieder! Und zu antworten: „Ja, Niklas", und »danke/ lieber Niklas", und zu hüpfen, zu springen. Der Atem
I versagte ihr, sie wußte nicht mehr, wohin; fte trat auf! I ihr eigenes Herz bei jedem Schritt!
Aber Tobias in seiner behaglichen Bruderliebe lachte: „Js'u bannigen Keerl, use Niklas! He, Jurgensch, wat meent Se? So'n jong, quick Mäken as ehr Ebba kann Ä I nich gegen an. Jo, toi Bresbens sund ut hart Holt makt« I Wi blift twintig Johr'n länger jong denn annere Lue. I Als Ebba Jan Jürgens eintreten und mit seinen! I glühenden Augen zu dem Aufspielenden hinüberstarren say> I immer hinüber zu dem einen, ohne den Blick zu wenden, da I sank ihr völlig das Herz. „He hett en Pik np Wilm.
„Moder! — Ick woll, dat dien Jörk hier bi di up'm i Stövkeu sei', un ick leg Bitten in de See." |
„Jo, man nu liggt he bi de Fisken buten un du büst'r I bleeveu." , , t
Tas Mädchen ging hastig in der Küche auf und nieder. Ihr gestreiftes Kleid rauschte, indem es an den Einrichtungs- I gegenständen hinstrich. Aufgeregt schlug sie die Hände vor I ihr weißes Gesicht. I
„Wat fall ick dohn, wat fall ick dohn!"
„Toh na dien Sinn", murrte die schwarze Frau, I und stand schwerfällig auf. Ik bün en oll, unnütt Fru. Tienen Will'tt mußt hebben." Damit nahm sie die Lampe und ging schlurfend hinüber in die Kammer.
Ebba kauerte auf einem Schemel an der Feuerstätte I nieder, die Ellenbogen auf den Knieen, das Kinn in den I Händen. Ter Mond, der silbern durchs Fenster schien, I erinnerte sie an Wilm Jansens Liebesworte. D, harr ik I Tid! Harr ik Tid! Man een enkel Johr Tid! Wilm is'n I fmarteü Song, he schall wol flott Warden!" Dann schüttelte I sie in bitterer Verzweiflung den Kopf. „Un as ik teihn I
Johr tötoen wull, ik toeet too’t geiht: de to’n Esel geboren is, kummt nich up't Perd!--Niklas Breeden
--Niklas Breeden--He is nich so slimm öS Jan. 1 Ik macht ent immer geern lieben —. Jo, ik mutt I klook fien — klook fiett--". Plötzlich warf fie ihre
Arme auf den Küchentisch und den Kopf auf die Arme, I und brach in wildes Schluchzen aus. „Jk glöv, he hett I mi'n Mixtur ingeeveu, bat ik nich von em los kann. £, Milm! Wilm! Mien eenzigste Jong!"
Sonntag abend. Glutrot ist der Souuenball untergetaucht, nicht in die Wellen in eine schwarze Bank, die sich langfatn höher und höher schiebt, während von Norden und Westen kleine Wölkchen heranschweben, wachsen, sich I verbinden, ausbreitett, verdichten, der Vortrab einer gedrängten Heeresmasse.
Im erlöschenden Abendrot schimmern die bunten Fahnen I an den hohen Masten, die fast vor iebent der kleinen I Backsteinhäuschen aufgepflanzt stehen. Der Nordwest hält te sämtlich stramm nach einer Richtung ausgebreitet. Oed iegt der wettgedehnte Wattstrand, schmutzig grau glänzend n der Tiefebbe unter den grauen Wolken. Und deutlich m scheidenden Tageslicht taucht das Sagenland herauf, :>aS Wunderland int Westen, die werdende Insel. Ur- prünglich eine Sandbank, verloren im weiten Meer, ein ;esürchtetes Riff; aber allmählich rundet sie sich, hebt ich aus den Wellen langsam, unaufhaltsam. Jeder Wogenschlag, der die Küste peitscht, führt ihr eine Handvoll Sandkörner zu, und der Nordwest, dessen keuchender Atem nimmer anssetzt, schiebt unb preßt bie
angeschwemmten Massen zusammen, schichtet sie,
hält sie unlöslich verbunben. Muscheln und Seesterne umkränzen den Rand, der nur bei Tiefebbe aus den Wassern steigt. Ssevögel rasten, nisten auf den werdenden Tünen; denn schon erheben sich winzige Dünen im Osten; der Strandhafer durchzieht sie mit seinen zähen Wurzeln. Wer das erste Samenkorn auf das Riff getragen hat? Wind oder Wellen, eine Möve im Flug. Wer es haftet, es gedeiht, gedeiht, unbeschützt, unbehindert von Menschenhand. Andre Keime folgen. Bald schlagen die ersten Blumen ihre leuchtenden Augen auf. In zwanzig Jahren wird die Sandbank ein Eiland sein, tote die Schwestern rechts und links, die Schöpfung der Wellen, das Erzeugnis einer Laune des Weltmeeres, das eigenwillig hier blühendes Land weg- reißt, begräbt unter feinen Wogen, dort neue Welten hervortreibt aus seinem geheimnisvollen Schost
Beim Eschenwirt war Freitanz. Ein paar Badegäste, die sich nach einer neuen Unterhaltung sehnen, haben die Anregung gegeben. Ter hellhörige Wirt ist derselben gefolgt und macht gute Geschäfte. Natürlich! Die Einheimischen dürsten vom Springen, die Fremden vom Schauen. Fast die ganze Badegesellschaft drängt sich im Nebensaal. Da müssen oie Kellner fliegen, und die rote Trina weiß kaum, wo ihr der Kopf steht. Würd' selbst gern ein wenig zuschauen, hätte sie bloß Zeit, denn es giebt heut etwas zu schauen. Jürgensens Ebba geht zum erstenmale feit ihrem Verspruch mit Niklas Breeden aus. 'S ist wahr, Glück hat sie, das spinnige Ting. Breedens sind angesehene Leute auf der Insel. Ob ihr selbst ihr Glück gefällt? Blaß ist ihr scharfes Gesicht schon auf der Schulbank gewesen, und was sie nicht zeigen wollte, hat sie schon darnalA nicht


