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haben mich unter Verhältnissen kennen gelernt, die Sie vielleicht veranlassen, mich falsch zu beurteilen. Mrr ist es in Wahrheit um ernste, ehrliche Arbeit zu thun, Die materiellen Gewinn bringt, denn solchen werde ich in Zukunft bedürfen. Aber leider geht es mir wie so dreien Töchtern aus reichen Häusern: Ich habe arbeiten nicht gelernt und bin gezwungen, das Versäumte nachzuholen. Das ist schwer, aber ich denke, daß die Triebfeder meines Entschlusses alle Hindernisse überwinden wird."
Ein Anflug von Verstimmung hatte sich über sein Gesicht gelegt. Ihr nächtliches Abenteuer schwebte rhm vor, und er brachte es in Zusammenhang mit ihrem jetzt geäußerten Entschluß. „Sie liebt ohne Wissen und Willen ihrer Eltern einer: armen Mann", kombinierte er richtig, „und will, um sein Los teilen zu können, arbeiten." Wie der Mttz war ihm dieser Gedanke gekommen, und er war ihm ein Tarn geworden, der ihn ftadh „Ssudarinja", antwortete er mit einer Stimme, dre von einer leichten Trübung nicht frei war, „Sie baben freimütig Ihr nächtliches Wenteuer erwähnt, und ich darf also darauf zurückkommen. Nun, ich, nehme an, daß dieses Wenteuer Ihren Eltern unbekannt geblieben ist, und ihnen keine Freude bereiten würde."
Obgleich er sah, wie auf ihrem Antlitz brennende Röte auftauchte, fuhr er unentwegt fort: „Ihre Absicht, um materielle,: Gewinn zu arbeiten, verstehe ich so, daß Sie sich vom Elternhause emanzipieren wollen, und ich vermute, sie ist demselben Grunde entsprungen, der auch Ihr nächtliches Abenteuer veranlaßt hat. Leben heißt, Gefühl und Verstand in möglichst harmonischen Einllang setzen. Mir aber scheint — verzeihen Sie diese Offenherzigkeit — Ihre Handlungsweise von jener Wahrheit abzuirren. Nur dem Gefühl zu folgen, ist verderblich, denn man gelangt schließlich zur Verkennung seiner Pflichten und zur blinden Leidenschaft, die Gutes und Böses nicht mehr zu unterscheiden vermag. Ter Verstand, , nicht das Herz, rst das erkennende Element, das uns im Verein mit dem Pflichtgefühl den rechten Weg weist. Selbst in der Liebe ist der Verstand der Lotse, der zwischen den hochschlagenven Wogen des Gefilhls sicher hindurchsührt. Und so ist mein Rat, wenn Sie eines solchen bedürfen: Tragen Sie nicht nur dem Gefühl, sondern auch dem Verstände und der Pflicht Rechnung; lassen Sie sich nicht durch irgend welche leidenschaftliche Aufwallungen zu unüberlegten Schritten hinreißen, die Sie vielleicht später tief beklagen müßten."
In ihren Mienen prägte sich Ueberraschung über die Klarheit aus, mit der er die Situation erkannt hatte. Sie verstand vollkommen, was er meinte, itwb sie bedauerte jetzt, nicht vorsichtiger gewesen zu sein. Mft einem Male hatte sie das Gefühl, ihm den Einblick in ihr Inneres verwehren zu müssen, und gerade ihn am Allerwenigsten wissen zu lassen, wie es mit ihrem Herzen bestellt sei: denn sie fürchtete — ihm wehe zu thun.
„Ich bin Ihnen dankbar für Ihren Rat", sprach sie möglichst ruhig, „wenn er auch mehr theoretischer Art ist. Es scheint mir schioer zu sein, so zu handeln, daß stets die Harmonie zwischen Gefühl und Verstand gewahrt bleibt; ich glaube sogar, daß wir Frauen uns nicht zu schämen haben, wenn wir das Herz über den Verstand siegen lassen; denn dieser ist nüchtern und kalt, und wandelt die Wege des berechnenden Egoismus, während jenes selbstlos ist, den Reiz der Poesie ins Leben zaubert und die großen Leidenschaften erzeugt, die erschüttern oder zum Höchsten hinanziehen. Mag es auch unklug fein, daß wir dem Herzen den Vorrang einräumen, so haben wir doch die Genugthuung, gerade um deswillen seit Jahrtausenden von den Tichtern gepriesen zu werden."
Neber sein Gesicht flog ein Lächeln.
„Ja, gepriesen werden von den unpraktischen Menschen, den Tichtern", fpottete er, „die immer dabei sind, wenn es tragische Konflikte und Unheil giebt." Ernster werdend, fuhr er mit leiser Stimme fort: „Es würde mir bitter leid thun, Ssudarinja, wenn auch Sie einen Dichter finden sollten. Verzichten Sie auf solchen romantischen Ruhm und halten Sie daran fest, daß Sie als denkender Mensch hie unabweisbare Pflicht haben, ihre Gefühle durch den Verstand richtig zu wägen und zu leiten."
„Ich weiß Ihre Gesinnung gegen mich zu würdigen, Boris Mitrofanowitsch, und ich werde bestrebt sein", entgegnete sie lächelnd, „den Tichtern nicht in die Hände
? Erwägung, daß der Nams Patent stand, denn der wirkliche
Tie Abreise nach Moskau war um eine Woche verschoben worden, da Jesim Godunow noch Geschäfte zu erledigen hatte. Tatiana harrte in Ungeduld des Tages/ da der Aufschub sein Ende finden würde. Von Timitry hatte sie die Mitteilung erhalten, daß sich ftohe Aussichten eröffneten, denn das Patent auf den Akkumulator sei erteilt und bereits veröffentlicht worden. Mit Freuden las sie immer wieder den Patent-Anzeiger, den er seinem Briefe beigelegt hatte. Groß und deutliche stand dort gedruckt: „Ten Herren Ilja Popow und Timitry Kalnssoff in Moskau ist ein Patent auf einen neu und eigenartig hergestellten Akkumulator für elektrischen Straßew« bahnbetrieb im Bereiche Rußlands erteilt worden", und weiter folgte eine genaue Beschreibung des MkumulatorH mit einigen Mbildungen. . „,ri
Freilich, in ihre Freude schlich em lesier Muston, hervorgerufen durch die Erwägung, daß der Nams Timitrys zu Unrecht im Patent stand, denn der wirkllchS Erfinder war doch Ilja Popow. Me wäre sie stolz gewesen, wenn Timitry das Verdienst der Erfindung gebührt hatte.: „Wer er ist ja kein Elektrotechniker", tröstete sie sich/ „sondern Kaufmann, und als solcher wird er wenigstens bei der Verivertung des Patents seine hervorragenden
Fähigkeiten beweisen können."
Auf ihrem Gesicht lag wieder feit langer Zeit freundlicher Sonnenschein, so daß Alexarchra Michailowna erleichtert ausatmete, und ihren Gatten auf die günstigS Veränderung aufmerksam machte.
„Wird Wohl wegen der Reise sein", meinte Jesim. „Mir wäre eine größere Anhänglichkeit ans Haus lieber/«
Jefim war zum letzten Mal ins Geschäft gegangen.; Er erwartete seine Tochter, um mit ihr einen Abschiedsbesuch zu machen. Als sie im Privatkontor erschien und so frisch und leuchtend dastand, regte sich in ihm der Stolz des Vaters, und mit Wohlgefallen ließ er seinen Blick über ihre elegante Gestalt schweifen.
Während er noch einige Arbeiten erledigte, vertiefte sie sich in eine Zeitung.
Tann wurde er ins Lagerhaus gerufen „Warte und gieb Acht", sagte er beim Hinausgehen. ,
Tatiana befand sich, allem — allein im Privatkonto«/ in dem der Geldschrank stand
Sie legte die Zeitung fort und blickte gespannt auf. Keine Täuschung — der Geldschrank war offen, und oben in dem kleinen Stahlthürchen, hinter dem sich die Kassette mit dem Wechselportefeuille befand, steckte der Schlüssel. „ , „
Ja, jetzt war der rechte Moment gekommen! Sie. sprang auf und eilte zur Thür, die sie vorsichtig zuriegelte. Und sie stürzte zum Schrank, schloß in fliegender Eile Las kleine Thürchen auf, nahm die KasieitS heraus und ergriff das Portefeuille. Ihre Hände zitterten/ ihre ganze Gestalt erschauerte, und aus ihrem Gesicht war alles Blut gewichen. Sie durchsuchte das Portefeuille in angstvoller Hast. Ta — das war der Wechsel — vierzigtausend Rubel — acceptiert von Gebrüdep Kalussoff! Krampfhaft hielt sie das Papier in der Hand/ währeno ihre Augen sich unwillkürlich schlossen und ihrs Brust sich stürmisch hob, als wollte sie zerspringen. Durch ihr Hirn raste eine Flut von Gedanken, ein Heer von Gestalten, ein wirbelndes Durcheinander, und aus ihm heraus trat mit ernstem Blick Boris Mitrofanowitsch,
zu fallen. Und nun leb->n Sie wohl! Ich reise mit Papa auf einige Zeit nach Moskau; wenn ich Wiederkehre, werden Sie wahrscheinlich ' illig genesen sein und die Klinik! schon verlassen Haben."
„Nach Moskau", rief er überrascht. „Nun, dann isi es möglich, daß wir uns nochmals Wiedersehen, den« in einigen Wochen hoffe ich auch dort zu sein. Sollte; es nicht geschehen, dann wird nichtsdestoweniger" — seine Stimnie dämpfte sich etwas — „das Bild meines tapfer» Kameraden fest in meiner Erinnerung hängen bleiben/«
Er sah sie mit seinen bezwingenden Augen eins Weile an, als wolle er sich ihre Züge für immer ein- prägen.
„Gebe Ihnen Gott Gesundheit und langes Leben"/ sagte sie in tiefer Bewegung, während sie sich langsam; erhob. „Ihrer auch in der Ferne zu gedenken, wird miv die Dankbarkeit gebieten."
Sie wandte sich und schritt zur Thür. Ms sie draußen; war, fühlte sie, daß in ihren Augen Thränen standen. —i


