Samstag den 20. Dezember.
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1902. — Nr. 189.
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(Nachdruck verboten.)
Kinder des Ostens.
Original - Roman von Georg Bu st. Ql®'.
(Forschung.)
Im ersten Augenblick war Alexandra Michailowna über diese Worte sprachlos. Sie hatte solche rebellischen Gedanken bei ihrer Tochter gar nicht vermutet. Aber sie faßte sich. „Tu vergißt", sagte sie mit möglichster Ruhe, „daß Eltern ihren Kindern an Erfahrung weit überlegen sind. Wer bei Jahren ist, hat Lebensklugheit gewonnen und ist im Beurteilen von Menschen vorsichtiger und treffender geworden. Von einer glatten bestechenden Erscheinung und von schönen Worten läßt er sich nicht blenden, wohl aber legt er Wert auf die inneren Vorzüge, nach ihnen sein Urteil abwägend."
Tatiana blickte auf. Ihr fielen die Reflexionen ein, die sie vor wenigen Tagen unbestellt, und deren Schluß der gleich einer Phantasmagorte auftauchende Cherubim mit den Worten übernommen hatte: „Das wahre Schöne liegt im edlen, festen Charakter, nicht in der Form, die Nur zu oft das Häßliche umschließt."
„Ehrenhafte Gesinnung", fuhr die Mutter fort, „ist mehr wert, als imponierende Gestalt und elegantes Benehmen. Aber auch! die solide materielle Grundlage ist unbedingt erforderlich- denn sonst erstickt die Liebe in Not und Elend."
„Nun, die solide materielle Grundlage könnte doch Papa schaffen", spottete Tatiana. „Aber sein Gedanke ist: „Gebe ich einmal, so muß der Schwiegersohn ein Dutzendmal geben. Jede Partie, die mir vorgeschlagen wurde, war einzig und allein bestimmt vom Geldstandpunkte."
„Ich denke, daß Tu noch vernünftig werden wirst", entgegnete Alexandra Michailowna, sich erhebend. „Jetzt zu streiten, bat um so weniger Zweck, als die Reise bevvrsteht und Dein Vater geschont werden muh. Erfülle Deine Pflicht als Tochter und denke an das schöne Wort: Der Eltern Segen baut den Kindern Häuser". Sie schickte sich an, nachdem sie einem Schranke einige Papiere entnommen hatte, das Zimmer zu verlassen.
Auch Tatiana hatte sich erhoben. Ihr Blick fiel wieder aus die Skripturen. „Nicht wahr, er hat studiert?" fragte sie.
„Ja!" antwortete Alexandra Michailowna, von der Plötzlichkeit der Frage überrascht. „Er wollte Ingenieur werden." Eine Fortsetzung des Gesprächs schien ihr nicht erwünscht, wenigstens nahmen ihre Züge einen unruhigen und ängstlichen Ausdruck an.
Zum ersten Male hatte Tatiana das Empfinden, daß sich mit dem Verstorbenen irgend ein Geheimnis verband. M mußte etwas sein, das in feinen Wirrungen die Jahre
überdauert hatte und noch jetzt Sorge erweckte. Auch dis Reise schien hiermit im Zusammenhänge zu stehen^ „Vielleicht werde ich in Moskau Klarheit gewinnens dachte fte, während ihre Phantasie die im Dunkel der Zeit verfließende Gestalt des Bruders in eine feste, be- stimmte Form zu bringen suchte, ohne jedoch ein wirklich zutreffendes Mld zu gewinnen. „Nach vierzehn Jahren — es ist unmöglich", gestand sie sich; „ich würde chrh falls er zu den Lebenden zurückkehrte, nicht wieder erkennen." —
Seit der Katastrophe im Gogol-Theater war Titian« mit Boris Mitrofanowitsch nicht mehr zusammengetroffen. Sie hatte erfahren, daß er wieder Besuche empfangen konnte. Ihm noch vor ihrer Abreise persönlich zu danken, erschicn ihr als eine unabweisbare Pflicht. Ihr Gefühl sträubte sich, in seinen Augen als teilnahmslos dazustehen; fte hatte das Bedürfnis, in seiner Erinnerung ein ungetrübtes Andenken zu hinterlassen.
Kurz entschlossen ging sie zur Klinik.
„Tatiana Jefimowna, Sie erinnern sich meiner noch?^ rief er freudig überrascht, als sie ins Zimmer trat. '
„Halten Sie mich, für eine Undankbare, die Ihren Mut und Ihre Opferwtlligkeit vergessen könnte?" fragte sie ernst.
„Ach! reden Sie nicht von mir", wehrte er ab. „Ich habe Ihnen zu danken für Ihre gute Kameradschaft.""
„Schöner Kamerad", lächelte sie, „der es zugelassen hat, daß Sie in dieses und nicht in unser Haus gebracht wurden. Bet uns hätten Sie sich' jedenfalls weniges vereinsamt gefühlt."
„Vereinsamt — ich? Oh, von solchen sentimentalen Anwandlungen bin ich frei. Ich kenne eine gute Arznei dagegen — sie heißt Arbeit. Hinter meinen Büchern und Zeitschriften ist mir die Zeit im Fluge vergangen."
„Ja, arbeiten", erwiderte sie mit einem leisen Anflug« von Schwermut, „ich möchte auch gern arbeiten, aber die Tochter von Jefim Godunow ist dazu verurteilt, die Hände tn den Schoß zu legen."
Er schaute sie verwundert an. „Wenn Sie den festen Willen haben", meinte er, „kann Ihnen die Ausführung doch nicht schwer fallen. Freilich, um ntateriellen Gewinn zu arbeiten, haben Sie nicht nötig, aber ich denke mir, daß Ihre Arbeit sich darauf richten muß, ein warmes Behagen im Hause zu verbreiten. Und solche Arbeit, die aus der Pietät gegen die Eltern erwächst, ist die schönste^ die eine Tochter unter Ihren Verhältnissen leisten kann.-
Sie schwieg eine Weile und schaute verlegen vor sich hin. Schon wieder war das Wort „Pietät" gefallen, das sich auflehnte gegen ihre Liebe. „Zwei Herren kann man doch nicht dienen", dachte fte. Ihre Befangenheit niederkämpfend, sah sie ihm fest in die gefürchteten Augen, und ihre Brust hob sich unter tiefem Atem, als wollte fte allen Zwang a ('schütteln.
„Boris Mitrofanowitsch", sagte sie mit Festigkeit, „Sie


