Ausgabe 
20.12.1902
 
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fte mit milden Worten mahnend, die Pietät gegen die Eltern zu wahren und Verstand und Pflicht über das Gefühl siegen zu lassen. Sie öffnete die Augen und sah "^Dch bringe es nicht fertig," flüsterte sie.es geht über meine Kraft. Mer um so teurer will ich Dimitry

Mihängen!" t

Sie legte mit zitternden Händen den Weisel rn Has Portefeuille zurück, brachte Alles schnell wieder in die ftühere Ordnung und riegelte die Thür wieder auf.

Ms Jefim Godunow nach wenigen Minuten ins Privatkontor zurückkehrte, starrte er tief bestürzt in das leichenblasse Antlitz feiner Tochter, die erschöpft in einen Sessel gesunken war. Auf seine angstvolle Frage klang ihm gedämpft die Antwort entgegen:Mich überfiel plötzlich eine Schwäche, aber ich habe sie überwunden."

Wassily Schischkin hatte soeben einen Brief aus Kiew erhalten, der ihn lebhaft interessierte. Je werter er den Inhalt las, um so größer wurde sein Erstaunen, und um fo gespannter verfolgte er Zeile für Zeile.

Tas ist toll", rief er, nachdem er zum Schluß ge­langt war.

In seiner bisherigen Praxis als Wvokat hatte er nur wenige Fälle erlebt, die so eigenartig gewesen waren wie der, den er jetzt zum Austrag bringen sollte.

Langsam legte er den Brief auf den Tisch Bequem im Sessel zurückgelehnt, begann er über das Gelesene Nachzudenken.

Rätselhaft kommen sie mir schon längst vor", ge­stand er sich.Es sind schwankende, schwer definierbare .Gestalten. Popow prahlt und ist eine lebendige Phra­seologie, während seine schöne Schwester sich als Pianistin aufspielt, um Zwecke zu verfolgen, die das volle Licht des Tages nicht zu vertragen scheinen. Für ihn ist charakteristisch der Redeschwall, mit dem er sein geringes Wissen zu verdecken sucht, und für sie das Älitzfeuer der Äugen, das über das mäßige Klavierspiel und die schlechten Kompositionen hinweg täuschen soll. Ich bedauere lebhaft, daß Glinka in ihre Netze geraten ist. Als Freund werde ich ihn bet Zetten warnen."

Nachdem er eine Weile überlegt, griff er zu einigen Gesetzbüchern und suchte in ihnen nach Paragraphen, die für den vorliegenden Fall zutreffend sein könnten, aber er fand nicht einen, auf Grund dessen sich ein erfolg­reicher Einwand oder gar eine Klage erheben ließ.

Er ist leichtsinnig gewesen, der gute Boris Mitro­fanowitsch Lyschnin", dachte er.Wie konnte er einem solchen Menschen in seine Ersindung Einblick gewähren, bevor er sich diese durch Patent gesichert hatte. Nun ist Popow ihm zuvorgekommen und hat sich mit edler Dreistigkeit das patentieren lassen, was in Wirklichkeit geistiges Eigentum eines anderen ist. Tie Rolle Dimitry Kalussoffs bei der Geschichte ist nur die untergeordnete eines Geldgebers, der das Patent ausnutzen will. Vom moralischen Standpunkte ist Popow zu verurteilen, vom gesetzlichen läßt sich nichts gegen ihn unternehmen. Nie­mand vermag es ihm zu beweisen, daß er nicht auf dieselbe Idee wie Boris Mitrofanowitsch kommen konnte. Fülle, in denen Erfinder auf denselben Wegen zu den­selben Ergebnissen gelangten, sind zwar selten, aber immerhin nachweisbar. Tas Beste ivird sein, ich warte mit irgend welchen Schritten, die sich ja versuchsweise unternehmen lassen, bis mein Mandant in Moskau ein- getroffen ist."

Wenige Stunden später befand sich Schischkin im Klub. In seiner Vermutung- daß Glinka kommen würde, täuschte er sich nicht. Der Erwartete erschien mit der Miene eines Mannes, der sich in gehobenster Stimmung befindet, und die Welt' im rosigsten Lichte sieht.

Ich wette, daß ihn nicht die Maisonne so vergnügt macht", schloß Schischkin,sondern ein Feuerblick der schönen Milica Popow. Greife ich nicht energisch ein, so kommt es zur Heirat und das wäre schabe um Glinka!"

Nachdem sie gespeist und sich in den Nauchsalon zurückgezogen hatten, kam das Gespräch auf Dimitry Kalussoff, der am vorhergehenden Wend beim Spiel wieder kolossales Glück gehabt hatte.

Tem Fürsten Trojanow hat er sogar einen Traber mit elegantem Gigg abgewonnen", lachte Schischkin,und

ischrin.Was hat »issen, Archip Petro-,

amen Sti!

Beweise für Ihr«

sein Elektrophon vorführen. Wollen Sie mir einen Ge­fallen erweisen, dann helfen Sie mir freundlichst, eine Anzahl Billets unterzubringen, damit nicht vor leeren Bänken gespielt wird." m ,

Schischkin sah zu den wallenden Wolken seiner Papy- ros empor und schwieg eine Welle, als sie ihm die Ant­wort peinlich!.Das kann ich nicht, Archip Petrowitschi sagte er endlich mit möglichster Ruhe.

Auf Glinkas Gesicht prägte sich unverhohlenes Er­staunen aus. Offenbar hatte er eine solche abweisende Antwort nicht erwartet. , ,

Und warum nicht?" fragte er, ohne ferne Erregung

bemeistern zu können.

Tas will ich als Freund offen gestehen", gab Schisch­kin zurück, während er ihn fest ansah.Weil id) Grund habe, Popow nicht für fair zu halten." , ...

Glinka fuhr auf.Haben Sie Be

nun fährt et hohnlächelnd vor den Fenstern des Fürsten mit oem edlen Renner spazieren."

Unter uns gesagt, mir kommt sein Glück verdächtig vor", meinte Glinka leise, während er sich vorsichtig um­sah.Er schaut die Rückseiten der Karten immer so scharf an, als ob er sich jede Linie des Musters einprägen' möchte. Noch verdächtiger ist mir, daß er am Mittel­finger der linken Hand einen Ring trägt."

Wieso einen Ring?" fragte Schischki" der mit den Karten zu thun? Sie wsi. . . . ..

Beruhigen Sie sich", sühr Schischkin fort.Den Beweis könnte ich erbringen, wenn er nicht gedeckt Ware durch das Amtsgeheimnis. Immerhin darf ich sreund- schaftlichst warnen, sich mit Popow einzulassen. Früher haben Sie ihn anders beurteilt, und ich vermute, daß Ihre Ansicht sich nur unter dem Einfluß schöner Augen unberechtigt zu seinen Gunsten gewandelt hat. Ist. Ihnen ein Freundeswort etwas wert, dann folgen Sie meiner Warnung, ehe es zu spät ist."

Archip Petrowitsch", fuhr er nach einer Pause ein­dringlich fort,wir kennen uns schon seit unserer Studlen- zeit in Charkow und Petersburg. Sie werden also verzeihen, wenn ich ohne Rückhalt rede. Ich würde es als großes Unglück ansehen, falls Sie Milieu Popow Ihre Hand reichten. Gewiß, sie ist eine Dame von bestechendem Aeußern, aber ich glaube nicht, daß sie noch weitere Vorzüge besitzt. Sie werden meine Worte kühn luden, aber als Freund glaube ich berechtigt, ja, ver­pflichtet zu sein, Ihnen rückhaltlos meine Meinung zu eigen."

Ihre Worte haben mich überrascht", entgegnete Glinka, während er mit Mühe seinen Gleichmut zu bewahren suchte^ da ich gar keine Veranlassung dazu gegeben habe,

witsch, ich spiele nicht."

Nun, gewisse Pariser Spieler, die aus dem Hazar- dieren ein Gewerbe machen, legen einem solchen Ring große Bedeutung bei, denn er besitzt einen kurzen, haar-

~ ist, mit dem sich in die Kartenecken feine, kaum merkliche Löcher stechen lassen. Hierdurch entsteht in der betreffenden Ecke eine Unebenheit, die das Tastgefühl des Spielers herausfindet, so daß er sofort weiß, diese oder jene Karte erhält jetzt dieser ober jener Partner. Selbstverständlich erfordert der Tric große Gewandtheit und Uebung, tote überhaupt das Korrigieren des Zufalls beim Kartenspiel nicht leicht ist. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit, ich beobachte Kalussoff scharf, und be­stätigt sich mein Verdacht, so fliegt er hinaus."

Beteiligt sich auch Popoto am Spiel?" warf Schisch­kin mit scheinbarer Gleichgiltigkeit hm, während er sich eine Papyros drehte und anzündete.

Nur selten. Mir scheint, daß er mit feinen Mitteln haushalten muß und sich! auf die Fährnisse des HazardS nicht einlasfen kann."

Was halten Sie von ihm?" forschte Schischkin.

Glinka schaute fein Gegenüber mit einer Miene an> als wollte er sagen: Tu kennst ihn doch ebenso gut wie ich. Mit einer gewissen Zurückhaltung meinte er» Heber seine elektrotechnischen Leistungen maße ich mir kein Urteil an; jedenfalls scheint sein Instrument ein« ehr beachtenswerte Erfindung zu fein. Daß er nach Ruhm bürstet und gern von fick reden machen möchte, siegt auf der Hand und ist auch wohl verzeihlich. Sie wissen/ in den nächsten Tagen wird er im Saale des Adelsklubs