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ist jemand!'
72. Kapitel.
„Nein, Sie befahl er.
„Warum?" ihren Körper.
„Lassen Sie ries die Gräfin geblieben war.
fragte sie, und ein neues Zittern befiel
doch das Mädchen gehen, mein Lieber!" von dem Platze aus, auf dem sie stehen „Sie ist nicht wert, daß Sie sich mit ihr
existiert?"
„Man hatte vermutlich vergessen, den Vorhang ganz herunterzulassen. Ich bemerkte dieses Versteck und--"
’ „Es ist gut. Gehen Sie. Suchen Sie meinen Kammerdiener Josef aus. Er wird Ihnen Ihren Lohn auszahlen, und Sie verlassen das Palais binnen einer Stunde."
Julie durchschauerte ein Entzücken. Sie hatte nicht gehofft, so leichten Kaufes davonzukommen. Tie Sache war zwar mißglückt, sie hatte nicht so viel Zeit gehabt, sich der Million zu bemächtigen, aber sie bewahrte immerhin ihre Freiheit. Sie konnte auf diese Art Paul Ouerzewski sofort ausfuchen, ihm alles wiederholen, was sie eben vernommen hatte, und dann mit ihm sofort entfliehen.
Mit gesenktem Haupte, als ob sie ihre That tief bereute, eilte sie nach der Thür.
Beinahe hatte sie sie schon erreicht, als sich. Georg, der bis dahin geschwiegen hatte, ihr in den Weg stellte.
~ werden das Zimmer nicht verlassen!"
abgeben."
„Ich bitte gehorsamst um Entschuldigung, Frau Gräfin", -entgegnete Georg, der Julie nicht aus den Äugen verlor. „Sie täuschen sich in ihrer Person. Tas ist kein gewöhnliches Kammermädchen, das man aus Neugierde oder einem Verrat ertappt hat. Tas ist eine gewesene Zuchthäuslerin. Noch in diesem Augenblick hatten wir über sie gesprochen. Vor kurzem noch hieß sie Minna. In Wahrheit aber heißt [ie Julie Farkas."
„Ah!" rief die Gräfin näbertretend.
„Ich — ich! Sie — Sie irren sichst, versuchte die Erkannte zu stammeln.
„Was das anbelangt, so erkenne ich Dich", erhärte Georg Rakenius. „War ich nicht am selben Tage mit D« vor dem Gerichtshof? Meinst Tu etwa nicht, daß ich jene
Unermüdliche Thätigkeit, welchen Eifer hast Du entfaltet, ihn zu retten! Und wem hat er es denn zu danken, wenn seine Unschuld erklärt wird?"
„Größtenteils Dir. — Deine Geständnisse waren es, die endlich dem Untersuchungsrichter die Binde von den Augen genommen haben." ,
„Sei es drum! Ich rechne darauf, daß er mir vergrebt, wie er auch Dir vergeben muß. Wir haben uns geliebt — wohl, das ist wahr, aber ohne daß wir aufgehört hätten, ihn zu lieben."
Bald sprachen sie nicht mehr über Franz von Sempach Sie sprachen über tausenderlei Kleinigkeiten und Intimitäten, wie sie eben nur Liebenden wertvoll urib wichtig erscheinen, als sich mit einmal die Gräfin aus seinen Armen losriß. Bleich, mit bebender Stimme rief sie:
„Wir sind nicht allein. Tort — hinter dem Vorhang
Nach einigen Sekimden schon hatte sie sich wieder gefaßt. Tann ging sie, ohne Zögern, der Gefahr mutig ins Auge zu schauen, festen Schrittes aut das dunkle Kabinett zu, das einen Teil des Ateliers ausmachte, und hob den .Vorhang empor.
Tort erblickte sie, in einem Winkel zusammengekauert, beinahe zusammengerollt, totenblaß, am ganzen Leibe zitternd, ihr Kammermädchen, Julie Farkas.
Tie Gräfin sah sie erst an, ergriff sie dann, nachdem sie sie erkannt, sich zu ihr niederbückend, beim Arm und zerrte sie in die Mitte des Ateliers.
„Was machen Sie hier?" herrschte sie sie an.
Julie hatte schon wieder ihre ganze Sicherheit wiedergesunden.
„Verzeihen Sie mir, Frau Gräfin", antwortete sie. -Mein Verbrechen war nur Neugierde. Tas Gesinde hat mir so viel von den Gemälden und von den wundervollen Tingen gesprochen, die hier sein sollten. Ich ging eben über den Gang, fand da die Thür offen und trat ein, um einen Blick hineinzuwerfen. Plötzlich vernahm ich Schritte und eine Stimme. Tie Frau Gräfin kamen nach dieser Seite. Ta packte mich die Angst, und ich stürzte in das Kabinett."
„Woher wußten Sie, daß hier überhaupt eines
Zeugen, die derart belastend gegen meinen besten Freund aussagten, wie mit tausend Augen beobachtete? Jawohl', Tu hast keine Ahnung davon gehabt, daß Herr von Sempach hier bekannt war, und wolltest Tich gerade in jenem Hause verbergen, das das allergrößte Interesse daran hatte, Tich zu entlarven und Tich auszuliefern."
„Ah, das ist sie also!" ries die Gräfin. „Ta giebt es nichts mehr zu zögern, ich werde sie einfach verhaften lassen."
Wie vom Donner gerührt, zu Tode erschrocken, brachte Julie erst kein Wort hervor; sie fühlte, sie war verloren. Doch das Gefühl der Angst verlieh ihr wieder Kraft. Mit einem Satz sprang sie zurück, lief mit erstaunlicher 53 hendigkeit um Georg herum und erreichte die Thür.
Tie Bewegung war eine so unerwartet plötzliche, daß es ihr vielleicht wirklich "gelungen wäre, zu entkommen, wenn diese Thür wenigstens nur halb offen gestanden hätte, aber während sie sie zu öffnen versuchte, hatte sie Georg bereits eingeholt, bei den Schultern gepackt und in das Atelier zurücigeschleudert.
„Wollen Sie klingeln!" sagte er gleichgilttg zur Gräfin.
Julie jedoch versuchte auf einem anderen Gebiete mit neuen Waffen zu kämpfen. Ta sie sich physisch besiegt fühlte, wollte sie sozusagen moralisch weiter kämpfen. Eben als sich die Gräfin einer elektrischen Klingel genähert hatte, rief sie aus:
„Hüten Sie sich wohl vor dem, was Sie thun wollen! Wenn Sie rufen, wenn man mich verhaftet, so bringe ich Sie beide ins Verderben!"
„Was willst Tu damit sagen?" fragte Georg, ihr drohend auf den Leib rückend.
„Ich will sagen", zischte Julie kreideweiß, mit pfeifender Stimme, mit ihrer Zunge pfeilgeschwind über ihre Lippen streichend, mit jener Zunge, die sie wieder ui die giftige Viper verwandelte, „ich will sagen, daß ich in diesem Gobelin von meinem Versteck aus ein Loch geschnitten habe — sehen Sie sich's nur an, Sie können es noch bemerken — und daß ich durch dasselbe Ihre Geheimnisse entdeckt habe. Ah! Und da konnte man ganz hübsche Dinge sehen und hören! Beim Satan! Sie können es noch besser als ich. Tie große Dame, deren Tugend weltberühmt ist, würde in nichts hinter mir zurücksteheu. Und ich sollte mich doch darin auskennen! Eigentlich war die Sache ganz famos! Anfangs machte mir die Sache riesigen Spaß, aber man ist auch nicht von Stein, und ein blöder Seufzer hat mich verraten! Wenn Sie mich nicht hinauslassen, wenn Sie mich verhaften lassen, so erzähle ich alles, alles, alles, jede Kleinigkeit!"
,Nun, Schurkin", erwiderte die Gräfin mit vollkommenster Ruhe, „Tu sollst sehen, ob ich diese ganze Welt fürchte."
Ihr Finger wollte eben auf den Knopf der elektrischen Klingel drücken, als Georg rasch auf sie zutrat, sich zu ihr herabbeugte und leise in ihr Ohr flüsterte:
„Klingeln Sie nicht. Rufen Sie nicht, nur fallt eben etwas ein. Wenn wir sie verhaften, so entgeht nns ihr Komplize. Machen Sie so, als ob Sie Angst vor ihr hätten, und lassen Sie sie weggehen. Ich werde sie verfolgen lassen. Nur sehen Sie zu, daß wir Zeit gewinnen. Halten Sie sie wenigstens noch eine Stunde int Palais zurück.
Mit lauter Stimme, um von Julie gehört zu werden- füate er bei *
„3cf) flehe Sie an, Gräfin Olga! Es handelt sich um Ihre'Ehre. Sie wären verloren."
Als ob sie zögerte, ihm zu willfahren, antwortete fier
„Es ist aber meine Pflicht, diese Elende den Gerichten auszuliefern." . „ /v
„Denken Sie zuerst an sich — an uns beide. _
„Wenn ich sie aber freilasse, wer sagt wir, daß sie nicht spricht?" _
Julie, die am anderen Ende des Ateliers, an die Mauer gelehnt, ihnen angstvoll und atemlos zuhörte, schöpfte wieder etwas Hoffnung und sagte: .
„Was für ein Interesse hätte ich daran, zu sprechen? Wenn Sie mir nichts Uebles thun, so habe ich keine Ursache mehr, mich zu rächen."
Noch immer schien die Gräfin zu schwanken, endlich sagte sie, als ob sie sich schließlich gefügt, hätte:
„Gut denn! Sie soll gehen! Tie Polizei wird sie schon wiederzufinden wissen. Aber in meinem Atelier, auf meinem! Tisch haben wichtige Papiere gelegen und Briefe in der Lade.


