Nr. 173.
Freitag den 20. November.
1902.
^ÖFo^r.aute. H.NOII. Glissen
WM»
(Nachdruck verboten.)
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-
(Fortsetzung.)
öfgct, Dovonkoff unterbrach jetzt ihre Träumerei, um einen Blick auf die große Stutzuhr aus der Zeit des sechzehnten Ludwig zu werfen, die vor ihr stand, und je weiter die Zeiger rückten, desto mehr verfinsterte sich nach und nach ihre Stirn — ihre Lippen verloren ihr Lächeln — Unruhe schien sie zu quälen.
Ta vernahm sie in dem Gang, der nach dem Atelier sührte, ein Geräusch. Sie sprang empor, eilte diesmal ohne jede Schlaffheit oder Mattigkeit nach der Thür und schloß auf. Es war Georg Rakenius.
Er schloß die Thür hinter sich, nachdem er eingetreten war, und ließ den Vorhang fallen.
Erregt und von Freude gerötet, eilte sie ihm entgegen; er schloß sie voll inniger Liebe in seine Arme.
„Tu hättest früher kommen sollen. Woher kommst Du
„Aus dem Justizpalast. Alles geht für unseren Freund nach Wunsch. Ter Untersuchungsrichter glaubt jetzt mit Sicherheit die Namen der Schuldigen zu kennen."
„Tas Stubenmädchen Minna und den Zeugen Keßler."
„Ja, oder vielmehr Julie Farkas und Paul Quer- zewski. Leider hat man sie noch nicht."
„Vermutet man, daß sie sich ins Ausland geflüchtet haben?"
„Nein. Müller, der Kriminalinspektor, der uns momentan von so ungeheuren! Werte ist, behauptet, sie hätten Berlin noch nicht verlassen. Er vermutet, daß sie sich in irgend einen geheimnisvollen Schlupfwinkel zuruckgezogen haben, den er jetzt Tag und Nacht sucht"
„O weh! Berlin ist groß!"
„Tas wohl. Wer in zwei bis drei Vierteln hat er seine ernstesten Nachforschungen bereits beendet. Müller war heute morgen bei mir, nm mich um einige Auskünfte zu bitten — und ich muß ihn heute noch einmal treffen. Man kann sich auf den Eifer und die Klugheit dieses Mannes blind verlassen. Durch einfache Logik und mit Hilfe alter Erinnerungen kam er so weit, die Schuldigen unter ihren angenommenen Namen zu erkennen — und er setzt eine Ehre darein, die Verbrecher der Justiz auszuliefern zum Beweise dessen, daß er sich nicht getäuscht hat."
Julie beobachtete nicht mehr. Ihr Ohr gegen den Vorhang gelehnt, horchte sie mit Beben.
„Toch ist es immerhin möglich, daß dieser Kriminalinspektor tvotz all seiner Klugheit und seines Eifers keinen Erfolg hat", warf die Gräfin ein. „Was wird dann geschehen?"
„Franz wird dann trotzdem in beiläufig vierzehn Tagen
citgeurteilt werden. Tie Schlußverhandlung ist unbermeiü» lich. Bon dem Augenblick an, daß ein Angeklagter vor das Schwurgericht geschickt wurde, hat er auf alle Fälle vor dem Richterstuhl zu erscheinen, selbst in dem Falle, daß neue Thatsachen seine eklatanteste Unschuld erweisen. Wer das ist jetzt nur mehr Formsache. Tie Staatsanwaltschaft zieht jetzt die Anklage zurück und fordert Freispruch, den die Geschworenen auch eiligst bestängen. Später entspinnt sich ein neuer Prozeß, in dem dann die wirklich Schuldige« gerichtet und auch verurteilt werden."
„Wenn Sie aber noch nicht verhaftet worden sind?^ „Tann werden sie in contumaciam verurteilt."
„Auch von meiner Seite habe ich einen wichtigen Schritt unternommen, der mir auch geglückt ist", sagte die Gräfin. „Morgen, vielleicht schon heute, wird unser Freund auf Ehrenwort auf freien Fuß gesetzt werden."
„O", zuckte Georg zusammen, der plötzlich gedankenvoll wurde.
„Tu hast Angst?" fragte sie ihn, einen Arm um seine« Hals schlingend, ihre Augen tief in die (einigen senkend.
„Nein, nicht das. Ich habe vollkommenes Vertrauen. Aber sein erster Besuch wird entschieden Dir gelten. Was! wirst Tu ihm sagen?"
„Tie volle Wahrheit."
„Ja, es muß sein. Wer es wird ihn furchtbar Hartz treffen."
„Weniger hart, als Du denkst."
„Wieso?"
, „Weil es unmöglich ist, daß er nicht durch das Opfer Teiner Schwester, durch ihre edle Bereitwilligkeit, mit der sie die That vollführt hat, gerührt worden wäre."
„Und Tu glaubst?"
„Daß er sie lieben wird, —--wenn er sie nicht
schon geliebt hat."
„Tas ist unmögliche Er hat nur Dich geliebt."
„Mich geliebt? Vergleiche ich Deine Liebe mit der (einigen, dann zweifle ich daran. Seine Eitelkeit war durch mich gefangen, seiner Einbildung geschmeichelt. Sein Herz aber, davon bin ich fest überzeugt, gehörte schon seit langem seiner Jugendfreundin, die er Tag für Tag sah und deren tiefe Anhänglichkeit er erraten mußte. In jedem Fall, wenn er mich noch liebt, werden ihn die Geständnisse, die ich ihm zu machen habe, und der Schlag, den ich, führen muß, für immer heilen, sei dessen versichert."
„Ja, vielleicht. — Was aber wird er von mir denken? Nicht sein Zorn ist's, den ich fürchte. Ich fürchte nur, daff unsere Intimität darunter leidet, daff unser brüderliches! Verhältnis zusammenbricht."
„Deine Schwester wird es wieder zusammenknüpfem Und dann — muß denn nicht sein Groll bei dem ®ei danken an alle die Dienste, die Du ihm geleistet hast, weichen? Hast Tu jemals an ihm gezweifelt, als ihn die ganze Welt verurteilt hat? Hast Du ihn nur einen Augew< blick verlassen? Wieviel Schritte hast Tu gethan, welch,«


