Ausgabe 
20.10.1902
 
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irgend eine Gelegenheit, bald da, bald dort ein Geld­stück zu stehlen oderWaisen" einzukassieren."

Waisen?" fragte Georg erstaunt.

Ja, so nennt man ausgegebene, herrenlose Summen, die auf dem Spieltisch von irgend einem Spieler, der nicht wußte, daß er sie gewonnen hatte, zurückgelassen wurden."

Und dann Ihr Mann also Müller, glaube ich ist beauftragt--"

Die Polizei der Spielsalons zu vertreten. Und da diese Stellung sich ganz gut rentieren dürfte, zweifle ich sehr, daß er sie aufgiebt."

Wenn man ihm jedoch eine große Summe als Schadenersatz und weit mehr noch für etwaigen Erfolg anbieten würde er braucht ja nicht seine Stellung gleich aufzugeben. Er kann ja wegen wichtiger, unvor­hergesehener Ereignisse von größter Dringlichkeit einen Urlaub nehmen. Ich habe dort genug Verbindungen und genügend Einfluß, ihm seine Stelle wieder zu verschaffen, falls er zu lange fernbleiben sollte."

Ja, ja", bemerkte Sanftleben,dies ließe sich ja schon alles einrichten. Mer welche Unmenge Zeit wir indes verlieren! Man muß schreiben, die ganze Geschichte auseinandersetzen, seinen Einwendungen, die er machen wird, wieder antworten,' wir werden damit gar Nicht fertig werden."

Also reisen Sie hin. Holen Sie ihn persönlich ab'."

Was! <Äe wollen, daß ich"

Warum denn nicht? Sie sprechen Müller, erklären ihm den ganzen Sachverhalt, widerlegen seine Einwen­dungen, und wenn er einwilligt, uns zu helfen, nehmt Ihr beide beit Nachtexpreß, so daß Ihr in vier Tagen ganz gut zurück sein könnt. Tas ist gar nicht so schwierig. Ich habe genau dieselbe Fahrt vor drei Jahenr gemacht, als meine Schwester so schwer erkrankt war, daß ich sie nach dem Süden bringen mußte."

Und die Arbeiten, die ich gerade unter den Händen habe?" bemerkte Sanftleben, schon etwas schwankend, aber noch immer zögernd.

Diese Sache ist wichtiger als alles andere. Ent­schließen Sie sich sofort. Es ist sechs Uhr. Sie haben nur noch eine Stunde Zeit."

Tas ist mehr, als ich brauche. Ich bin an solche plötzlichen Abreisen gewöhnt. Tvch möchte ich noch meinen Leuten bestimmte Weisungen zurücklassen, und augenblicklich ist kein einziger zur Stelle. Mle arbeiten an verschiedenen Orten."

Eben diesen Augenblick ertönte die Klingel der Ein- gangsthür, und man vernahm das Geräusch von Schritten im Vorzimmer.

Wenn das nur Hesekiel wäre", rief Sanftleben und eilte in das vor dem Bureau liegende Zimmer. Wenige Minuten später kam er schon wieder zurück und sagte zu Georg:

Es war gerade mein erster Beamter Hesekiel. Ich habe ihm noch einige Aufträge zu geben, dann reise ich ab."

Brauchen Sie Geld?"

Nein, danke, wir werden später abrechnen. Ver­zeihen Sie, wenn ich. Sie verlasse. Ich muß nur rasch mein Gepäck fertigmachen."

Lassen Sie sich nicht aufhalten. Wollen Sie mir übermorgen abend eine Depesche senden, um mir mit­zuteilen, ob Müller zugestimnit hat?"

Gut, eine Depesche mit versteckten Worten und von einem Phantasienamen unterzeichnet. Ich depeschiere dann die dort gebräuchliche Wendung:System hat gewonnen", oderSystem gesprungen". Tas soll heißen:Müller nimmt an, oder er lehnt es ab." Ich werde mich mit Cerevis unterzeichnen. Bitte um Ihre Adresse."

Halensee, Villa Rakenius."

Gut, idEii will sie nicht vergessen. Adieu also, Herr Rakenius."

Georg ging sofort nach Hause, um mit Bertha zu speisen und ihr das Resultat seiner beiden Gänge zum Rechtsanwalt Grünbaum und zum Tirektor des Detektiv- Instituts mitzuteilen. Nach Tisch aber eilte er zur Gräfin Doroukoff, die er bereits eine Ewigkeit nämlich den ganzen Tag über nicht gesehen hatte..

(Fortsetzung folgt.)

Meine Puppen?)

(Nachdruck verboten.)

Ich erinnere mich noch meiner ersten Puppe, einer prachtvollen Puppe, die für mich viel zu groß war, und vor der ich mich fürchtete, trotz ihrer gelockten Haare, ihrer glänzenden Augen, ihres Seidenrockes, unter dem zwei kleine ä jour gestrickte Strümpfe und Schnallenschuhe hervorsahen. Nachdem ich sie genügend bewundert, ver­bannte ich sie in die Tiefe eines Schrankes, wo sie in­mitten alter Spielsachen mit ausgebreiteten Armen, die lebhaften Augen zur Wand gekehrt, liegen blieb. Von Zeit zu Zeit nahm ich sie heraus, betrachtete sie und legte sie dann schnell in die Schachtel zurück, ohne mich ent­schließen zu können, mit ihr zu sprechen oder zu spielen.

Ich hatte nach ihr noch viele andere, schlecht gemalte Puppen, welche beim ersten Tropfen Wasser die rosige Farbe ihrer Wangen verloren. Welche Verzweiflung, wenn ich die Puppe nach dem ersten Waschen entfärbt und meine Finger rot von ihren frischen Farben sah! Man tröstete mich:Wenn sie trocken ist, kommt die Farbe wieder. Und zehnmal im Tag eilte ich, tiefe Reue im Herzen, zu dem kleinen Opfer meiner Reinlichkeitsliebe, welches, sorg­sam an einen Stuhl gelehnt, den resignierten Blick ins Leere richtete. Ein weißer Fleck wie von einer schlecht getrockneten Thräne entstellte ihr eine Wange, und das Herz blieb mir schwer für lange Zeit. Auf den Teppichen umhergeschleift, vom Tisch gestürzt, auf den Stühlen liegen bleibend,' ging die Puppe endlich zu Grunde, die blauen Augen verblaßten, der Mund verlor sein hübsches Lächeln, die Arme ihre abgerundeten Formen, doch wenn irgend ein Festtag mir eine neue Puppe brachte, blieb die andere, mit dem zersprungenen Kopf, den zugenähten Gliedern, immer noch mein Liebling. Diese Vorliebe entsprang einem Gefühl der Zärtlichkeit, als riefen mir diese Verletzungen all die schönen Stunden des Spiels und all meinen, bei jedem neuen Unfall leicht erregten Kummer zurück. Noch kannte ich die Eitelkeit nicht; noch erfüllte mich ganz und gar nur unerfahrene Zärtlichkeit, das beglückende Gefühl des Beschützens, denn meine größte Wonne war, mein Püppchen in seiner Wiege aus Weidengeflecht zur Ruhe zu bringen, auf die Gefahr hin, ihr Spitzenhäubchen mit den bunten Bändern zu zerknittern.

Eines Abends hntrbe ich von dem Schaufenster eines Puppenladens mächtig angelockt. Wir mußten eintreten, und wählten bei dem Lichte der eben angezündeten Gas­lampen eine der niedlichen Puppen mit den durchsichtig schimmernden Porzellangesichtern. Meine Erwählte hatte feines Haar, das naß gekämmt iverden mußte, ein Kleid von demselben Schnitt wie mein eigenes, und ein Batist- schürzchen. Wenn ich jetzt daran denke, erscheint sie nur recht einfach und nüchtern. Keine Seide, kein Schmuck, kein Schildkrotlorgnon, keine Schleppe, keine Puffen. Aber sie sah aus tote ein kleines Mädchen und flößte mir mütterliche Gefühle ein. Für sie habe ich die ersten Tüllrestchen und Bandendchen gesammelt, für sie zu ar­beiten begonnen in jener Fensternische, in jener traulichen Ecke, wo das Licht gedämpft hereindringt, tote in einen mit Vorhängen drapierten Alkoven. Ich versuchte zuzu­schneiden; und dank der Ungeschicklichkeit der kleinen un­geübten Hände brachte ich es dahin, aus dem schönen, leb­haft nuancierten Stoff, der für ein ganzes Puppenkleid' gereicht hätte, einen Keinen Kreis herauszuschneiden, ge­rade groß genug, um einen runden Hut zu überziehen.! Ohne mich dadurch entmutigen zu lassen, versuchte ich das Mhen. Allmählich gewöhnte ich mich an das ruhige Sitzen, lernte ich den Zauber der Regentage und der ge­duldigen Arbeit kennen, welche die Stunden kürzt, die Minuten mit dem regelmäßigen Geräusch der Stiche füllt. Tie kleinen Hände machten den Saum zu grob, mein Faden verwirrte sich, ich wurde ganz rot vor Aufregung, verlor meinen Fingerhut, meine Schere, der Knäuel tollte zur Erde und verwickelte sich, als hätte ein junges Kätzchen da­mit gespielt.

Tann hieß es den Arbeitstisch öffnen, und mit behut­samer Hand zwischen all diesen mit winzigen Gegenständen gefüllten Kästchen und Schächtelchen wählen, bereu Ge-

*) Mit Genehmigung des Verlags Herm. Seemann Nachf. in Leipzig, dem kürzlich erschienenen Buch von Ma­dame Alphonse DaudetPariser Kinder und Müt­ter" (Preis 3'Mk.) entnommen.