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.Manz richtig, der Mater." ’
„Somit stehen Sie gewiß auch' in Verbindung Itttt vielen Journalisten?"
„Mit einigen."
„Tann werden Sie so freundlich sein, falls ich den Schuldigen entdecke, die Herren zu veranlassen, zu veröffentlichen, daß ich derjenige war, der ihn entdeckt hat. Es ist mir schon so oft gelungen, die Kastanien aus dem Feuer zu holen, so daß ich wirklich gerne sie einmal auch selber essen möchte."
„Tas sollen Sie haben. Ich verspreche es Ihnen- — Doch Sie fürchten sich vor Entdeckung. Werden Sie dadurch nicht um so leichter entdeckt werden?"
„Ich riskiere den Handel. — Mem Gott, die Eckel- keit des Berufs. — Und dann: die Geschichte interessiert mich Sie bringt etwas Abwechselung in das Einerlei des Tages. Aber kommen wir aus das Thema zuruck. — Ihrer Meinung nach ist also Ihr Freund unscyrudig an dem Verbrechen, dem er es verdankt, daß er vor dav Schwurgericht gestellt wurde?"
„Vollkommen unschuldig."
„Tas ist sehr leicht möglich. — Ich verstehe mich etwas auf - Prozesse, und als ich die Zettungsberrchte las, sagte ich mir sofort: „In der Geschichte ist etwas nicht ganz klar." Versuchen wir also Licht in die Sache zu bringen."
„Fragen Sie."
Herr Sanftlebeii, an seinem Schreibtisch sitzend, die Ellbogen auf dem Tisch, den Kopf in die Hande gestutzt, fing wieder an: , „ , , , ,
„Wenn ich Sie richtig verstanden habe, so glauben Sie infolge Ihrer Unterredungen mit dem Angeklagten, i Ihrer eigenen Reflexionen und verschiedener anderer Beobachtungen, daß das Stubenmädchen Minna, eine Zeugin im Prozesse, in dem Verbrechen irgend eme aktive Rolle spielt und geholfen hat, es zu begehen." Er machte emige Notizen.
"und^Sie^agen sich: ,Jch möchte über alle Beweg- I unaen und Handlungen dieses Mädchens auf dem Laufen- I den bleiben, möchte ihre Gewohnheiten und Verbindungen kennen lernen und sie, wenn möglich, mit ihrem Mit- | schuldigen ertappen'."
„So ist es."
Sanftleben schwieg einen Augenblick, dachte nach und
Wieso?" 1
"Na, das ist doch sehr einfach. Wenn es mir wirklich gelingt, Ihren Auftrag zu erfüllen und den Mörder der Frau von Sanden zu entdecken, so beweise ich den Kommissaren, der Staatsanwaltschaft, allen Richen haarscharf von A bis Z, daß sie nichts verstehen und daß ich stärker als sie bin, daß chnen meme bescheidene Agentur gewaltige Konkurrenz macht.
„Und was ist dabei, wenn Sie ihnen das beweisen? ]
„Ja, Sie reden von Ihrem Standpunkt aus. Ich muß Ihnen offen sagen, daß ich mich dabei ungemein Schwerem aussetze. Man liebt es nicht höheren Orts, daß wir uns mit Fällen abgeben, die die Krinnnalbehorde angehen. Um mir beizubringen, mich ruhig zu verhalten, wird die Verwaltung sich alle Mühe geben, mir zu schaden, und mir allerlei Unannehmlichkeiten zu bereiten, danke. Ich habe ohnedies schon solche bis über den M'oVf/z
ja. Sie mögen gewiß recht haben. Aber rechnen Sie andererseits die Genugthuung und Eitelkeit für nichts, die Sie empfinden werden, wenn es Ihnen gelingt, da durchzudringen, wo andere es nicht vermochten, — einen unseligen Irrtum zu zertrümmern, und der Wahrheit Mm Siege zu verhelfen?"
„Gewiß, gewiß — ich bin dafür sicher nicht unempfänglich. Tenn wäre ich es, dann würde ich Ihnen gleich von vornherein gesagt haben, daß ich die Sache nicht übernehme. Ich sage Ihnen bloß: ich riskiere viel, sehr viel."
„Und wir sind Ihnen eine Entschädigung schuldig, das ist vollkommen richtig. Bestimmen Sie selbst den Preis. Herr von Sempach ist sehr reich, und ich bin selbst etwas vermögend. Sie kennen mich vielleicht dem Namen nach. Ich heiße Georg Rakenius."
„T>er Maler?"
sagte endlich: ., . , . .
„Ja, unglücklicherweise kenne ich keinen einzigen Menschen, dem man eine so delikate und schwierige Mission anvertrauen könnte. Ihre Minna muß eines jener gerissenen Frauenzimmer sein, die allem und Witt Menschen mißtrauen. Um sie zu überwachen und m flagranti zu ertappen, brauchte ich einen Menschen, der sich in all diesen Spitzfindigkeiten und Geriebenheiten auskennt, einen Menschen von Geschick und Msdauer. Es ist noch nicht so lange her, daß ich einen solchen gehabt habe — doch der ist mir ausgekniffen. Es war dies ein gewisser Müller, ehemaliger Sicherheitsinspektor noch zu Zeiten des früheren Polizeipräsidenten. Ws sem Chef seine Entlassung einreichte, hielt er sich für verpflichtet, auch die seinige einzureichen. Ich bot ihm dann sofort an, in meine Dienste zu treten. Ich hatte ihm jedes Gehalt gegeben, das er nur verlangte. Leider war er gerade nach Monte-Carlo abgereist."
„Er ist Spieler?" fragte Georg auflachend.
„Gott bewahre, nein! Er kennt aber all die Kniffe der Falschspieler, der „Griechen" und „Philosophen", wre man sie nennt. Ehe er in den Kriminaldienst trat, war er ! beim Präsidium angestellt, im Requisitionsbureau, ui der Abteilung für Glücksspiele. Die Direktion von Monte- Carlo, der ihn sein früherer Chef anempfohlen hatte, dachte, er könnte dort, ganz gut von Nutzen sem, um verdächtige Spieler zu bezeichnen, und ihnen das Wiederbetreten der SpielsälZ zu verbieten — eventuell sie jit überwachen — wenn sie eingetreten wären. Und daraufhin ließ sie ihn hinkommen." ,
„Ich glaubte", warf Georg ettt, „daß man weder bei ! Roulette noch bei trente et quarante falsch spielen könnte.■
„Ja, es ist nicht leicht. Wer der „Grieche" wagt j alles. Abgebrannt und aus seinem Klub hinausgeworfen, | denkt er sich einfach: „Dort in der Menge bemerkt mich | kein. Mensch". Er schmuggelt sich ein und erwischt bald
43. Kapitel.
Theodor Sanftleben, der Direktor der halbpolizeilichen Agentur, au den Georg empfohlen worden war, beeilte sich, seinen Besuch nach einem raschen, prüfenden Blick m das Zimmer zu geleiten, das ihm als Bureau diente.
Georg nahm Platz und erklärte ihm die Beweggründe, die ihn hierhergeführt.
„Verdanrmte Geschichte", sagte Sanftleben, nachdem er ihm aufmerksam, ohne ihn zu unterbrechen, zugehort hatte. „Sie machen mir also den Vorschlag, mich rn offenen Kampf mit dem Polizeipräsidium oder vielmehr Mit der Justiz einzulasfen?"
nichts! Ich werde die Beweise meiner Unschuld niemals i ±u teuer bezahlen."
„Seien Sie ohne Sorge", sagte Bertha.
Plötzlich ergriff fie, mit dem Entschluß, ihm zu sagen, was ihr auf dem Herzen lag, Sempachs Arm, zog ihn beiseite und sagte ihm mit leiser, hastiger und aufgeregter ^'^,We'nn es uns aber nicht gelingen sollte, wenn wir beit Schuldigen nicht erwischen können, sind Sie auch dann immer noch entschlossen, zu schweigen?"
"|n. U—0£©ie verstehen mich ganz gut-, Nötigen
Sie "mich nicht, mich deutlicher auszudrücken."
Ja Ich werde immer schweigen , antwortete er, ihr di? Hand pressend. „Es ist meine Pflicht. Ich bitte Sie, Kindchen, in diesem Punkt nicht weiter in Mich zu dringen. Sie würden mir wirklich Kummer bereiten. s „Es ist gut", sagte sie, wie dumpf entschlossen. ,
Sie trennten sich unter tiefer Bewegung, Thranen in den Augen, und während die beiden Besucher, nachdem sie einen Hof durchschritten hatten, dem Ausgange zu- gingen, kehrte der Gefangene, von einem Schließer begleitet, in seine Zelle zurück.
An demselben Tage um sechs Uhr konnte Georg mit Herrn Grünbaum, der die Verteidigung Sempachs übernommen hatte, sprechen, und dieser versprach ihm, sich den folgenden Tag zu Sempach zu begeben, um sich mit ihm zu unterreden. , _ , ,,
Nachdem er sich dieses ersten Auftrags entledigt hatte, begab sich Georg zu dem Ches jenes Tetektivbureaus, dessen Adresse er soeben erhalten hatte.
Durch den Eifer und seine Bemühungen, seinen Freund zu retten, hoffte er das Unrecht gegen ihn zu verringern und seine Gewissensbisse zu betäuben. -


