Morttag den 20. Mtober.
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1902. — «r. 156.
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(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel.
(Fortsetzung.)
,,Wir werden schon rasch handeln.' Darin liegt die Schwierigkeit nicht. Was aber sollen wir thun? Haben Sie darüber nachgedacht?"
zzSct. Minna müßte streng beobachtet werden- Sie dürfte jetzt nicht mehr so viel Borsichtsmaßregeln gebrauchen wie vordem. Tie Untersuchung ist zu Ende. Deshalb braucht sie nicht mehr dieselbe Angst zu haben. Ein lebhaftes, leichtes Geschöpf wie sie begeht doch einmal irgend eine Unvorsichtigkeit. Sie wird doch früher oder später ihren Gehilfen Wiedersehen, sei es, daß er zu ihr oder sie zu ihm geht. Es handelt sich also darum, sre zu ertappen."
„Wer wird sie aber ertappen können? 'Da müßte man sie ja ununterbrochen, jeden Augenblick beobachten lassen. Ain wen sollen wir uns da wenden?"
„Warum nicht an Wilhelm?" schlug Georg vor.
„Nein", antwortete Herr von Sempach „Ter ist nicht mehr jung genug, eine solche Rolle durchzuführen. Es bedarf hierzu einer großen Agilität, Geschicklichkeit und einer gewissen gewerbsmäßigen Uebung." '
„Dieses Gewerbe betreibt eben die Polizeiagentur", bemerkte Georg. „Und Tu sagst ja selbst, daß die Polizei —"
„Ja, es gießt aber zwei Arten von Polizei: eine echte und eine unechte. Tie erstere versieht den Dienst der Sicherheit und handelt nach den Befehlen der Justiz. Tre letztere aber steht im Dienste von Privatparteien, dre sie bezahlen."
„Ah so — Du willst also von diesen Geheimagenturen sprechen," fiel Georg ein, „von Privatdetektiven?" . „Ganz recht. Es ist immerhin bedenklich, sich ihrer rn emer Privatsache zu bedienen oder wenn der Zweck, den man verfolgt, delikater Natur ist. Ich für meine Person habe stets jene Ehemänner getadelt, die ihre Frauen durch solche Leute bewachen ließen. Es liegt dann rm Interesse der letzteren, die Betreffenden schuldig zu smden, und deshalb verleumden sie manchmal oder übertreiben, was sie gesehen haben. — In unserem Falle aber Uegt die Sache anders. Ich bin dabei nicht mehr allein im Spiel. Die ganze Welt ist gespannt darauf, einen Uebelthäter, einen Mörder entdeckt und verhaftet zu sehen. Es handelt sich hier um einen Kriminalfall, in dem die Polizei wohl auf ihrem Platze ist, aber nur die Rolle spielt, die ihr obliegt. In jedem Falle wäre es besser, wenn wir wirkliche, glaubwürdige, in vieler Hinsicht fachmännische Tetektives haben könnten. Man wird sie uns über nicht geben. Wir haben nur das Recht, uns an ihre .Stellvertreter, ay ihre zweite Auflage zu wenden."
„Waren sie nicht oft im 'Dienste des Präsidiums"» fragte^Georg, „ehe sie ein eigenes Unternehmen grihtn
„Oft nicht; aber schon manchesmal. In Ungnade bei ihren Borgesetzten, aus der oder jener Ursache unzu-i frieden oder in der Hoffnung, besser bezahlt zu werden^ gingen sie aus einem Feld in das andere über, aus dem großen in das kleine."
„Und man kann ihnen vertrauend fragte Bertha..
„Ihrer Geschicklichkeit, Wachsamkeit, ausdauernden Beobachtung und Geduld unbedingt. Und das' ist alles, was wir brauchen."
„Wo kann man diese Menschen finden? Ich habe nämlich von den Sachen keine Ahnung."
„Tas kann Euch- mein Rechtsanwalt am ödsten sagen." „Ah ! Sie haben sich- einen Rechtsanwalt genommen?" „Ja, Rechtsanwalt Grünbäum, dessen Talent weitbekannt ist, und seine Rechtschaffenheit so sehr wie sein Talent. Ich werde ihn von meiner Unschuld überzeugen^ und er wird mich verteidigen, tote ich verteidigt werden will, ohne es zu versuchen, die Geschworenen zu rühren, sondern nur versuchen, sie zu überzeugen. Ich will nichts! rhrem Mitleid zu verdanken haben — ich will bloß Gerechtigkeit. — Ich bitte Dich, Georg, suche ihn heute sofort auf und beauftrage ihn, meine Sache sobald als möglich in die Hand zu nehmen und herzukommen, um sich- mit mir zu besprechen."
„Abgemacht. Tu kannst auf mich rechnen."
„Soll mein Bruder von dem Verdacht sprechen, den wir hegen — von unseren Plänen?" fragte Bertha.
„Nein, man muß erst abtoarten, bis sich dieser Verdacht verstärkt — bis wir Aussicht haben, unsere Pläne zu verwirklichen. Ich halte dafür, daß sich mein Verteidiger bis auf weiteres darauf beschränkt, die Akten, wie sie vorliegen, zu studieren und zu versuchen, daraus! so viel Vorteil als eben möglich zu ziehen. Wenn ich ihm hingegen Hoffnung mache, die Schuldigen auszu- liefern, — und ich sie dann nicht ausliefere, würde er alles Vertrauen in seine Sache, respektive in die meinige, verlieren. Handeln wir deshalb einsüveilen heimlich, und wir werden ja dann schon sehen."
Sie waren bereits seit einer Stunde beisammen, und sie mußten sich sagen, daß sie die Freundlichkeit des Ge- fangenhausdtrektors, der ihnen sein Zimmer zur Verfügung gestellt hatte, nicht länger mißbrauchen durften.. Herr von Sempach- war der erste, der von der Notwendigkeit sprach, sich zu trennen.
„Leider, die Stunde ist gekommen", sagte Bertha traurig. „Uebrigens bleibt Georg gerade noch so viel Zett, sich zum Rechtsanwalt zu begeben, und von dort nach! dem Detektivbureau, das er ihm angeben wird."
„Nimm jede Bedingung dieser Agentur an," bevollmächtigte Herr von Sempach noch seinen Frund, „spar»!


