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haben sie kernigen Inhalt, darum gilt, was man von der einen zu sagen hat, für alle.
Mit Fug und Recht ftchren „Die Leute aus dem Walde" als Motto: „Ein Messer wetzet das andere, und ein Mann den anderen" (Sprüche Salomonis, 27. Kap. 17 V.); denn Salomonische Lebensweisheit und Welterfahrung, verquickt mit echt Raabe'schem Humor, sprechen aus jedem Kapitel des Buches. Wir können das Schicksal des Haupt- Helden der Erzählung „Robert Wolf aus dem Winzel- walde" nicht besser schildern, als es sein zeitweiser Gefährte, der Hauptmann Faber gegen Ende des Buches thut, deshalb geben wir ihm das Wort:
„Hören Sie, Wolf; das Schicksal hat doch eigentlich mancherlei Erziehungsexperimente mit Ihnen angestellt. Aus einer Hand sind Sie in die-andere, aus einer Schule in die andere gegangen. Als der reine Rousseausche Naturmensch kriecht Ihr anfangs, so zu sagen auf allen Vieren, um Eures Vaters Hütte im Winzelwalde herum, ein höchst gesundes, schmutziges, unschuldig Geschöpf. Selbst als das kriechende Ding sich von den Händen aufgerichtet hat und auf den Füßen nach Poppenhagen in die Studierstube des Pastors Tanne hinunterpeigt, ist für es noch wenig Aussicht vorhanden, irgendwo anders als auf dem Kirchhof zu Poppenhagen, mit der alten Grabrede: Er lebte, nahm ein Weib und starb, begraben zu werden. Aber durch das Weib ist nicht nur der Tod, sondern auch das Wissen in die Welt gekommen. Eva Dornbluth schreitet glänzend durch den Gesichtskreis des Knaben und über den Gesichtskreis desselben hinaus. Er muß ihr folgen; es versinkt der Winzelwald mit dem Dorf Poppenhagen; — die erste Schule liegt hinter dem jungen Weltbürger, er hat den Becher der Erkenntnis an die Lippen gesetzt, er hat die Rudimente des Lateins gelernt, er hat jene Leidenschaft, welche die Welt erobert, kennen gelernt. Jetzt steht er auf der Schwelle eines neuen Daseins; Abgründe drohen zu beiden Seiten, vor sich hat er ein Gewirr von Verhältnissen und Gestalten, die ihm vollständig fremd sind. Ihm schwindelt, und der Zorn — auch eine Leidenschaft, "welche den Menschen vorwärts bringt, bald zum Guten, bald zum Bösen — der Zorn, der Haß schüttelt den Machtlosen, der diese unbekannte Welt mit den Fäusten, den Zähnen zerreißen möchte, weil er sie mit Herz und Hirn nicht fassen kann. Verloren ist oer Schüler, wenn die Sterne nicht Hilfe senden; — sie senden sie im rechten Augenblick. Von seinem Dreibein im Polizeibureau steigt nüchtern, lächelnd Polizeischreiber Fiebiger herab und faßt die drohend erhobene Faust des jungen Wilden und zieht ihn in das unbekannte Gewühl hinein. Die Gespenster weichen, die drohenden Schatten verflüchtigen sich, wenn man ihnen mutig näher tritt; in geregelte Gruppen ordnet sich, was nur ein wirres Durcheinander schien. Kein besserer Führer durch die reale Welt, als der humoristische Buchhalter im Bureau Nummer dreizehn int Zentralpolizeihaus! Aber der Schüler des Lebens hat in dieser Epoche noch andere Lehrer nötig, und sie sind zur Hand. Die Sterne sorgen dafür, daß Robert Wolf inmitten der Welt des Realismus ihrer nicht vergesse. Auf dem Giebel des Nikolaiklosters sitzt Henricus Ulex aus Poppenhagen, den Lärtn der Gassen tief zu seinen Füßen. Aus seiner Höhe winkt der Mann des Ideals, und empor steigt Robert Wolf; es ist eine hohe, edle Schule, in welche er genommen wird, und nur wenigen begünstigten Staubgeborenen wird ein solches Glück vom Schicksal verliehen. Abermals tritt das Weib in den Entwickelungsgang des Schülers ein; aber diesmal itt anderer Gestalt, auf andere Weise. Nicht mehr als das glänzende, stolze, heldenhafte, nicht die Ausnahme von der Reget, erscheint es; sondern als die Regel selbst. Leisen Schrittes, still, sanft, geduldig, und doch stark, wo es stark sein darf und muß, kommt es; und wieder bringt es für den Schüler den Kampf mit sich, nach uralter Bestimmung seit der Erschaffung der Welt. Aber es ist nun nicht mehr ein Kampf mit unbekannten Gewalten; Robert Wolf kennt die dunklen Kräfte, die sich gegen ihn bewegen, sehr gut. Der Mann aus den Gassen, Friedrich Fiebiger, hat ja seine Register vor ihm aufgeschlagen und ihm den Menschen, die Gesellschaft gedeutet, wie sie find. Aber Friedrich Fiebiger weiß deshalb doch nicht, auf welche Weise die andringenden bösen Mächte zu bezwingen sind ;
sein ironisches Lachen und das Polizeistrafgesetzbuch reichen dazu nicht aus. Der Idealist, der über den Gassen in der Höhe sitzt, kann aber nur den alten Wahlspruch der Stoiker wiederholen: Sustine et abstine, dulde und entsage. Trotz aller Lehrer, trotz aller Schulen steht der Mensch zuletzt doch immer allein seinem Schicksal gegenüber, und er allein hat mit seiner Persönlichkeit Antwort zu geben. Auch die härteste Schule soll dem Jungen aus dem Winzelwalde nicht erspart bleiben; das eigene Glück,- das Glück des Keinen Mädchens sieht er zerstört; aber wieder treten die Sterne zur rechten Stunde für ihn ein. Wie das Weib am besten in der Stille und Einsamkeit das Unglück, den Schmerz überwindet; so besiegt der Mann sie am leichtesten, wenn er streitgerüstet sich in allen Lärm und Aufruhr . der Welt hineinstürzt. Aber mit dem besten. Willen vermag der Mensch sehr oft das nicht; von tausend Banden wird, er auf dem Marterstuhl festgehalten; er klebt fest im Pech. Für Robert Wolf, sorgen die Sterne besser; wieder schleudern sie ihn hinaus ins Weite, in feurigen Lettern wird ihm die Lehre von. der Nichtigkeit aller irdischen Hoffnungen, aber auch, von der Nichtigkeit aller irdischen Sorgen ins Herz gebrannt. Der weite Spielraum, der den Menschen für ihre Wünsche gegeben ist, wird ihm gezeigt im Schweifen über Land und Meer; Nationen sieht er auf dem Marsche; in tausendfältigen Variationen umrauscht ihn die alte Weife, vom glückseligen Lande Utopia, welches jeder Einzelne, jedes Volk in seiner Weise sucht, und welches niemand unter den Sternen findet. Wie die Hochherzigsten im vergeblichen Streben und Ringen untergehen, lernt der Schüler an den Gräbern des Bruders und der Schwester; und wenn er dann den Kopf nicht kläglich sinken läßt, wenn er die Sterne dann nicht in ohnmächtigem Trotz anklagt; wenn er dann nicht zappelnd sich gegen das allgemeine Los wehrt; wenn er dann den Sternen auch über die Gräber hinaus glauben kann; — dann ist die Erziehung vollendet, und er mag heimgehen, sein Doktor- | examen machen, und den Leuten zeigen, daß er was gelernt hat."
„Per aspera ad astra,“ das ist, obgleich es sich in dieser Form — und noch dazu ironisch gedacht — nur einmal in dem Buche findet, der rote Faden, oder besser gesagt, der brennende Punkt der ganzen Erzählung, in die zu versenken, die Leser nur dringend gebeten werden können, damit sie selbst sich überzeugen von der überwältigenden Wahrheit, die in und aus dem Buche redet und die allewege führt „Durch Nacht zum Licht!" Bdt,
Schachaufgabe.
Von Dr. Th. Schaad in Schaffhausen. (Nachdruck verboten.)
b c d
WM
8
7
6
5
4
3
2
1
d e f g h
Weiß. (8 + 8)
Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge mattj (Auflösung in nächster Nummer.)
8 W
7 jjj
6 W bW-?
4 W 3<_
2 W
1 W
a b
Auflösung des Silbenrätsels in vor. Nr.: Georg, Oberon, Tatarei, Taunus, Hafis, Ottilie, Lavendel, Dominium, Entenei, Padua. Hagar.
Die Anfangs- und Endbuchstaben ergeben im Zusammenhang gelesen: Gotthold Ephraim Lessing.
Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch« und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.


