Ausgabe 
20.9.1902
 
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heute morgen hoch gestülpt war, und daß ihn Ihr Diener in Gegenwart des Kommissars umgelegt hat? Tas alles ist überführend."

Sempach antwortete nichts, er war sichtlich verwirrt.

Ich will noch hinzufügen, daß auch der Portier sich zu erinnern glaubt, Ihnen gegen 11 Uhr, als Sie Frau von Sanden verließen, das Hausthor geöffnet zu haben."

Großer Gott, das ist ein Irrtum, ein furchtbarer Irr­tum! Seit drei Tagen war ich mit keinem Schritt mehr in diesem Hause!"

Ja, das behaupten Sie; aber alles bisher scheint das Gegenteil zu beweisen."

Einen Punkt, vielleicht den wichtigsten, hatte der Unter­suchungsrichter bisher noch nicht berührt, nicht weil er ihn vergessen hätte, sondern weil er gegen seinen Gegner einen neuen, unerwarteten Schlag führen wollte, der ihn nach dem Bisherigen vollends überführen sollte

Wollen Sie mir Ihre linke Hand zeigen?" verlangte er plötzlich.

Sempach streckte maschinenmäßig die Hand hin, ohne zu begreifen, was der Richter damit beabsichtigte.

Sie haben sich am Daumen dieser Hand verletzt, wie ich sehe?" sagte der Richter.

Ich habe mich nur gekratzt."

Wann haben Sie sich diese Verletzung oder Rißwunde zugezogen

Gestern abend."

Womit?"

Ich könnte Ihnen zur Antwort geben: mit meiner Kravattennadel, ' aber ich habe mir gelobt, zu schweigen oder die Wahrheit zu sagen."

So sagen Sie die Wahrheit!"

Nein, ich schweige."

Der Untersuchungsrichter wollte noch einen letzten Versuch machen:

Sie sind zu vernünftig, mein Herr, um nicht Ihre höchst gefahrvolle Situation selbst zu erkennen. Nicht wahr? Gewichtige Aussagen, verschiedene Umstände, um nicht zu sagen: Beweise sind bereits gegen Sie erhoben worden, und anstatt zu trachten, dieselben zu widerlegen, und sich zu verteidigen, verzichten Sie, meine Fragen zu beant­worten, und verharren in obstinatem Schweigen, das Ihnen vor mir großen Schaden thut, ich kann es nicht ver­hehlen, und das Ihnen für die Zukunft bei weitem mehr schaden wird."

/,Jch fühle es selbst und sehe es ein, mein Herr; doch ich bleibe dabei und werde unentwegt bei meinem Entschlüsse verharren."

Ist das Ihr letztes Wort?"

Ja, mein Herr."

Demnach wird es Sie nicht in Erstaunen setzen, wenn ich Sie verhaften lasse."

Nein, mein Herr, ich war darauf gefaßt."

An demselben Nachmittage, an dem seine Wohnung in seiner Gegenwart sorgfältig durchsucht worden war, wurde Franz von Sempach nach Moabit als Untersuchungs- gefangener abgeführt.

11. Kapitel.

Als die Abendblätter die Nachricht von dem Tode der Frau von Sanden und gleichzeitig von der Verhaftung des Barons von Sempach brachten, bemächtigte sich aller Lebe- und Künstlerkreise eine große Aufregung. Ein jeder jeder kannte vom Sehen oder nur dem Namen nach diesen stattlichen, schönen, jungen Mann von bester Geburt, vor­nehmem Aussehen, großem Vermögen, der mit Passion jedes Rennen mitmachte und im Klub bei jeder Gelegenheit offene Banken hielt. Bei den Damen der feinen Welt stand er im Rufe eines entzückenden Gesellschafters, eines voll­endeten Gentleman; seine Kameraden aus dem Klub nannten ihn einen lieben, gefälligen, freigebigen Genossen: kurz, es war nur eine Stimme, die ihn für den vollendetsten Kavalier erklärte.

Was Frau von Sanden betraf, so erinnerte man sich noch ihrer ausgezeichneten Debüts vor ungefähr drei Jahren im Residenz-Theater. Alles prophezeite ihr damals eine glänzende Lausbabn; doch mit einem Male verschwand sie von der Bühn- am nicht wieder zum Vorschein.

Einige bei,.. ren, die Ursache ihres Verschwindens Al kennen. Sie hatten in Erfahrung gebracht, daß sich die dem Residenz-Theater Entflohene plötzlich in Franz von Sempach verliebt habe und wahrscheinlich ihm zu Gefallen

der Bühne entsagt habe. Ihre Liebe und Opferwilligkeit ging sogar soweit, daß sie alle Verbindungen von früher mit einem Male löste und sich entschloß, vollkommen zu­rückgezogen und geheimnisvoll zu leben. Sie wäre sicher längst in Vergessenheit geraten, wenn nicht die Zeitungen ab und zu an ihre glänzenden Debüts von einst erinnert hätten und sie nicht öfters im Schatten einer Loge mit ihrem Bräutigam gesehen worden wäre.

Sobald das Gerücht von dem stattgehabten Drama gegen 6 Uhr auch bis in den Künstler-Klub gedrungen war, bildeten sich sofort mehrere Gruppen von zehn Personen im Konver- sationszimmer.

Wissen Sie schon? Haben Sie gelesen? Sempach verhaftet und des Mordes angeklagt! Das ist ja kaum zu glauben! Und diese arme Sanden! Können Sie sich noch an sie erinnern? Ich war damals int Residenz­theater, als sie zum ersten Male als Nora auftrat! Wir waren ja fast alle dort! Welcher Erfolg! Warum sollte sie denn der Sempach getötet haben? Das ist ja unmöglich! Da muß ein Irrtum vorliegen! Ich wenigstens werde es nie glauben, daß unser alter Franz ein Mörder ist!"

Ein Mörder? Nein, meine Herren", begann ein früheres Herrenhausmitglied,aber vielleicht ein Tot­schläger; das ist ein gewaltiger Unterschied. Das Töten, hervorgerufen durch den Zorn, die Folge eines unüber­legten Zornaktes, das ist Totschlag. Es ioird aber zum Mord, wenn eine Absicht vorlag oder wenn es aus einem Hinterhalt geschah § 296 des Strafgesetzbuches."

Bloßes Wortspiel!"

Nein, auch eine Frage der Bestrafung: Hinrichtung, Zuchthaus oder Gefängnis."

Sie nehmen also an, daß Sempach imstande war, einen Totschlag zu begehen?"

Ich nehme an, daß schwere Verdachtsgründe gegen ihn vorliegen müssen, da man sofort zu seiner Verhaftung ßc](f)rittcn

Ach, wo denken Sie hin! Weshalb sollte er die Sandett umgebracht haben! Wenn er ihrer überdrüssig geworden war und sie ihm lästig wurde, da brauchte er sie ja einfach zu verlassen."

So leicht gar so leicht entledigt man sich keiner Klette", mischte sich ein Maler mit wehmütiger, aber über­zeugter Miene ins Gespräch.Als sich mein Kollege Ram- bach vor einigen Monaten von seiner Freundin trennen wollte, na, da kam er schön an: zwei Kugeln in den Rücken, weiter nichts. Sentpach, um vielleicht demselben Schicksal zu entgehen, wird wohl seine Vorsorge getroffen haben."

Ach, Sie scherzen bloß, mein Lieber! Wenn man Angst verspürt, dann flieht man, aber man tötet nicht, um zu vermeiden, selber getötet zu werden."

Also Sie glauben, daß Sempach aus Angst vor einem Hinterhalt--"

Gott, ich glaube gar nichts. Man erfährt einfach, daß Sempach seine Braut getötet hat, aber nicht das Warum. Ich suche eben nach passenden Gründen und zähle solche auf."

Und auf die Eifersucht verfällt denn niemand?" be­merkte jemand.

Ach, was denken Sie! Eifersucht! Sempach bis zu dem Grade eifersüchtig, sie zu töten! Da kennen Sie ihn nicht! Haben Sie ihn jemals beim Teilen einer Bank betrachtet? Kalt, regungslos, sowohl im Verlust als im Gewinn."

Ja, und wer sagt denn, daß er wirklich schuldig ift?"' fragte ein Baron.Gesteht er denn vor allem andern?"

Nein, meine Herren, er gesteht nicht", rief ein großer, bleicher, junger Mann von kastanienbraunem Haar, _ der im Klub sehr beliebt war, zugleich Journalist, dramatischer Autor und schwungvoller Dichter, der eben eintrat.

Woher wissen Sie's?" umringte man ihn von allen Seiten.

Ich komme oben aus der Redaktion, wo es uns einer unserer bestunterrichteten Reporter verraten hat."

Los! Lassen Sie hören!"

Sempach behauptet, seit drei Tagen mit keinem Fuß bei der Sanden gewesen zu sein; und unglücklicherweise wird behauptet, daß man ihn in dieser Nacht in dem Hause gesehen habe."

Gott, man kann sich doch täuschen!"