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(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-
(Fortsetzung.)
10. Kapitel.
Anstatt Sempach sein ehrliches Geständnis zum Guten anzurechnen, fuhr der Untersuchungsrichter weiter fort:
„Sollte es wohl Wahrheitsliebe sein, die Sie zu diesem Geständnis veranlaßt? Haben Sie nicht vielleicht inzwischen überlegt und eingesehen, daß es mich nur eine kleine Anfrage dort kostete, um Ihnen zu beweisen, daß Sie seit 14 Tagen keinen Schritt mehr in Ihren Klub ge- Uracht haben?"
„Glauben Sie, was Sie glauben müssen, Herr Untersuchungsrichter. Ich kann nichts dagegen thun", erwiderte Sempach in beinahe hochfahrendem Tone.
Der Richter hielt es für angemessen, diesen Ton zu überhören, und fuhr fort: „Also zugegeben, Sie waren nicht im Klub. Wo also waren Sie sonst? Wie haben Sie den gestrigen Abend verbracht?"
Sempach blieb die Antwort schuldig und verharrte in Schweigen.
„Sie haben wohl meine Frage überhärt?" begann der Richter aufs neue.
„Nein, mein Herr."
„Nun, also?"
„Ich habe außer dem Hause gespeist, bei Drossel, Unter den Linden", sagte der Beschuldigte, dessen Stimme an Sicherheit verlor.
„Sie befanden sich allein?"
„Ja, ganz allein, im Saal zu ebener Erde."
„Wäre das eventuell nachzuweisen?"
„Leicht, man kennt mich im ganzen Hause."
„Und dann? Was haben Sie dann unternommen?"
„Ich schlenderte längere Zeit Unter den Linden und in der Friedrichstraße auf und ab."
„Ms zu welcher Stunde?"
„Bis Mitternacht."
„Was? Während drei Stunden sind Sie bei diesem schlechten Wetter zu Fuß umhergeschlendert? — Hören Sie einmal — —"
„Ich verbrachte circa anderthalb Stunden im Theater."
„In welchem Theater?"
„Im Wintergarten."
„Also man hat Sie dort gesehen?"
„Möglich, aber weshalb sollte man gerade mich dort gesehen haben?"
„Weil Sie in der Welt, — besonders in der Welt, in der man sich unterhält, sehr bekannt sind, — in jener Welt, die von den Lebemännern ,Tout Berlin' genannt wird, und die sich gerade gestern abend vermutlich im
Wintergarten beftrnden hat; denn es wurde ein neueA Programm gegeben. — Daran hatten Sie sich vermutlich nicht gleich erinnert."-
Er unterbrach sich einen Augenblick, um sich an dem von ihm erzielten Eindruck zu weiden, und fuhr dann fortt „Nun denn, mein Herr, suchen ©te das Gericht nicht länger aus eine falsche Fährte zu bringen: Sie waren tut Wintergarten ebenso wenig als in Ihrem Klub. Wir werden Ihnen das beweisen."
Franz von Sempach sprang mit einem Male nervös! empor und sagte, seine Arme verschränkend, mit erhobenem Haupte:
„Nein denn, ich war weder im Wintergarten noch im Klub, noch war ich Unter den Linden und in der Friedrichstraße spazieren. Irgend etwas mußte ich Ihnen wohl antworten, und so antwortete ich, was mir gerade einfiel.. Ich werde keine solche Ausflüchte mehr gebrauchen. Ein Unschuldiger sagt die Wahrheit oder er schweigt, wenn er nicht imstande ist, eine Aufklärung zu geben."
„Ah so, Sie können mir also eine solche nicht geben?" „Nein!"
„Weshalb?"
„Weil — — weil — — weil ich einfach nicht will/?
„Gut, Sie wollen nicht. Haben Sie aber auch bedacht, daß das Verbrechen gerade zu der Zeit zwischen 10 Uhr und Mitternacht begangen worden ist? Alle Beweise sprechen hierfür?"
„Das mag wohl sein. Mer nichts beweist, daß ich hierher, in diese Wohnung, in der wir uns befinden, gekommen bin, um das Verbrechen zu begehen. — Ich kann nicht beweisen, daß ich wo anders gewesen war, — weil ich nicht will — ich werde aber beweisen, daß ich nicht hier gewesen bin." -
„Wie das?"
„Hätte man mich nicht sehen müssen? Jeder Mensch kennt mich hier in diesem Hause, in dem ich mehrere Jahre hindurch Tag für Tag verkehrt habe, — die Kammerjungfer Minna hätte mir auch, öffnen und mich hineinführen müssen."
„Sie tvar um 10 Uhr aus ihr Zimmer gegangen, und
Sie sind erst nach 10 Uhr gekommen."
„Ich?"
„Ein Mieter dieses Hauses behauptet es. Sehen Sie her; da sind die Aufzeichnungen des Kommissars, die er mir soeben eingehündigt hat: Herr Keßler, den ich für gut hielt, persönlich zu verhören und zu befragen, ob er mich kurz vorhin mit .Herrn von Sempach habe eintreten sehen, giebt mir zur Antwort: „Ja, ich glaube, in ihm jene Person wieder zu erkennen, mit der ich mich unter der Hausthür gekreuzt habe. Die Gestalt ist dieselbe, und auch der Anzug ist ihm ähnlich. Es war genau solch' ein Ueber- zieher, nur war gestern der Kragen hochgeklappt." Erinnern Sie sich", fügte der Richter bei, die Aufzeichnung beiseite legend, „daß der Kragen Ihres Ueberziehers sogar noch


