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1902. — Nr. 128.
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(Nachdruck verboten.)
Miß Cookson aus New-Aork.
Von Heinrich! Lee.
(Fortsetzung.)
Sechstes Kapitel.
In den Kreisen der Berliner Gesellschaft zerbrach man sich über die merkwürdige Wendung, welche Herwarths Heirat zur Folge gehabt hatte, den Kopf. Denn natürlich konnte so etwas auf die Dauer nicht verborgen bleiben. Die junge Frau, die am Hochzeitstage noch ganz allein, nur begleitet von ihrer Gesellschafterin, nach Amerika zurückgereist war — Herwarth, der junge Ehemann, der sogleich darauf um seine Versetzung eingekommen war und jetzt, nachdem er den diplomatischen Dienst quittiert, irgendwo in Schleswig-Holstein bei einer Regierung arbeitete, denn, wie sich nun ebenfalls heraus stellte, er hatte fast sein ganzes Vermögen verloren — und schließlich! seine Cousine, die jetzt verwitwete Geheimrätin von Angern, die, statt ihre Witwenzeit still in ihrer hübschen häuslichen Villa zu verleben, irgendwo im Ausland sich aushielt und so gut wie verschollen war. Wie das alles gekommen Ivar, davon hatte man natürlich keine Ahnung — und das war der Skandal.
Und dieselbe Ueberraschung gab es auch in der Gesellschaft von Newhork. Bell Cookson, die eines Tages aus Newhork plötzlich verschwunden war, die für jeden Mann und Ehekandidaten unnahbar gewesen, — hatte, wie man plötzlich erfuhr, fich in Deutschland verlobt. Mit wem? Natürlich mit einem deutschen Edelmann. Und nun war sie wieder da — aber allein, ihren Mann hatte sie in Deutsch?- land gelassen. Sie lag mit ihrem Mann in Scheidung. Damit noch nicht genug. Denn seit sie zurück war, war sie in ihrem Wesen wie verwandelt. Sie, die bisher nur in stiller Zurückgezogenheit, nur ihren wohlthätigen Werken gelebt hatte — sie machte jetzt endlich und mit einem Male von der Fülle ihrer Millionen den einzig vernünftigen Gebrauch und bewohnte eines der glänzendsten Häuser in der ganzen fünften Avenue. Aber ihre eigentliche Residenz hatte sie nicht in der fünften Avenue, nicht in der Stadt, sondern in ihrer Cottage in Newport, der Sommerfrische der Newyorker Geldsürsten, wo sich alljährlich zur Saison mehr Dollarmillionen zusammenfinden, als in Paris, London und Berlin zusammengenommen. Hier auf einem herrlichen, riesigen Rasenplatz, dicht an der steil abfallenden Felsenküste hatte sich der verstorbene Mister Cookson schon zu der Zeit, als der Ort noch zumeist nur aus bescheidenen hellen Holzhäuschen bestand, einen Palast von weißem Marmor gebaut nach dem Vorbilde des Schlosses von Trianon. Um die schimmernden Säulenhallen wand sich japanischer Wein, auf den dichten, hellgrünen, gleichmäßig
geschorenen Grasflächen standen zwischen blauen Hortensich- gruppen unter Bäumen schlanke Bröncekraniche und was die Kunst Europas an innerem Hausschmuck nur hervori gebracht hat, die teuersten Tapisserien, Täfeleien, Gemälde und sonstigen Kostbarkeiten, das mußte dazu dienen, botti Mister Cookson aufgekauft und in dieses Haus geschafft zu werden. Er selbst hatte zwar nie einen Genuß davon gehabt, denn sein ganzes Leben hatte fäst ausschließlich der! Arbeit gehört. Wie war er überhaupt zu seinem Reichtum! gekommen? Ms einfacher Werkführer in einer Maschinenfabrik hatte er angefqngen. Die Firma schickte ihn nach Peru, damit er die Ausstellung von dorthin gelieferten! Maschinen überwachen sollte. Was in diesem Lande seiM Aufmerksamkeit erregte, war der Wassermangel. In de« Provinz, in der er lebte, regnete es nie, und das vorhandene Wasser war salzig und für häusliche und gewerbliche Zweche unbrauchbar. Er erlangte von der Regierung die Konzession,- für die ganze Provinz trinkbares Wasser zu liefern. Damit verdiente er das erste Kapital. Inzwischen brach der Krieg zwischen Peru und Chile aus, die von der Regierung zum Zwecke der baldigen Geldbeschaffung ausgegebenen Bonds auf Ländereien sanken auf einen Spottpreis, von früheren Reisen her kannte der unternehmende Mann darunter eilte, Anzahl Terrains, die sehr bedeutende Salpeterlager ent-, hielten, diese kaufte er zu den billigsten Preisen auf. Chile siegte und da die von der Regierung eingegangenen Verpflichtungen von denr Sieger genehmigt und bestätigt wurden, so stieg der Wert der Grundstücke auf das fast Hundertfache. Der Salpeter wurde das internationale Regenerativ- mittel der Landwirtschaft, und Mister Cookson, der ehemalige Werkführer, ein moderner Krösus. Das war die Geschichte von Bells Vater.
Das Leben, das Bell jetzt führte, glich ganz und gar dem aller anderen Newporter leaders vf society. Schon um neun Uhr, nach einem kräftigen Frühstück, saß sie zu Pferde, trabte — nur mit dem Reitknechte oder auch in der Gesellschaft ihrer Freundinnen und befreundeten Herren — zwei Stunden lang in der salzigen Seeluft, wechselte nach der Rückkehr ihre Toilette und begab sich darauf nach dem Stelldichein der fashionablen Welt, nach dem Kasino, um hier Tennis zu spielen. Ein, zwei Stunden später bestieg sie einen sehr hohen, zweirädrigen, mit einem Fuchs bespannten Wagen, den sie mit geübten Händen selber lenkte, nm nach ihrer am Quai liegenden elektrischen Schaluppe zu fahren ,die sie hinaus auf die Rhede und auf ihre dort unter Segeljollen und Kuttern liegende Pacht brachte, wo sie den Lunch einnahm. Diese Pacht glich einem kleinen, Haus. Es gab darin ein Schlafzinnner mit rosadamastenen Tapeten und weiß lackierten Möbeln, einen Salon mit den seltensten Zimmerpflanzen, Bibliothek, Piano und prachtvollen Malereien, einen Speisesaal in dunklem Mahagoni, worin die stets von geschliffenen Gläsern, Silberzeug und Blumen glänzende Tafel gedeckt war, einen Glassalon mit


