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Betritt gewandt, und gläubig und dankbar die homöopathischen Tropfen geschluckt, hier in der Stadt war man skeptischer.
„Das ist ja man bloß Wasser", sagte Frau Neubert, die Hausmannsfrau, verächtlich, und goß die homöopathische Medizin in den Eimer. „Das kostet nichts, und man thut sich wer weiß wie dicke damit. Wenn sie mich keinen gelernten Doktor bezahlen will, soll sie mich vom Leibe bleiben mit ihre Tropfen."
„Und wenn Emma ihr ein Krankensüppchen von Frau Velten brachte, fragte sie unwirsch:
„Haste nichts Besseres?"
Dann kramte Emma wohl die gestohlenen Kartoffeln, gestohlene Butter, Milch und Kaffebohnen aus, und die Mutter ließ sich ein ordentliches Kännchen Kaffee kochen. Wenn es recht gut schmeckte, sagte sie grimmig:
„So 'ne gute Bohne trinkt das Rackerzeug, und für unsereinen ist Wassersuppe gut genug!"
Ahnungslos kam Frau Belten wieder mit ihren homöopathischen Fläschchen und ihren christlichen Grbauungs- büchern, woraus sie der Kranken vorlas, um sie zu trösten, und in Geduld zu stärken. Es kam sogar vor, daß sie arglos zu Frau Neubert sagte:
„Wie seltsam, Sie haben ganz dieselben gestreiften Bettbezüge wie ich für meine Leutebetten, die ich nach eigener Angabe weben ließ. Ich dachte nicht, daß dieseA Muster sonst irgendwo existiert, es ist so apart."
Frau Neubert war innerlich empört über diese „Sticheleien", wie sie es nannte, und trug Entma auf, ihr in der nächsten Wäsche den gestohlenen Bezug umzutauschen, weil die „olle Spürnase" Witterung bekommen hätte.
Nichtsdestoweniger waren Neuberts vor den Augen der Familie Velten kriechend, höflich und unterwürfig, loeil der Hausbesitzer ja seinem Hausmann oder Vizewirt jeden Augenblick den Kontrakt kündigen konnte, sie wünschten nicht, eine Stelle zu verlieren, die ihnen eine nicht so leicht wiederkehrende Gelegenheit bot, sich auf Kosten ihrer Herrschaft zu bereichern. Tiefe Unterwürfigkeit that dem früheren souveränen Beherrscher von Brantikow so Wohl, oaß er Neuberts für eine „höchst anständige Familie" erklärte, und damit das schrankenlose Vertrauen seiner Frau bestärkte.
Herr Velten hatte im übrigen viel Aerger mit seinen Mietern, die ihm durchaus nicht den Respekt und die Rücksichten zeigten, die er in seiner früheren Stellring gewöhnt war.
Die Handwerkerfamilien im dritten und vierten Stock waren alle Sozialdemokraten, und wenn sie die Miete schuldig blieben, so überschütteten sie ihren Wirt, der sein gutes Recht forderte, noch mit Hohn itnb Frechheiten. Und wenn Herr Velten einmal vergaß, daß er nicht mehr Gutsherr von Brantikow, sondern Hauswirt in der Stadt der Intelligenz, Leipzig, war, so bekam ihm das gewöhnlich sehr schlecht.
In Brantikow hatte er stets einem respektlosen Knecht oder widersetzlichen Arbeiter die Reitpeitsche um die Ohren gehauen und die ungehorsame Magd geohrfeigt, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Als er aber hier einmal im Zorn thätlich gegen die Frau eines Mieters wurde, die den böfesten Mund im ganzen Hause hatte, und ihm auf unglaublich freche Weise und mit den schnödesten Redensarten den Schlüssel zu der gemeinschaftlichen Waschküche des Hauses verweigerte, die sie ungebührlich lange für sich in Benutzung hatte, zog er sich dadurch einen Prozeß zu.
Frau Klinke legte sich ins Bett und ließ sich ein ärztliches Attest ausstellen, daß sie infolge körperlicher Mißf- handlung von feiten ihres Hauswirtes erkrankt sei. Sie klagte, und die paar blauen Flecke, die sie aufzuweisen hatte, kamen Herrn Belten teuer zu stehen.
Thatsächlich war Herr Welten durch den Aerger und die Aufregung des stattgehabten Konflikts kränker als die Frau. Er verlor seinen Appetit und seinen Schlaf, die Wut über die erlittenen Injurien und die Spannung auf den Ausgang des angesetzten Termins, in dem er zur Verantwortung gezogen werden sollte, ließen ihm Tag und Nacht keine Ruhe. Seine Frau hatte schwere Tage, denn weder Homöopathie noch christliche Erbauungsbücher wollten ihre Schuldigkeit thuu, dem Gatten Gesundheit und Frieden der Seele wiederznbeben.
Er sprach über nichts anderes als über den möglichen
Ausgang des Prozesses, der bloße Gedanke, er könne feiner Gegnerin gegenüber den kürzeren ziehen, versetzte ihn in unbeschreibliche Wut. Hundertmal wurden täglich alle Möglichkeiten für und wider einen glücklichen Ausgang des Termins durchgesprochen und Beweise für das gute Recht seiner Handlungsweise gesucht. Ein Rechtsanwalt, der teuerste int ganzen Leipzig, wurde genommen, und das Aktenmaterial tn dieser Angelegenheit erreichte einen ungeheurlichen Umfang.
In Ruhepausen saß Selten wie ein gebrochener Mann in seiner Sophaecke, und seufzte ab und zu mit tragischem Pathos:
„Tahin ist es gekommen!" oder: „Von alten Weibern muß man sich beschimpfen lassen!" Und in Momenten einer Anwandlung erhabenen Schmerzes: „Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo — rückwärts, rückwärts, rückwärts, stolzen Cid!"
Die ganze Familie sehnte den Tag des Termins herbei, um endlich wieder Ruhe zu bekommen, und man fing an, Herrn Veltens Gesellschaft zu meiden, weil, wie Armin sich ausdrückte: „die dicke Frau Klinke mit samt dem Waschküchenschlüssel und ihren blauen Flecken jedem zum Halse hinaus war."
(Fortsetzung folgt.)
Vulkanausbrüche.
Bon F. M. Feldhaus.
(Nachdruck verboten.)
Die Naehrichteu von dem Unglück, das zwei der kleinen Antillemuseln durch Vulkanausbrüche getroffen hat, lenkt die Erinnerung einerseits auf die Mitwirkung vulkani-i scher Vorgänge bei der Gestaltung der Erdoberfläche,! andererseits aber auf das viele Elend hin, das die feuerspeienden Berge schon über die Menschen ans-- schütteten.
Die Mitwirkung vulkanischer Thätigkeit bei der Veränderung der Oberfläche unseres Planeten erkannte zuerst der schwedische Gelehrte Celsius in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. An der Küste seiner Heimat hatten die Bewohner schon lange ein Zurückweichen des Meeres! beobachtet. Celsius fand diese.Annahme jedoch in Widerspruch mit derjenigen der Bewohner der gegenüberliegenden dänischen Küste, die eher eine Steigung des Wassers beobachtet haben wollten. Er erkannte daraus, daß die Veränderung des Wasserspiegels nur eine scheinbare sei, daß der Boden sich vielmehr durch vulkanische Vorgänge hebe, beziehungsweise senke.
Solche Vorgänge vollziehen sich jedoch nicht immer ruhig. Tie unterirdisch brodelnde Feuermasse hat sich Schlote gebildet, durch die sie mit der Oberfläche in Ber- bindung steht. Wir kennen heute deren noch viele Tausende, die 323 vulkanischen Herden augehören.
Aus den: Umstaude, daß in Europa nur drei solcher Vulkane in der geschichtlichen Zeit bekannt iuaren, und daß diese drei nur in sehr großen Perioden in Thätigkeit traten, ist es herzuleiten, daß wir uns das schrecklichste aller Naturereignisse kaum vorzustelleti vermögen. Regen und lieber- schwemmung, Blitz und Feuersbrunst, Kälte und Dürre, Krieg und Seuchen vermögen nicht in so kurzer Zeit die gewaltigen Wirkungen hervorzubringen, die der Ausbruch der uuteri- irdischen Gluten des Gottes Vulkanos mit ihren, alles erschütternden Gewalten leider zu oft gezeigt hat. Kein anderes Naturereignis vernichtet aber zugleich so vieles Leben auf einmal, ohne daß dem Menschen die Möglichkeit einer Abwehr bliebe.
Uns sind die Vorgänge des Vesuv, jenes majestätischen schwarzen Berges am Golf von Neapel, am meisten bekannt Als einziger des europäischen Festlandes, ist er geologisch insofern bemerkenswert, als er entgegen der allgemeinen Regel, vereinzelt auftritt. Der älteste geschichtlich bekannt Ausbruch ist der vom Jahre 7'9 nach unserer Zeitrechnung. Er zerstörte die Städte Pompeji, Herknlaneum und Stabil, und vernichtete über 30000 Menschenleben. Der berühmt Schriftsteller Plinius kam bei den Betrachtungen dieses Ausbruches, der das Interesse des Gelehrten mächtig anregte ums Leben Man fand ihn später unter Asche verschüttet die Aufzeichnungen, die sein gleichnamiger Neffe als Unterlage zu einem sehr guten Briefe über den Ausbruch verwertete, in der Hand haltend. Dem eigentlichen Auswurf


