Ausgabe 
20.6.1902
 
Einzelbild herunterladen

358

Interessiert, dem Armin die ganze Geschichte von der ver- unglückten Werbung als guten Witz erzählt hatte. Auch wenn Hulde und Traute in heiterer Laune waren, mußten Vater und Sohn Lehmigke noch ost als Zielscheive für ihren Humor herhalten.Den Kerl, der die Unverschämt­heit hatte, Sie zu seiner Frau Schnapsfabrikantin machen zu wollen, uruß ich mir doch mal bei Lichte besehen! Kommen Sie, wir laufen durch die Brücke und dem interessanten Paar noch -einmal entgegen."

Gesagt, gethan, und als sie unter der Brücke hervor, nm die kleine,Landzunge des vorspringenden Ufers biegend, hart an Lehmigke und seiner Dame vorbeiliefen, rief Stauffen laut genug, um gehört zu werden:Wer Paulch-en, nur nicht bange!"

Traute war doch ein wenig erschrocken über diesen Scherz.Er hat es gehört das hätten Sie nicht thun sollen!"

Warum nicht? Man muß den Schuapsritter seine Lächerlichkeit fühlen lassen, wenn er zu borniert ist, um sie von selbst zu begreifen."

Paul Lehmigke hatte das Wort gehört, und Mma Janisch hatte es ebenfalls gehört. (Sine dunkle Blutwelle schoß in Pauls Gesicht, das gleich darauf erdfahl wurde.

Mir scheint, man macht sich da über Sie lustig", sagte Alma sehr erfreut über Stauffens Scherz, der ihr Gelegenheit Lot, Pauls heimliche Wunde mit Nadelstichen unerträglich git machen. Seitdem sie Traute gesehen hatte, verdoppelte sich ihr Verlangen, Paul Lehmigke als Gatten zu besitzen. Der Triumph, eine solche Nebenbuhlerin in einem Herzen zu besiegen, reizte sie, und Schwierigkeiten pornten ihre zähe Energie. Paul sagte kein Wort, aber ,e sah die Wut in seinen Zügen und frohlockte heimlich.

Haben Sie noch nicht genug?" fragte ihr Kavalier ungeduldig,man wird ja schwindlich von diesem ewigen Kreislauf.Ich denke, wir gehen jetzt nach Hause."

Alma willigte sofort ein, in der Bretterbude auf ihren Vater zu warten.

Als beide die Holztreppen hinaufgingen, kniete Stauffen aus den schmutzigen Dielen der Estrade vor Traute, um ihr die Schlittschuhe abzuschnallen.

Alma verabschiedete Paul und schickte ihn fort, er war heute ungenießbar, und sie wollte Muße haben, bis ihr Vater kam, um Traute aus nächster Nähe beobachten zu können. Es fand sich zu dem Zweck ein geeignetes Plätzchen in her Bude, wo sie sich die Schlittschuhe abschnallen ließ. Ke Wort, kein Blick zwischen Traute und Camille Stauffen entging ihr, und ebenso lebhaft interessierten sie Lillian uno Armin, als sie deren Zugehörigkeit zu Traute be- merkrc. Als die jungen Leute paarweise fortschlenderten, war ;>e wriig m ihrem Urteil. Von Traute hatte sie nichts meyr z'.i befürchten. Die war ja ebenso dumm und leicht- sinnig nent liederlich wie schön. Und furchtbar hoch- mung dazu.Schüler- und Studentenliebschaften, das sind mir t-ic rechten", dachte sie achselzuckend und sie fühlte dw ganze tiefe Geringschätzung, die Geldmenschen stets mit der vornehmen Armut haben. '

Trautens jubeivolle Stimmung ivurde daheim etwas durcy hausltche Widerwärtigkeiten beeinträchtigt. Auguste, die Kuchenfee, hatte das Mittagessen wieder einmal nicht

FCCWU Zoit fertig. Solche Unregelmäßigkeiten konnten übersehen werden, so lange die Familie unter sich war, aber Mdem man Pensionäre im Hanse hatte, war man zur Pünktlichkeit verpflichtet.

Wir müssen einen zweiten Dienstboten nehmen, Auguste allein kann es nicht leisten", sagte Frau Velten, als ihr Gatte zankte.

Einen zweiten Dienstboten? Da geht jeder Prosit, den die Pensionäre bringen, verloren."

Ja, aber ich bitte Dich, wie soll denn Auguste fertig werden, wenn sie alle Zimmer reinmachen, -ein­kaufen und kochen muß?"

Es kam Frau Velten gar nicht in den Sinn, ihren Töchtern etwas von der Hausarbeit zu Überträgen. Hulde hatte den ganzen Vormittag an dem täglichen, zwölf Seiten langen Brief an Egon geschrieben, sie hielt das für ihre nächste Pflicht, deren Unterlassung ihr wie ein Treubruch erschienen wäre. Ihre Mutter fand dies selbstverständlich. Und daß Traute in die Malstunde und auf das Eis ging statt in die Küche, war nicht weniger selbstverständlich. Auch Herr Velten hätte sie um keinen Preis davon zurückhalten Mögen, weil sie dort die beste Gelegenheit hatte, Äauffen

mehr und mehr an sich zu fesseln. Es war auch ein wenig mit Rücksicht auf Stauffen geschehen, daß er Armin hatte Korpsstudent werden lassen, und Jurist. Die Liebe zu seinen Kindern, und der brennende Wunsch, dieselben in bevorzugter Lebensstellung zu sehen, ließen ihn kein Opfer scheuen, das seiner Meinung nach ihnen Vorteile bringen konnte. Aber die schweren Sorgen waren unaus­bleiblich, die diese Opfer mit sich brachten.

Der zweite Dienswote wurde gemietet in Gestalt der ältesten Tochter des Hausmannes, einer robusten Sechzehn­jährigen, und- vorläufig atmete man auf über diese Er­leichterung im Haushalt.

Neuntes Kapitel.

Bis auf die drückenden Sorgen, die sich ab und zu fühlbar machten, und ihre Schatten über den ganzen Haus­halt breiteten, gestaltete sich das Leben ganz erträglich in der Veltenfchen Familie. Tie Jugend wußte allem die beste Seite abzugewinneu.

Miß Buxton und Lillian erlagen vollständig dem Zauber der Veltenschen Liebenswürdigkeit, und verfeinerten Lebensart. Miß Buxton selbst war aus guter Familie und gehörte zu den Engländerinnen, denen Wohlerzogenheit und gute Manieren eine Art Religion sind. Sie war tadel­los taktvoll, und verlor nie ihre stille, etwas hoheitsvolle Würde. In Homöopathie sympathisierte sie mit Frau Velten, und Herr Velten fand stets eine willige Zuhörerin in ihr, sodaß -er in dem Vergnügen schwelgte, ihr aus den Taget: seines Glanzes zu erzählen.

Mr. Hopkins wußte Frau Veltens schrankenlose Güte und Großmut als Haussrau genügend zu schätzen. Es kam Frau Velten gar nicht in den Sinn, dem tigerartigen Appetit von Mr. Hopkins gewisse Schranken aufzuerlegen. Sie hatte eben nie in ihrem Leben rechnen gelernt. Mit der größten Liebenswürdigkeit leistete sie seiner Eßlust Vor­schub, und sah darin weiter nichts, als eine Quelle täg­licher Heiterkeit für sich und ihre Kinder. Man lachte so gern, und war so gern lustig im Familienkreise. Man überbot sich in Bemühungen, Mr. Hopkins förmlich zu stopfen, und ihm fast unmögliche Portionen anzubieten, um feine Leistungsfähigkeit auf die Probe zu stellen, und nur Miß Buxton steckte dem Ueberinut der Jugend seine Grenzen, indem sie dem Geistlichen eine stets zarte, freund­liche Aufmerksamkeit widmete, und die Meinung über ihn verbreitete:He is deep".

Hopkins fühlte sich in dieser Atmosphäre von Gast­lichkeit und Hochachtung so unbändig wohl, daß er täglich an Gesundheit und gutem Appetit zunahm. Ebenso zu­frieden war Lillian mit dem Wechsel ihres Aufenthaltes. Es war gar zu lustig bei Veltens, man amüsierte sich den ganzen Tag vortrefflich. Man ging in die M-alstunde, man lief Schlittschuh, man machte zu vieren, Lillian, Traute, Stauffen und Armin, Bummelspaziergänge in die Stadt, oder in das Rosenthal, man naschte Süßigkeiten bei Felsche, und iah sich dort die illustrierten Journale an. Nach den Abendessen vereinigte man sich zu heiteren Gesellschafts­spielen im Salon, an denen alle Hausgenossen teilnahm-en, und die Stauffei: als Arrangeur, wie Hopkins als komische Figur, sehr angenehm zu beleben wußten. Und die blonde Lillian wurde von allen verzogen, und von Armin ver­göttert.

Di-e beiden Dienstboten, Auguste und Hausmanns Emma, that-en kräftig ihre Schuldigkeit, die Last der häus­lichen Arbeiten allein zu bewältigen, und- wenn auch Auguste nicht immer so akurat war, wie man wünschen mochte, sich die langen Leipziger Saucen und den Bliemchen-Kaffee durchaus nicht abg-ewöhnen konnte, und zuweilen die Messer ung-eputzt auf den Tisch brachte und wenn auch die unternehmende Emma stahl, wie ein Rabe, sodaß die Familie des Hausmanns, die int Souterrain wohnte, den Winter über wenig Kohlen, Kartoffeln, B-rot und Butter zu kaufen brauchte, so wußte man die ersteren Unzulänglichkeiten des Haushaltes den Mietern durch die übrigen gebotenen An­nehmlichkeiten zu versüßen, nnd von den letzteren wußte man nichts.

Frau Belten trieb sogar ihre Harmlosigkeit und Güte so weit, Emmas kranker Mutier täglich Reste aus ihrer Küche zu schicken, und die Leute, die sie bestahlen, mit Wohlthaten zu überschütten. Die besuchte die Kranke oft und behandelte sie mit Homöopathie, ahnungslos, wie wenig Dank sie dafür erntete. Die Landsleute von Brantikow hatten sich in allen Krankheitsfällen vertrauensvoll an die Guts-