Ausgabe 
20.6.1902
 
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Freitag den 20. Juni.

Nr. 90.

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fas Höchste bleibt ein freier Wille,

Der, nnverwirrt von Fleisch und Blut, Fest und getreu in Sturm und Stille Das Gute, weil es gut ist, thut. Geibel.

(Nachdruck verboten.)

Manneswert.

Roman von Marie Stahl.

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(Fortsetzung.)

Die Musikkapelle intonierte eben dieheimliche Liebe".

Kennen Sie diese Melodie?" fragte Camill Stauffen j seine Dame mit einem vielsagenden Blick. Die Frage lvar an und für sich überflüssig, denn jeder Leierkasten in Leipzig spielte damals dieheimliche Liebe".

O", rief Traute übermütig,das ist die schönste Melodie im Himmel und auf Erden!"

Camills Hand, die mit Trautens vereint in dem kleinen schwarzen Affenmuff steckte, drückte dieselbe innig.

Ja, es ist wirklich die allerhöchste Melodie es giebt nichts Besseres, Süßeres, Himmlischeres als die heimliche Liebe."

Wieder einer jener Blicke, die Traute einen Wonne- schauer in das Herz jagen. Das blühende Rot ihrer Wangen verliest sich zu Pupurglut und verrät, daß sie Wort und Blick verstanden hat. Ihre Hand in dem kleinen Affenmuff bebt leise. Sie ziehen jetzt langsame Bogen am Rande des Deiches hin, unter den bereiften Sträuchern. Camill drückt die bebende Hand, bis Traute zusammenzuckt, denn es thut

Traute!" flüsterte er,darf ich Sie manchmal bei diesem Namen nennen, der Name ist so süß der schönste Name, den ich kenne, und Sie sind die einzige Traute, die ich kenne, er paßt auch nur für Sie, einzige $rante!"

Traute antwortet nicht, aber ihr ganzer Körper zuckt und bebt, und Camill fühlt das Hämmern ihres Herzens, denn sie laufen mit kreuzweis verschlungenen Armen, Seite an Seite.

Einzige, süße Traute!" flüsterte er hingerissen, und die beiden Verliebten in ihrem Wonnerausch. sehen nur sich, sie sehen niemand von der Menge, die sie umgiebt, und vergessen, daß sie gesehen werden, oder es ist ihnen auch ganz gleichgiltig. Musik, Sonnenschein, die klare, herzstärkende Winterluft, das frohe Treiben umher, das alles vereinigt sich nur mit ihrem Glück, um ihnen ein Hochgefühl von Lebensgenuß und Lebensfreude zu gewähren, wie es nut Menschen von tiefer Glücksfähigkeit oder starkem Begehren kennen.

In diesem Augenblick kreuzten Paul Lehmigke und

Alma Janisch ihren Weg. Paul zog grüßend den Hut vor Trante, diese blickte zerstreut und gleichgiltig auf, nm den Gruß überrascht zu erwidern.

Wer ist das?" fragte Alma, die mit einem einzigen Blick' Traute so genau gesehen hatte, daß sie ihr einen Steckbrief hätte schreiben können. Außerdem hatte sie die Situation, in der sich das Paar befand, sofort erfaßt.

Fräulein Velten", antwortete Paul kurz, mit einem so schroffen, ablehnenden Klang der Stimme, daß Alm« sofort wußte, wer in Frage stand.

Ah" sagte sie leise, und laut fügte sie hinzu:Ein schönes Mädchen, aber, wie es scheint, nicht auf gutem

Wege."

Paul zuckte die Achseln, es war ihm unerträglich, mit Alma über Trante zu sprechen, obgleich er nicht ahnte, daß diese etwas Näheres wußte.

Ein junges Mädchen, das sich mit diesem Herrn einläßt, verliert seinen Ruf", fuhr die unerbittliche Alma fort, indem sie mit spitzen Fingern den Schnee von ihrem Sealskinpaletot klopfte, der von einem Baum auf sie herab­

gefallen war.

Warum?" fragte Paul rauh. Er wollte doch gern

mehr wissen. t ,

Es ist ja stadtbekannt. Ein alter Mensch von drei- nndzwanzig Jahren, der hier noch die Schulbänke drückt, um sein Abiturinm zu machen. Ein Graf Stauffen, der Erbe eines der reichsten preußisch-schlesischen Majorate, der sich hier in der Verbannung von seiner Familie so schadlos tote möglich hält. Man erzählt sich tolle Sachen von ihm. Er soll es zu Hause so arg getrieben haben, daß man ihn in die Strafverbannung schickte in dem guten Glauben, es fehle ihm hier jede Chance zu Exzessen. Früher lief er alle Tage mit drei großen Hunden in der Grimmaschen Straße herum er hat es auch einmal versucht, mir nachzulanfen, aber ich habe dem Herrn Grafen bald seine Wege gewiesen. Jetzt habe ich ihn lange nicht gesehen es scheint, er hat jetzt andere Unterhaltung gefunden/

Jedenfalls eine gute Partie", sagte Paul Lehmigke

ttocfen.

Gute Bertie? Ja, aber nicht für Fräulein Velten/«

Tas ist Fräulein Veltens Sache."

Der Ruf einer jungen Dame ist Sache der Oesfent- lichkeit." Alma Jäuisch gehörte zu den Wesen, die immer alles über andere wissen und stets eine treffende Antwort zur Hand haben, was Paul Lehmigke nicht leiden konnte an Frauen, obgleich er Intelligenz und scharfen Verstand im allgemeinen so hoch schützte. .

Wer war der Herr?" hatte auch Stauffen bei Pauls

^,Das ist ja der jetzige Besitzer von Brantikow", er- ividerte Traute eifrig,ich hätte nicht gedacht, den heute hier zu treffen." ,

Ah, das berühmte Panlchen?" rief Stausfen lebhaft