Ausgabe 
20.1.1902
 
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den Herrschaften auf Ornatoffsko? Auch Alexis Iwano­witsch nicht?"

921111 aber richtete der Gefragte sich gerade auf und betrachtete voll neuen Mißtrauens die Fragerin. Es dauerte eine ganze Weile, ehe er, die Achseln zuckend, erklärte: Uttfer gnädiger Bärin Gott wolle ihn segnen ist gleich nach den trauervollen Ereignissen auf Ornatoffsko vom Auslände zurückgekehrt. Ueber seine Rückkehr weiß ich nichts. Auch steht es mir überhaupt nicht zu, so viel über die gnädigen Herrschaften mit fremden Fragern zu reden" schloß er brummig; denn Mißtrauen und Furcht vor etwas geheimnisvoll Geisterhaftem, das sich an diesen abendlichen Besuch knüpfte, stritten noch bei ihm miteinander, doch war er fest entschlossen, komme, was wolle, keine Rede mehr zu stehen. Clarita erkannte dies recht gut, da sie mit aller Willenskraft mehr über Zeit und Umstände von Alexis' Abreise, sowie dessen Reiseziel und Aufenthaltsort zu er­forschen strebte.

Vergebliche Mühe! Kein weiteres Wort als:Ich weiß es nicht!" kam mehr über die bärtigen Lippen, und es wurde Clarita bald klar, daß sie sich durch weitere Fragen nur der Gefahr einer Beachtung aussetze, vor der sie bis dahin der Aberglaube des alten Burschen geschützt hatte. Den Vorteil galt es zu wahren. Deshalb hielt sie den bereit gehaltenen Rubel in der Hand, und trat rasch von dem Gitter zurück, um eilig in die dunkle Seitenstraße ein­zubiegen, an deren Ende der auf sie wartende Jswoschtschik hielt-

Sobald sie glücklich wieder im Wagen saß> und die Pferde in schnellem Lauf sie durch kreuz und quer laufende Straßen dem fernen Stadtviertel zuführten, da schlug sie die zitternden Hände vors Gesicht, um das flimmernde Licht der Straßenlaternen nicht mehr zu sehen. Cs schwindelte ihr, es wurde düster vor ihren Augen, wie vor ihrem Geiste. Eine ganz dunkle Stunde kam über sie. In dem, was sie vernommen, lag etwas, was als grelles Licht vor ihrem Geistesblick hin und her tanzte. Wladimirs Tod machte ihren Gatten zum Bärin, zum Stammhalter der Ornatoffs, dessen Erbe und Rechte Alexis wohl nimmer geglaubt hatte, sein zu nennen- Welchen Einfluß konnte daher dieser unerwartete Wechsel seiner Lebensstellung aus ihn selber geübt haben? Konnte er ihn Reue gelehrt haben über die voreilige, heimliche Ehe? Schämte er sich etwa der Gattin der Tochter eines einfachen Seemannes^ aus welche die russische Aristokratie herabsehen würde!

Aehnliche Gedanken, wie sie sich einst blitzähnlich Schwester Stefanie aufgedrängt, kamen ihr jetzt- Konnte es sein, daß Alexis sie absichtlich einsam gelassen, ihre Hilflosigkeit benutzt hatte, um sich ihr gegenüber eine Täusch­ung zu erlauben? War gar die ganze Mitteilung, wonach man ihn eines Verbrechens zieh nur schlau erdacht, um sich von ihr zu befreien, sie an den Gedanken zu gewöhnen, daß sie geschieden seien fürs Leben?

Unruhig arbeitete Claritas aufgeregter Geist, die arg­wöhnischen Gedanken strebten die Herrschaft über ihn zu gewinnen. Sie schweiften zu Dimitri zurück; das machte die Sache nicht besser; !es verstärkte den aufkeimenden Verdacht.

Dimitris Verschwinden, vorher nur unerklärlich, Er­schien ihr Heute verdächtig. Er mochte es mit seinem Herrn halten und mit diesem wieder auf Reisen gegangen sein- Aber konnte dies alles sein?

Warum nicht? glaubte Clarita! höhnend die Welt zu hören: bist du etwa die erste, die sich hat bethöven lassen durch eine glatte Zunge, ein schönes Gesicht und ein falsches Herz?

Falsch ! schlecht! nein, Alexis ist es nicht! tausendmal nein! schrie es dagegen laut in Claritas geängstigter Seele auf. Ich werde das nimmer, nimmer glauben, es sei denn, daß sein eigener Mund Wir sagt;Ich habe dich be­trogen! Meine Augen haben dir gelogen, mein Herz ist falsch!

Welcher Gedanke! O Gott, seufzte die arme Frau da­gegen, bewahre mir meinen Verstand vor solcher Verirrung! Set barmherzig! Laß mich Alexis finden, und sei es nur, Um im Exil mit ihm zu leben, und in Kummer und Elend ihm das zu sein, was ich am Mare gelobt eine treue Gattin. > j

Der Kampf in Claritas Seele war ausgestritten, glor­reich ging ihre Liebe als Sieger daraus hervor, die Lieb«, welche das, was ihre Hoffnung und ihr Trost ist, um

so fester Umschließt, je verlassener sie sich fühlt, und je drohender die Gefahren, die sie umgeben.

Das Herz der starkmütigen Frau war zur Ruhe ge­kommen, ehe der Wagen das bescheidene Haus Frau RustockZ erreichte, zu welcher eine der Wiener Empfehlungen sie zuerst in Petersburg geführt hatte. Bildeten jene Em­pfehlungen überhaupt ein treffliches Gut, so schloß die au die bescheidene Frau Rustock keineswegs den geringsten irr sich; denn sie hatte der Heimatlosen sofort ein paffendes Asyl verschafft.

Frau Liska Rustock war die Witwe eines kleinert Tschinowinks * *) und arm- Seit sie ihre einzige Tochter nach dem Innern des Landes verheiratet hatte, lebte sie zurückgezogen in einer der Vorstädte Petersburgs, wo sie eine kleine eigene Dascha**) besaß, dies half ihr für sich! und einen kleinen Enkel den Unterhalt zu gewinnen durchs Aufnahme von Kostdamen. Claritas Ankunft war ihr bereits vorher durch ihre polnische Verwandte aus dem! Kloster zu Wien gemeldet worden, worauf hin die alte! Dame mit wohlthuender Zuvorkommenheit die Fremde bei sich ausgenommen hatte, während Clarita ihrerseits sich gleich nach dem ersten Eindruck beglückwünschte, solch ge­sichertes Plätzchen in dem nordischen Babel gefunden zu haben.

Zu diesem freundlichen Asyl von ihrer Entdeckungsfahrt zurückgekehrt, ruhte sie geistig und körperlich in dem trau­lichen Zimmerchen ihrer Hauswirtin aus und lauschte sinnend dem Rauschen des Samowar, unterdes Frau Rustock ihr sorglich Thee bereitete, und in mütterlichem Tone zusprach/ wie notwendig es für sie sei, nach der weiten Reise zu ruhen, wobei indes gleichzeitig die freundliche Dame, ihrem eigenen guten Rate zum Trotz, sich ihrer Vorliebe gemäße ins Plaudern verlor.

Clarita war dies erwünscht; sie hörte gern zu, um allruählich ihre Fragen anbringen zu können, doch sie erzielte damit keinen Erfolg. Frau Rustock, die nie in der! großen Welt gelebt, und nun schon seit Jahren in stiller! Zurückgezogenheit ihre Tage zubrachte, wußte von einer! Familie Ornatoff nichts, als eben den Namen, der! wie sie selbst gestand, nur aus ferner Zeit herüberklinge^

Da war nichts zu erfahren, kein Wink für die Zukunft zu erhaschen; müde zog sich Clarita endlich zurück.

Von dein Fenster ihres hochgelegenen Zimmers aus schaute sie nach der vor ihrem Blicke sich prächtig aus- dehnenden Zareustadt. In der kalten, klaren Nacht hoben! sich deutlich deren Umrisse ab; unter dem Helle funkeln­den Sternenhimmel bot selbe ein prachtvolles Bild- Esj Es mochte ein trauliches Bild dem fein, der unter dem tausend Dächern eines wußte, das seine Lieben barg; was aber war das starre, steinerne Häusermeer für jene, die! sich sagen mußte, sie fei überall fremd in jeder Mratzefj vor jeder Hausthür! '

Kein Mensch, der mich kennt, keiner, der mich grüßt keiner, der mich liebt! Allen bin ich ein Fremdling!"! seufzte Clarita daher schmerzlich. Und dies war ihr erster Abend in Petersburg. .

IX.

Vielleicht.

Vielleicht! o aus Barmherzigkeit Laßt mir das eine Wort: Vielleicht!

G- v. Dhh errn'-i

Der neue Morgen brachte neuen Mut. Die Aussicht, daß Frau v- Ornatoff, wie der alte Dwornik gesagt, in Peters­burg erwartet werde, belebte Clarita, spornte sie rastlos! zu weiteren Schritten an- Sie hatte ja noch zwei Em­pfehlungen sich nutzbar zu machen, vielleicht halfen sie zu besserem Erfolg bei ihren Erkundigungen. So sehr es! sie jedoch dazu drängte, ihre zarte Natur behauptete dies­mal ihr Recht, und sie mußte einige Tage sich pflegen, bis! sie soweit gekräftigt war, um weitere Schritte Unternehmern zu können. Zunächst fuhr sie zu Maestro Magini, beim berühmten Violinisten und Komponisten, an den ihr Wiener! Musiklehrer sie gewiesen. Seine Empfehlung hatte treffliche! Wirkung, und als der Maestro erst Claritas Stimme ge­hört, wllligte er ein, für die junge Fremde noch eine MUsik- stunde zu erübrigen und sie als Schülerin anzunehmen-i Er stellte sie auch seiner Frau vor, die, obwohl nicht mehr jung, doch noch die ganz« Lebhaftigkeit, eines heißblütigen!

*) Beamten-; i

**\ Petersburgs LatzdtzauK.,