Ausgabe 
20.1.1902
 
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Nr. 11.

Montag den 20. Januar.

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ein Volk hat dir vieles gegeben, cs verlangt dafür ebensoviel von dir. Es hat dir den Leib behütet, den Geist'geformt, es fordert auch deinen Leib und Geist für sich. Wie frei du als Einzelner

die Flügel regst, diesem Gläubiger bist du für den Gebrauch deiner Freiheit verantwortlich, gleichviel ob er als milder Herr dein Leben friedlich gewähren lüszt, oder ob er cs sich mit hoher Mahnung in einer Stunde fordert. Gustav Frey tag.

(Nachdruck verboten.)

Verschollen.

Original-Erzählung von M. Lud-olff.

(Fortsetzung.)

Arme Clarita! Die leichtsinnige Sorglosigkeit, mit der sie es einst versäumt, sich über Alexis ungern besprochene, heimatliche Verhältnisse zu vergewissern, die büßte sie jetzt schwer. Ihre völlige Unkenntnis vergrößerte die schwierige -Lage bedeutend, und es gehörte in der That ein gut Teil geistiger Spannkraft und festen Willens dazu, um nunmehr Schritt, für Schritt mühsain das Versäumte nachzuholcn.

Langsam verhallte der Glocke Ton- Clarita lauschte auf deren Verklingen in dem öden Gebäude. Nichts regte sich darin, kein Lichtschimmer erhellte eines der Fenster nur ein Hund schlug an. Es war ein kläffender, bissiger Laut, doch berührte er die angstvoll Harrende angenehm. Aufmerksam beobachtete sie die Seitengänge neben dem freistehenden Hause, aus oessen innerem Hofraum der Ton kam- Stallungen und Dienerschaftswohnungen mochten dort liegen. Aber auch dort blieo es still. Clarita läutete zum zweiten Male, kurz, scharf, befehlend. Das blieb nicht ohne Wirkung. Ein Windlicht erschien in den Seitengängen, es kam ihr langsam entgegen. Unter seinem Scheine erkannte sie alsbald die Gestalt eines alten Mannes; er trug den Kopf etwas vorgebeugt, sein Bart und Haar waren zu Schnee gebleicht- Das Windlicht hoch haltend, trat er zu dem Gitterthor, jedoch ohne es zu öffnen. Mit weit auf­gerissenen Augen betrachtete er die davor stehende Dame- Sein Staunen war so groß, daß er darüber seine Frage vergaß. Clarita hatte den Schleier fester gezogen. In ihrem besten Russisch fragte sie gerade in sicherem, festen Ton: Bis wann wird Madame d'Ornatoff in Petersburg er­wartet?"

Ihre sichere Sprechweise ftihrte den Mann irre. Ob­gleich er die Fremde ebenso neugierig wie mißtrauisch betrachtete, befliß er sich doch xiner gewissen Höflichkeit. Ich rann es nicht sagen, wann die gnädigen Herrschaften hier eintreffen werden, es mag in einigen Tagen, vielleicht auch erst in ivenigen Wochen sein. Noch befinden sie sich im Ausland

Im Auslande! Eigentümlich tönte das Wort in Claritar Ohr. Lieber Himmel, wie leicht hätte sie dort, etwa an einem Badeort mit jenen zusammentrefHn und sich diese angstvolle Reise ersparen können, die nun wenigstens vor­läufig nutzlos schien.

Die junge Frau faßte eine der Eisenstangen wie spielend, in Wirklichkeit aber als Halt, sie mußte mehr erfahren. Also noch im Ausland" sagte sie gedehnt.Ich glaubte, sie seien zurück, Hütten sich aber möglicherweise direkt nach Ornatoffsko ' begeben?" Aufs Geratewohl nannte sie das Stammgut, wo der alte Herr v. Ornatoff seine letzten Lebenstage verbracht.

Nein", versicherte darauf der alte Dwornik*) die gnädige Barinitschi**) geruhen diesen Winter nach Petersburg zu kommen, doch ist die Zeit ihrer Ankunft ; mir noch nicht bekannt gegeben."

Und der junge Bärin***) Wladimir Iwanowitsch ist | er nicht zurückgekehrt?"

Erschrocken fuhr der alte Mann zurück. Der Schlüssel­bund siel aus seiner Hand klirrend auf den Boden, indem er sich dreimal rasch bekreuzte.Was Madame?" stotterte er.Sie fragen nach einem Toten! Wladimir Iwanowitsch ist gestorben, wenige Tage nach unserem alten gnädigen Bärin, es war eine jammervolle Zeit für Ornatoffsko."

Der Greis war derart erschrocken und ergriffen, viel­leicht auch von abergläubischer Furcht erfaßt, daß er vergaß, die Fragen der Fremden mit gleicher Münze zu zahlen. Scheu staunte er die in einen toeiten Mantel gehüllte Gestalt an, die da draußen im Sternenschein vor den: Gitter stand und nach einem Toten fragte. Und gar nach diesem Toten, der schon über ein Jahr in der Gruft seiner Ahnen schlummerte. Es mochte Unglück für das Ornatoffsche Haus bedeuten, solche Nachfragen!

Die bei dem russischen Volke so große Neigung zu Aberglauben und Gespensterfnrcht machte sich hier geltend- Sie nahm dem greisen Dwornik seine Ueberlegung; nach seiner Meinung mochte die verschleierte Fremde mit der eigenartig klingenden Sprache selber eine zurückgekehrtö Verstorbene, ein ruheloser Geist sein!

Unter neuer Bekreuzung bückte sich der Alte vorsichtig, um seine Schlüssel aufzuheben und sich selber sachte zurück­zuziehen. Nicht um alle Schätze der Welt wollte er jetzt das Thor erschließen. Indes, draußen der ruhelose Geist war nicht gewillt, ihn schon entschlüpfen zu lassen- Clarita lag noch eine Frage zu sehr am Herzen- Aber gerade deshalb fehlte ihr der Mut, sie entschieden zu stellen. Doch es mußte sein, die Gelegenheit durfte sie sich nicht entgehen lassen, welche Deutung auch der Frage in ihrem Munde beigelegt werden konnte. Verblümt mußte sie ge­wagt werden.Ist augenblicklich denn gar niemand vorr

*) Art Portier, Wächter,

***) Herr, Gebieter.