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mtb' aller Erdenschmerzen für immer enthvden, brauste in Begeisterung die Antwort entgegen: „Er ist in Wahrheit auferstanden!" Das brache sich wunderbar an den Gewölben und zitterte nach in den erregten Gläubigen, die sich ihrem Gott nahe wähnen.
Tie Zeremonie war vorüber. Das Heer von Lichtern, bas so wunderbar zum nächtlichen Himmel geleuchtet, zerteilte sich, und das glänzende Bild versank in das Dunkel der Nacht.
In unabsehbarem Zuge strömten die Menfchenmassen Nach Hause zum festlich bereiteten Ostermahl.
Jesim und die Seinen schritten an der Klinik vorüber. Finster und kalt ragte der Bau in die Straße hinein, als sei alles Leben hinter seinen Mauern erstorben. Wie suchend ließ Tatiana den Blick über die Front gleiten; ihre Gedanken weilten bei Boris Mitrofanowitsch, dem sich kein frohes Fest erschlossen hatte. Leise grüßte sie hinauf: „Christ ist erstanden!" Und es war ihr, als schalle herab': „Er ist in Wahrheit auferstanden !"
Ter Ostersonntag mit seinen Aufregungen war angebrochen. Tas Beglückwünschen, Umarmen, Küssen, Be- toentert und Besuchen wollte gar kein Ende nehmen. Selbst Jesim zeigte auf seinem so ernsten Gesicht einen Anflug von Heiterkeit und gab bei Tisch sogar einige Scherze und Anekdoten zum Besten.
Am Nachmittag erschienen Iwan Sarkissow, der Pope, mit feiner Frau und eine Menge anderer Leute zur Gratulation. Auch die Herren vom Geschäftspersonal fehlten nicht. Es war ein Leben, das eine wohlthuende Unterbrechung in dem ewigen Einerlei des sonst so sticken Hauses bildete und den Salons seit langer Zeit wieder freundliches Behagen verlieh.
Tatiana hatte sich, unter die Gäste gemischt. Ter prahlende Sonnenglanz und der Frohsinn des Festes spotteten aller Trübsal und ließen das Hoffen neu entflammen. Sie plauderte, scherzte und lachte so herzlich, daß Mexandra Michailowna dachte: „Die Aussicht auf die Reise hat Wunder bewirkt."
Aber im Hintergründe lauerte schon wieder das Unheil.
Zufällig au der Thür deA Rauchsalons stehend, hörte sie, wie der Vater mit dem Buchhalter über die Reise nach Moskau redete und leise von einem Wechsel über vierzigtausend Rubel sprach. Der Buchhalter prophezeite, daß es mit den Gebrüdern Kalussoff bald zu En-de sei. Des Vaters Munde entfuhr eine Verwünschung. „Ich nahm den Wechsel", fügte er hinzu, „nm wenigstens in den Besitz einer bevorzugten Forderung zu gelangen, aber ihn in Zahlung zu geben, habe ich nie beabsichtigt, denn faule Wechsel setzt Jesim Godunow nicht in Kurs. Sie werden um Prolongation bitten, aber bei mir kein Glück haben, und wenn zehnmal der Konkurs hereinbrechen sollte."
Tatiana erfaßte bei den Worten des Vaters ein jäher Schreck, und wie Schuppen fiel es ihr von den Augen; Dimitrh befand sich in drückenden Sorgen. Wie ein Ungewitter waren des Vaters Worte aus sie eingedrungen. Eie hatte Mühe, sich unter der Wruht des Schlages aufrecht zu erhalten, und doch pries sie den Zufall, der ihr die Aufklärung gewährt hatte. Jetzt war es ja sonnenklar, daß Timitrys Mahnung, pietätvoll im Elternhause zu bleiben, nur den edelsten Absichten entsprungen war: Es widerstrebte ihm, sie in seine mißlichen Verhältnisse hineinzuziehen. Die Scham, ihn verkannt zu haben, trieb ihr das Blut in die Wangen. Der Wechsel! Oh, wenn sie ihn in Händen hätte, wie wollte sie ihn in tausend Stücke reißen! Alber der war ja in sicherem Gewahrsam. Tas Privatkontor des Vaters, der Stahltresor, die Kassette mit dem Wechselportefeuille stiegen vor ihren Augen auf — sie fand nicht die geringste Lücke, um durch diese Wände von Eisen und Stahl zu greisen und sich des Wertpapiers zu bemächtigen.
„Gleichviel", versicherte sie, mit dem Fuße zornig anfftampfend, „mag auch die Katastrophe hereinbrechen und Timitry Hab und Gut verlieren, so werde ich- trotz alledem sein Weib!"
Fest wollte sie ihm anhängen, den Beweis liefernd, daß sie Mühe und Not an seiner Seite nicht ftirchte. Ihr Entschluß war gefaßt, einmal in Moskau, auch dort zu bleiben und sein Los zu teilen.
Sie schrieb an Timitry. Als die Feder über das Papier
glitt, hielt sie es dojch Mr reizender, ihn zu überraschen und ihm die Freude des unverhofften Wiedersehens zu gönnen; von der bevorstehenden Reise erwähnte sie nichts. —
Alexandra Michailowna war bereits mit den Vorbereitungen zur Reise beschäftigt. Wiederholt stieg sie zum zweiten Stocke des Hauses empor und machte , sich besonders viel in einem Zimmer zu schaffen, das sonst verschlossen gehalten und wenig betreten wurde. Es war ein stiller, melancholischer Raum, der seines Bewohners zu harren schien, denn auf dem Schreibtisch lagen Hefte und Skripturen, gelb vor Atter, und in dem großen Regal standen zahlreiche Bücher, aber alles tvohl geordnet, als sollte es sogleich wieder benutzt werden. „Tas war Deines Bruders Arbeitsgemach", pflegte Alexandra Michailowna seufzend zu sagen, „nach dem großen Unglück blieb es unbenutzt." „Was für ein Unglück?" hatte Tatiana nie geforscht; sie nahm an, daß es der Tod gewesen, der mit rauher Hand einge- grisfen hatte. Warum durch neugierige Fragen alten Schmerz auffrischen . . . Aber nun fiel ihr die häufige Anwesenheit der Mutter in dem verlassenen Zimmer, an dessen Thür sie stets mit einem gewissen Unbehagen Vvr- überging, außerordentlich aus. Was mochte der Grund sein? Leise öffnete sie die Thür und sah hinein:, die Mutter saß vor dem an der Wand hängenden Heiligenbilde, das mit einer frischen Werba geschmückt war, und starrte kummervoll vor sich- hin
„Sind Sie leidend, Mama?" fragte Tatiana mit besorgter Teilnahme.
Mexandra Michailowna fuhr sich über die Augen, die feucht waren, und schüttelte verneinend ihr Haupt. „Ich habe Sorge um Deinen Vater, der sich in einem Mter befindet, in dem die Anstrengungen einer Reise nicht mehr so leicht wie in jüngeren Jahren zu ertragen sind." Sie wies mit der Hand auf den Sessel vor dem Schreibtisch und fuhr, nachdem sich Tattana niedergelassen, fort: „Tein Vater hat mancherlei Geschäfte in Moskau zu erledigen, die schwieriger Natur sind und ihm bei seinem leicht reizbaren Temperament gefährliche werden können. An Dir wird es sein, ihn zu beruhigen und über ihn zu wachen, daß er an seiner Gesundheit reinen Schaden nimmt. Ich lasse chn nur ungern reisen, aber nächst Gott verttaue ich Deiner Kindesliebe, die ihm das Unbehaglichje des ungewohnten Aufenthalts mildern wird."
Kindesliebe--! Tatiana zuckte zusammen. „Wie
kann Kindesliebe stark entwickelt sein", dachte sie, „wenn die Elternliebe nie zum Durchbruch gekommen ist."
„Tu hast Dich in letzter Zeit", nahm die Mutter wieder das Wort, „sehr verändert, so daß Tein Vater und ich uns schon nach den Gründen gefragt haben. Hast Tu etwas auf dem Herzen, das Dich drückt, so sage es, damit zwischen Teinem Vater und 'Dir alles llar ist."
Solche wärmeren, vertrauensvoll klingenden Töne hatte die Mutter bisher sehr selten angeschlagen. Tatiana empfand die Weiche, milde Sprache wie eine Wohlthat; ein heißes Verlangen ergriff sie, endlich einmal durch eine offene Aussprache ihrem gepreßten Herzen Luft zu machen. Aber sie bezwang sich unr Timitrys willen und blieb stumm.
„Tu hast keine Antwort?" fragte Mexandra Michailowna erstaunt.
„Was soll ich sagen?" rief Tatiana erregt. „Mein Empfinden ist von Ihnen, Mama, und von Papa nie verstanden worden, und wird auch wohl nie verstanden werden. So halte ich das, was mich bedrückt, lieber in meinem Innern verschlossen. Meine Pflichten gegen Papa werde ich selbstverständlich in vollem Maße erfüllen."
Alexandra Michailowna sah die Tochter scharf an. „Wir haben es wohl gemerkt, daß Tu nicht offen gegen Deine Eltern bist, obwohl sie nur Dein Bestes wollen. Möge Dich Deine Verschlossenheit einst nicht gereuen!"
„Kinder, die erwachsen sind", suchte sie sich zu verteidigen, „können nicht immer auf ihren Willen verzichten, um dem der Eltern gerecht zu werden. Das Gefühl der Selbständigkeit regt sich und drängt sich zur Bethättgung. Ellern, die sich das nicht sagen, haben sich die Folgen zuzuschreiben." Sie sah während dieser Worte auf den Schreibttsch, auf dem die Skripturen lagen, und sie las mechanisch Sätze naturwissenschaftlichen Inhalts/ ohne sich dabei etwas Besonderes zu denken.


