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empfinde« ?! Ich habe ihn tjür
«fi» sie den Gatten nach kurzer Pause mit ernster Mene sagen hörte: „Auch ich muß Dir etwas mittellen, das leider sehr unangenehmer Art ist."
Er hielt inne, dann aber entrang es sich zögernd: „■Ser Verschollene ist wieder aufgetaucht!"
Es schien, als ob ein Blitz aus heiterem Himmel aus Wexandra Michailowna niedergefahren sei. Ihr Gesteht nahm einen schreckhaften Ausdruck an, und ehre Gestalt schüttelte sich, wie in durchdringendem, scharfem Frost, während ihre Hände über die Augen fuhren.
Jefim aber sank wie ein müder, kranker Mann auf einen Stuhl und starrte düster und hoffnungslos vor sich hin.
„Ja, er ist wieder da," grollte er, „nm un,eren geachteten Namen in den Schmutz zu zerren utib Schande aus unser graues Haupt zu häufen."
Schweigend blickte sie zum Gatten, vorläufig völlig unfähig, auch mir ein einziges Wort hervorzubringen.
„Er treibt sich in Moskau umher", fuhr Jefim fort, „und führt ein glänzendes Leben. Wo er die Mittel hernimmt, weiß ich nicht, jedenfalls stammeii sie aus unsauberen Quellen." . .
Alexandra Michailowna hatte sich ein wenig gefaßt, obwohl die Singst noch in ihrem Gesicht zu lesen war.
„Von wem hast Tu die Nachricht?" fragte sie mit
ihn freudig überraschen will, sogar no wieder mahnte es milde und versöhnend: „ .
vertraut und kennt träte List". Minutenlang starrte ste auf das Papier, wahrend ihre Hand nervös mit dem eleganten Federhafter spielte.
Von unten rief die Mutter, sich zum Ostergottesdienste zu rüsten, und Njanuschka stürzte bereits in großem Staat atemlos ins Zimmer.
Mit deni Schreiben war es vorbei. —i *—
Großartig und feierlich war der Gottesdienst, bildete er doch zu den Fasten das Finale und zu den hoffnungsreichen Ostern die stimmungsvolle Ouvertüre.
Vom nächtlichen Himmel blinften kalt und still die Sterne auf das Treiben der Menschen, die sich frommen Sinnes bei den hochragenden Kirchen versammelt hatten um unter Vorantritt der Geistlichkeit nut brennenden! Wachskerzen in den Händen die Gotteshäuser zu umziehen und Christus, den Auferstandenen, zu suchen. Tte gotd- ftmkelnden Ornate der langbärtigen Priester, die prächtigen^ reichgestickten, farbenglühenden Banner und wehenden Fahnen, die kostbaren Goldkreuze und Laternen, das flimmern und Flackern die"- —
ieses unabsehbaren, schwankenden, leuchtenden Waldes von Lichtern, aus dem der Weihrauchs in Wolken zur Höhe wirbelte und der Chorgesang kraftvoller Männerstimmen wie überirdische Melodie empordrang, einigten sich zu einem Bilde von besiegender Macht
Ein Kanonenschuß als Zeichen, daß die Mitternacht eingetreten sei, dröhnte Wer die Stadt. Alle Glocken begannen zu läuten, die Tausende von Lichtern vor den in Gold und Juwelen starrenden Heiftgenblldern der Kirchen flammten wie mit einem Zauberschlage auf, strahlende Helle übergoß die ganze bestrickende, bunte, glänzende Pracht, und vom Ikonostas iuMte m herrliches Tonfall der Priester Keich ^em AbgesandttN der 'anderen Wett die Himmelsbotschaft,: ,Mrtst ist er standen!" ttnb die Gemeinde, als ser fte allen Kummers
„ÜEatiana?" fragte er.
„Ja, Tatiana! Tenn die Reise wird' ihr Gemüt erweitern/'
Jefim gestand sich, daß seine Frau Recht hatte. Freilich, Wera wäre chm lieber gewesen. Ihm fiel seine Hallucinaiion ein — er sah wieder Tatiana neben Dimitrh Kalussofs im Wagen an sich vorübersahren. Kalussofs wohnte in Moskau--. Bisher hatte er Alexandra!
Michailowna noch nichts von seinem Erlebnis erzählt, aber jetzt überlegte er, ob es nicht besser sei, chr die merkwürdige Geschichte mitzuteilen. Das schmerzbewegte Gesicht seiner Frau bewog ihn jedoch, zu schweigen und sie zu schonen. Zu seiner eigenen Beruhigung versicherte er sich, daß er Tatiana scharf beobachten und vor Dimittch Kälussoff hüten werde. _
„Wir fahren nach der Osterwoche", sagte er. , „Selbstverständlich wird Tatiana von dem Zweck der Reise nichts
Wunderbare Fügungen des Schicksals! Was die eine Stunde geschaffen, verwirft die andere; was für unerreichbar gehalten wird, gestaltet sich plötzlich zur Wirtlichkeit, und die Sorgen wandeln sich unvermutet
gepreßter Stimme.
„Von meinem alten Jugendfreunde Konstantin Simo- noivsky, der in engen Beziehungen zur Moskauer Polizei St. Er hat ihn wiedererkannt und beobachtet. Tas
limmste Wer ist, daß die Polizei bereits ein Auge chn geworfen hat. Was ist zu machen?"
„Vierzehn lange Jahre diese Qual", seufzte Alexandra Michailowna. „Tu hättest ihn nicht verstoßen, sondern barmherzig sein sollen", kam es vorwurfsvoll von ihren Lippen. „Vielleicht wäre er doch noch ein ordentlicher Mensch geworden. Mancher der in der Jugend ein Sünder war, ist im reiferem After in sich, gegangen. In Deinem Starrsinn und Jähzorn bist Du im stände, über Leichen zu gehen. Er ist Tein rechter Sohn, und ich bin seine Stiefmutter, aber ihn zum Hause hinauszutreiben, hätte ich nimmermehr fertig gebracht."
' „Ein Wechselfälscher, ein Schwindler, ein Verächter her staatlichen Ordnung ist nicht mehr mein Sohn", gab Jefim dumpf zurück „Seine ganze Jugend ist eine Kette ehrloser Handlungen gewesen. Wie soll da der Vater für den Sohn noch Liebe empsindeu?! Ich habe ihn hinausgestoßen, well die Gefahr nahe lag, daß seine politischen Umtriebe die gesamte Familie in's Unglück stürzten.
' ‘ Verlassen unseres Hauses hätte er Mensch werden können, denn "*
Aber auch nach dem Ver!
»wch ein ordentlicher Mensch werden können, denn an Materiellen Unterstützungen durch Vermittelung anderer Hände ließ ich es nicht fchlen. Leider ist er geblieben, wie er war, und das Beste für ihn wäre, — der Tod!"
„Tu versündigst Dich", stöhnte Wexandra Michailowna entsetzt. „Wie kann ein Vater solche Wünsche gegen sein Men Fleisch und Blut hegen!"
Aber Jefim fuhr zornig auf. „Glaubst Tu", rief er, räaß die Väter nur dazu da sind, sich von ihren Kindern besudeln zu lassen? Wenn ein Name Generationen hindurch rein wie Gold geblieben ist und wird dann mit einem Male befleckt, ergreift, erschüttert, packt das nicht? Verdient ein Mensch Gnade, der schnöde mißachtet und entehrt, was die Vorfahren mit höchster Sorge als ihr Heiligstes und Schönstes gehütet haben? Ist der noch des Lebens wert, dem die Ehre nur eine Phrase und
der Schwindel alles ist?"
Ein Augenblick bedrückenden Schweigens herrschte, in dem nur das schwere Atmen zweier kummervoller Menschen zu hören war.
„!Auch seinetwegen möchte ich' nach Moskau fahren, Hub Jefim wieder an. „Er muß fort, verschwinden, gleichviel wohin, nur fort, über die Grenze, denn wenn er gefaßt und gegen ihn verhandelt wird, ertrage ich ine Schmach nicht — sie ist mein Untergang!"
„Fasse Dich", mahnte Wexandra Michallvwna. „Ja, reise und bewege ihn, Rußland den Rücken zu kehren. Wer allein lasse ich Dich nicht nach Moskau, Du wirst Tatiana mitnehmen. Sollte Tir infolge Deiner schwankenden Gesundheit etwas zustoßen, _ was Gott verhüten möge, so hast Du wenigstens Deine Tochter
zu Freuden. ~ .
Nach Moskau! Ueberrascht war Tatiana emporgefahren. Sollte ihr heißester Wunsche so unerwartet schnell und ohne jeden Couflier in Erfüllung gehen? Sie getraute sich kaum die Mitteilung oer Mutter zu glauben. Aber es handelte sich- ja um unumstößliche, pure Wahrheit. In ihrem Innern jubelte es: „Ich werde ihn Wiedersehen!" Ihr ganzes Wesen gewann neues Leben, und ihr Gesicht strahlte vor Glück.
Wäre nur nicht der Brief Timitrys gewesen . . - dieser harte, kalte Brief! In das Entzücken über dck Reise fuhr er höhnische und disharmonisch hinein. Warum der Rat, daheim zu bleiben? Noch immer nicht vermochte sie den häßlichen Eindruck über das Verschanzen hinter der Pietät zu verwinden. Tückisch fuhr die Idee durch ihren Kopf, plötzlich in Moskau vor Dinntich hin- zutreten mit den Worten: „Fort vom Elternhause, suche ich Schutz bei Tir!" Dann mußte sich sein wahres Empfinden entschleiern — — — ,, ,. .
Sie wollte an ihn schreiben. Früher waren ihr die Briefe leicht geworden, aber dieser fiel chr unendlich schwer. „Von der Reise zu schweigen", dachte sie, „ist, wenn ich ihn freudig überraschen wlll, sogar notwendig." Tannj wieder mahnte es milde und versöhnend: „Die echte Liebe


