1902. — Nr. 188.
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(Nachdruck verboten.)
Kinder des Ostens.
Original-Roman von Georg Buß.
(Fortsetzung.)
Dankbarkeit war es auch gewesen, die sie veranlaßt patte, ihre Njannschka einige Male nach der Klinik zu enden, um für Boris Mitrofanowitsch Blumen und Er- rischungen äbzugeben und Erkundigungen über sein Bernden einzuziehen. "Tie Auskunft, daß die Brandwunden chwerer Art seien und noch geraumer Zeit zur Heilung bedürften, hatte sie tief bekümmert. Ihr Mitleid steigerte ich, je mehr bedachte, daß er die Ostertage unter Schmerzen einsam verbringen thüffe.
Sonst Ivar sie den Ostern in fröhlichster Stimmung entgegengegangen, aber dieses Mal fühlte sie nichts als Gleichgiltigkeit. Ani Liebsten wäre sie weit, weit hinweggeeilt, nach irgend einer menschenleeren Gegend, um mit ihrer Trauer und ihrer: Gedanken allein zu sein. Sie versuchte zu lesen, aber die nötige Sammlung fehlte ihr, und, als Wera leise von Andrei Pawlowitsch Steinbrecht plauderte, hörte sie nur mechanisch zu. Erst beim Diner, als Jefim Godunow.erzählte, daß er zur Klinik gefahren sei uird seine Karte Boris Mitrofanowitsch hinaufgesandt habe, ivurde ihre Aufmerksamkeit gefesselt. Der Vater wußte eine Menge interessanter Einzelheiten über die Katastrophe mitzuteilen: daß der Kapitän des Rurik gleichfalls zu den Verletzten gehöre und auf dem Dampfer im Hafen liege, daß die ganze Stadt noch immer von dem Unglück rede, rind daß dieses bet weitem furchtbarer geworden wäre, wenn nicht viele der anwesenden Herren die auflodernden Flammen mit Todesverachtung erstickt hätten.
„Natürlich, jetzt sind sie alle Helden", konnte sie sich nicht enthalten, ironisch zu bemerken.
„Ach was", gab Jefim unwillig zurück, „Dein romantischer Kopf caprieiert sich nur auf einen einzigen Helden. Erfahrene Leute versichern aber, daß Boris Lyschnin durch das thörichte Herunterreißen der 'Dekorationen die Gefahr nicht vermindert, sondern geradezu gesteigert habe."
Des Vaters beißende Entgegnung trieb chr das Blut ins Gesicht, aber sie schwieg und dachte: „Tas ist die Gerechtigkeit der Welt." —
„Sie ist so merkwürdig, so gereizt und streitsüchtig in letzter Zeit", meinte nach dem Diner Alexandra Michai- lowna zu Jefim, als sie allein waren, „daß ich wirklich in Sorge bin. Ich beobachte sie, vermag aber keinen Grund für ihr sonderbares Benehmen zu finden."
Jefim nickte und schob die Schuld auf seine Weigerung, Boris Mitrofanowitsch in's Haus zu rrehmen. „Die Jugend begeistert sich ungemein schnell für eine sentimentale Idee", tadelte er, „und kann nicht ertragen, wenn
sich die kühle Vernunft dagegen auflehnt; sie entflammt sich für hochherzige Dankbarkeit, für alles Edle, Großch und Außergewöhnliche, ohne zu bedenken, daß sie durch solche Schwärmerei meistens in schroffen Widerspruch zum praktischen Leben tritt."
Er hielt inne, merfte er doch, daß seine Frau noch irgend eine Last auf dem Gewissen trug. Fragend schaut« er sie an.
Alexandra Michailowna näherte sich ihm, und während ihr Gesicht einen geheimnisvollen Ausdruck annahm, sprach sie zaghaft: „Ich muß Dir etwas anvertrauen betrifft Wera."
Jefim horchte.
„Sie hat mir gestanden, gestern von Andrei Pawko- witsch Steinbrecht einen Brief erhalten zu haben, in deut er bittet, bei Dir um ihre Hand anhalten zu dürfen."
„Was — ein Antrag", rief Jefim überrascht, indem er aufsprang, „von dem Prokuristen in Moskau?"
„Ja, Tu weißt, er hat uns jüngst besucht. Wer« hat ihn im vergangenen Jahre bei Praksins kennen gelernt. Auf mich hat er den besten Eindruck gemacht. Was Tu über ihn denkst, weiß ich nicht."
Erregt schritt Jefim auf und ab.
„Nun?" fragte Alexandra Michailowna in ängstlicher! Erwartung.
„Meine Tochter an einen Prokuristen zu verheiraten,- erfordert ein außergewöhnliches Maß von Entsagung"^ betonte er. „Ich hatte für Wera auf einen Mann in selbständiger und hervorragender kaufmännischer Position gerechnet."
„Aber Andrei Pawlowitsch soll sehr tüchtig fein",- warf Alexandra Michailowna besänftigend ein, „und Werg behcntptet ihn zu achten und zu lieben."
„Ach die Liebe", rief Jefim, ironisch lächelnd, „mit ihr allein 51t fahren, ist ein Vergnügen sehr zweifelhaftes Art. Mm Besten kutschieren Eheleute zweispännig — mit Liebe und Geld! Was vermag ein Prokurist, ein Mann in abhängiger Stellung, Wera zu bieten?"
„Tu könntest ihn in's Geschäft nehmen, zumal Dip in Deinem Alter eine kräftige und zuverlässige Hilfe notthut."
„Tas wäre allerdings Nicht so übel", murmelte Jefim. „Von Galgant und Chinawurzeln versteht er zwar wenig, aber sonst kann ich ihm das Lob, ein respektabler Kaufmann zu sein, nicht absprechen." Nachdem er eine Weile geschwiegen, fuhr er fort: „Jedenfalls will ich mir die Sache überlegen und Erkundigungen über ihn einziehen. Am Besten wird sein, zu diesem Zweck nach Moskau zu fahren."
Alexandra Michailowna atmete erleichtert auf. Sie war erfreut, daß Jefim trok feiner reizbaren Natur ihre Mitteilung mit einem gewissen Wohlwollen entgegen genommen hatte. Ihr zufriedenes Lächeln erstarb jedoch^


