Ausgabe 
19.11.1902
 
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An demselben Tage, als die Wohnung durchsucht foürbe, stellte sich Julie Farkas unter dem Namen Klara I int Palais Doroukoff vor, wurde von ihrem Protektor, dem I Kämmerer, vor die Gräfin geführt und sofort als zweite Kammerfrau angestellt. Won da ab hatte sie nur mehr | einen Gedanken, ein Ziel, eine fixe Idee: den Auftrag, | den ihr Querzewski gegeben hatte, auszuführen, ihn dann so rasch wie möglich aufzusuchen und mit ihm in die Fremde zu fliehen. Ihr Instinkt, der sie noch selten getäuscht, sagte ihr, daß sie in Berlin große Gefahr laufe. Sie folgerte ganz richtig, daß ihre und Paul Querzewskis Flucht zu allen möglichen Verdächtigungen Anlaß gab ja sogar I notwendigerweise nach sich ziehen mußte. Worauf wartete I Ke eigentlich noK hen StreiK zu Mren? Auf eine günstjge »

Gelegenheit. Rnd sie selbst wär diejenige, die sie herbei­führen mußte.

In ihrer Ungeduld, die noch die Angst, schon die zweite Nacht im Palais zugebracht zu haben, vergrößerte, schlich sie sich aus ihrem Zimmer es gelang ihr, den von den Herren und Gebietern bewohnten Trakt zu erreichen, und sie stand vor dem Atelier.

Doch ein unvorhergesehenes Hindernis ließ den ersten Versuch mißglücken: die Thür war abgeschlossen.

Sie veranlaßte Tags daraus die Bedienten zu reden und erfuhr, daß eilt Kammerdiener, der ganz besonderes! Vertrauen genoß, über das Atelier zu wachen hatte, daß er es jedesmal, wenn sich die Gräfin entfernt hatte, ab­schloß und es nur des morgens öffnete, um es aufzuräumen. Nach dem Aufräumen und der Beendigung seiner Arbeit ließe er es bis zum Kommen der Gräfin offen, die gewöhn-, lich gegen zwei oder drei Uhr nachmittags in dasselbe heraufzukommen pflege.

So werde ich denn bei Tage vollenden, was ich eigent­lich während der Nacht thun sollte", sagte sich Julie.

Tiefen Entschluß gefaßt, zögerte sie nicht länger. Ein thatkrästiges, entschlossenes Frauenzimmer, wie sie war, verlor sie ihre ganze Furcht und wurde, sobald es sich darum handelte, zu Werke zu gehen, wieder kühn und waghalsig.

Eines Tages gegen mittag nach Beendigung ihres Dienstes drang sie mit tausenderlei Vorsichtsmaßregeln brs in das Atelier, sand auch sofort die ihr von Querzewski bezeichnete Stelle, hob den Gobelin etwas in die Höhe und schlüpfte in das finstere Kabinett, in dem schon fett so langem ihre ersehnte Million schlummerte.

Ihre erste Vorsorge bestand darin, mit einem eigens zu diesem Zwecke mitgebrachten Taschenmesser in der Höhe ihres Auges ein Loch in den Gobelin zu schneiden. So konnte sie wenigstens beobachten, ohne gesehen zu werden.

I Sobald sich ihr Auge an das Dunkel gewöhnt hatte, suchte sie das Versteck, dessen zwischen ihr und ihrem Gelrebten so oft Erwähnung gethan wurde, und begann nun, nachdem sie es ohne zu große Mühe gefunden hatte, die Tapete

I abzureißen, um die Ziegel bloßzulegen.

Plötzlich vernahm sie ein Geräusch im Atelier. Eben war jemand eingetreten.

Rasch blickte sie durch die Oeffnung, dre fte angebracht I hatte.

Es war die Gräfin Doroukoff, die zufällig ihre Arbeits­stunden oder die ihrer Zusammenkünfte am heutigen Tage auf eine andere Zeit verlegt hatte.

71. Kapitel.

Laben. Ja, aber welchen? Droschken giebt es eine Unmenge i in Berlin, und eine Nachfrage bet allen nur existierenden Kutschern, bei einem nach dem andern, war beinahe ein Ting der Unmöglichkeit. Allerdings erhält man auf den Standplätzen oft einige Auskunft. Aber ein Mensch, der schon einmal etwas mit den Gerichten zu thun gehabt hat, und der so findig war wie Querzewski, wendet sich nicht an die Standplätze, wie er es zuerst gethan hatte, höchstens . Um die, die ihm etwa folgen wollten, irrezuführen. Wenn er aber die Absicht hatte, wieder heimlich in die Stadt zurückzukehren, griff er einen beliebigen Wagen auf, der I ihm gerade begegnete und den ein beliebiger, gerade freier I Kutscher führte. _ I

Auch ein anderes Bedenken ließ Muller seine Nach­forschungen einstellen. Er sagte sich:Die Farkas hat sich I nach dem Westen der Stadt gewendet; Querzewski wird jte sonach aufgesucht haben. Sein Kommen und sein Gehen, seine Fahrt nach dem Friedrichstraßenbahnhof und der Weg, bett er verfolgt hat, kümmern mich schließlich verflucht wenig. Gewiß ist, daß er sich jetzt bei ihr befindet. Ab­warten!"

So hörte er denn auch auf, Querzewski zu suchen, um zu Minna zurückzukehren.

' Inzwischen hatte sich der Untersuchungsrichter seiner­seits in die Augsburger Straße begeben, um über die beiden von den gewesenen Zeugen bewohnten Zimmer ein Mufnahmeprotokoll auszusetzen von jenen Zeugen, die jetzt üi den Anklagezustand gekommen waren.

Minnas Koffer, den sie wahrscheinlich Hessekiel gvoß- mütig als Andenken hinterlassen hatte, enthielt nur Wäsche und zwei bis drei Kleider. Man konnte ihn wenden, wie man wollte, er brachte kein Geheimnis ans Licht. Bei Keßler hingegen fand man ganz hinten im Schrank, den vollkommen zu leeren seine überhastete Flucht nicht mehr gestattet hatte, Schminke, verschiedene Schönheitsmittel, Fläschchen mit Oelfarbe, drei Toupets und zwei Perrücken von verschiedener Haarfarbe, welche die Neigung des Eigen­tümers zu Verkleidungen verrieten und den Behauptungen Müllers mehr Gewicht verliehen.

IN einer Schieblade des Schreibtisches entdeckte auch der Richter zu seiner hohen Befriedigung sämtliche Papiere des Zimmerherrn. Mit der Absicht, in eine neue Haut zu schlüpfen, hatte Querzewski eben alles zurückgelassen, was ihn an die Person des Keßler, an seine ganze Rolle und an die so glänzende Verwertung seiner Maske erinnern konnte. Er hatte jedenfalls nicht daran gedacht, daß die von ihm freiwillig zurückgelasseuen Papiere eine Waffe in den Händen des Untersuchungsrichters sein könnten. Land- gerichtsrat Klinger fragte auch wirklich durch eine Depesche in Königsberg an, ob dieser Herr Keßler seit seiner Rückkehr aus Rußland einmal wieder dort gewesen war. Man ant­wortete ihm, daß sein letzter Brief aus Petersburg dattert sei, von dem Tage seiner Abreise nach Deutschland, und daß man seither niemals mehr eine Nachricht von ihm erhalten habe. Ter Verdacht Müllers, daß die Papiere einem während der Fahrt nach Deutschland verstorbenen Reisen­den gestohlen sein Sonnten, bestätigte sich schon wieder: wäre der wirkliche Keßler, dessen Beziehungen zu seiner Familie stets die besten gewesen waren, wirklich nach Deutschland zurückgekehrt, so wäre er sicher nach Königs­berg zurückgefahren, anstatt sich in Berlin niederzulassen, oder er hätte wenigstens einmal in dieser langen Zeit einen Ton von sich verlauten lassen. Nur der Tod allein erklärte dies Stillschweigen und dieser Keßler, der Besitzer der Papiere, war in allen Fällen nur ein Pseudo-Keßler.

In einem langen, von Spitzen eingefaßten Schlafrock von lichtblauer Seide erschien die Gräfin Olga Doroukoff von geradezu hinreißender Schönheit. Tie Sonne, die in vollem Strome in das Atelier flutete, übergoß sie mit strahlendem Licht, das ihrem Teint mehr Schimmer, ihren Lippen mehr Glanz verlieh und ihr Haar, das nur durch einen Kamm lose zusammengehalten und bereit war, sich zu entrollen, wie mit Gold überflutete. Alle Linien ihres herrlichen Körpers zeichneten sich deutlich unter ihrem Schlafrock ab, den sie, vermutlich um sich vor Kalte zu schützen, angeschlossen trug, anstatt ihn lose wallen zu lassen, sodaß er sich in weichen Formen an ihren Busen, Rucken und an ihre Hüften anschmiegte

Mit einem Lächeln, mit feuchten Lippen, mit langem, sehnsüchtigem Blick durchflog sie das Atelier. Alles war an gewohnter Stelle: die Gemälde, die Leinwand, die Pinsel die Blumen derart gruppiert, wie sie es gewünscht hatte; die begonnene und immer noch unvollendete Studiö sfand---aus Gründen--aus der Staffelet.

Schleppenden Ganges ging sie auf den Diwan zu, streckte sich langsam, vermutlich zur Arbeit schlecht gestimmt, auf ihm, ihrem Lieblingsplatz, nieder und träumte nun vor sich hin die Augen halb geschlossen.

Julie, den Körper zusammengedrückt, das Auge an das in den Teppich geschnittene Loch gepreßt, beobachtete

los und mit zurückgehaltenem Atem aus ihrem Versteck hervor. Nichts entging ihrem Blick: die Ftnfternts des Kabinetts machte das Atelier nur um so lichter, brachte jeden geringsten Gegenstand zur Geltung und verlieh allem mehr Glanz und mehr Deutlichkeit.

Eine halbe Stunde verlies.

I (Fortsetzung folgt.)