Ausgabe 
19.11.1902
 
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(Nachdruck verboten.)

Die Viper.

Nach dem Französischen bearbeitet von H. R e v e l-

(Fortsetzung.)

Er begab sich dann direkt auf den Wagenstandplatz in Der Tauenzienstraße, um seine Nachforschungen aufzunchmen. Er hatte Gluck: Ein Kutscher, der abends nach seinem Standplatze, wo er stets des morgens hielt, zurückgekehrt war, nachdem er den ganzen Tag über durch Berlin ge­gondelt war, erinnerte sich, gegen acht Uhr morgens in der Augsburger Straße einen Reisenden ausgenommen zu haben, den er nach dem Friedrichstraßenbahnhof gefahren hatte.

Er hat sogar, glaube ich, den Zug verpaßt, bemerkte noch der Kutscher.

Sie waren also noch nicht weggefahren?"

Nein. Mein Gaul war müde, und ich hatt' mir vor'n Bahnhof gestellt, als ob ich eine Fuhre hätte."

Es ist so, wie ich es mir gedacht habe", sagte sich Müller, indem er weiterging, nachdem er sich die Nummer und den Namen des Kutschers notiert hatte.Querzcwski ließ sich auf den Friedrichstraßenbahnhof fahren, bloß um zu markieren, und begab sich dann nach Berlin zurück, ohne zu ahnen, daß man ihn gesehen hatte. Alles kann der Mensch nicht voraussehen. Ich will morgen versuchen, seine und Minnas Fährte zu finden. Für den Augenblick habe ich etwas anderes zu thun."

Er schlug den Weg nach Moabit ein, wurde sofort bet dem Untersuchungsrichter vorgelassen, dem er seinen mündlichen Rapport abftattete, ohne etwas auszulassen.

Nachdem ihm derselbe aufmerksam zugehört hatte, sagte er zu Müller:

Ihr Verdacht, den ich anfangs bestritten habe, da er sich mir auf keine Beweise zu stützen schien, erscheint mir jetzt als einer der gewichtigsten. Das Verschwinden der beiden Zeugen, die das Haus, in dem das Verbrechen begangen wurde, bewohnt hatten, und in denen Sie die beiden Sträflinge wiederzuerkennen glauben, ist von einer Wichtigkeit, die keinem Menschen entgehen kann. Man muß sie wiederfinden, das sehen Sie selbst ein."

Jawohl, Herr Untersuchungsrichter, das sehe ich selbst. Aber das wird bei diesen Schurken wohl schwer halten. Bah!" machte er und schlug sich auf die Stirne,Wille, Er­fahrung und--Zufall werden schon helfen!"

70. Kapitel.

Müller ließ sich vom Untersuchungsrichter die Haft­befehle ausstellen, die er brauchen konnte für den Fall, daß er Paul Querzewski und Julie Farkas wiederfände, und machte sich dann mit Eifer daran, diese beiden aus­findig zu machen. Er befaßte sich zuerst mit der Farkas, die zuerst verduftet war; er hoffte, daß die diensthabenden

Mittwoch dm 19. November.

Nr. 172

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Sicherheitswachleute in der Tauenzien- oder Augsburger Straße vielleicht ein Frauenzimmer bemerkt hätten, daL mitten in der Nacht und allein durch die verödeten Straßen gegangen wäre; deshalb ließ er sich einige zeigen, , die gestern abend im Dienste gestanden hatten, und fragte einen nach dem andern aus. Doch keiner konnte ihm eine 6en friedigende Auskunft erteilen.

Tann überlegte er, daß Minna, anstatt die Augsburger Straße heraufzugehen, leicht dieselbe hatte herabgehen können, und er beeilte sich sofort, sich an andere Schutz­leute zu wenden, deren Wachkreis sich bis an den Nollenn dorfplatz erstreckte.

Ter eine unter ihnen besann sich, gegen fünf Uhr morgens eine Frauensperson, deren Beschreibung in allen Stücken mit der Minnas übereinstimmte, gesehen zu haben. Sie sei sehr rasch gegangen, schien sehr unruhig und auf­geregt zu sein und hätte sich alle Augenblicke umgesehen, sodaß der Schutzmann gedacht hatte, sie fürchte sich vor einer unangenehmen Begegnung und dieser hatte sich schon anschicken wollen, sie zu begleiten und zu beruhigen. Doch sie wäre so rasch vorwärts geeilt, daß er baU> darauf verzichten mußte.

Wo sind Sie stehen geblieben?" fragte Müller.

Bei der Motzstraße."

Müller verfolgte den ihm angegebenen Weg und erhielt erst auf dem Nollendorfplatz neue Auskunft. Zu derselben Stunde hatte das Frauenzimmer, auf das die Beschreibung paßte, den Platz überschritten und war in die Maaßen- straße eingebogen. Mehr wußte man nicht.

Hierauf gab sich der gewissenhafte Kriminalbeamte die unendliche Mühe, jeden einzelnen Portier der benachbarten Straßen auszufragen. Endlich stellte er seine Nachforschj­ungen ein, da er sich sagte, ihm fehle die Zeit, sämtliche Portiersleute von ganz Berlin W. auszuhören. Doch waren die Nachforschungen, die er bis jetzt angcstellt hatte, doch nicht ganz nutzlos gewesen, sie gaben ihm doch wenigstens! eine Idee, welchen Weg Minna beiläufig eingeschlagen hatte, und sie verschafften ihm die Möglichkeit, später einmal wieder die Spuren aufzunehmen, wo er sie verlassen hatten

Mit Paul Querzewski hatte Müller allerdings weniger Glück. Tas war auch leicht zu erklären. Minna war Berlin bei Nacht durchlaufen, indes Querzewski am helllichten Tage durch dasselbe wanderte und somit weniger bemerkt wurde. Müller hatte in der Gegend des Friedrichstraßenbahnhofes gut fragen um Auskunft über einen Reisenden mit einer Reisetasche in Händen; er erhielt höchstens nur ausweichende und sich widersprechende Antworten. Menschen mit Reise­taschen in Händen sind auf den Bahnhöfen nichts Seltenes. Uebrigens, wer wußte denn, ob Querzewski dieselbe noch behalten hatte? Wer weiß, ob er sich ihrer nicht so rasch wie möglich entledigt hatte? Aber seine Brillen, die sein Steckbrief angab, mußte er in die Tasche gesteckt haben. Auch bewies nichts, daß er den Weg gerade zu Fuß zurück­gelegt hatte. Er konnte ja mich einen Wagen genommen