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Leute, welche aus Bäumen leben.
Nachdruck verboten.
Wenn mau mit der Eisenbahn eine einstündige Reise von Paris aus macht, so kann man ein sehr merkwürdiges Dors kennen lernen, dessen B-ewohner ihr Leben auf Bäumen zubringeu. Auf der Landkarte findet man diesen sonderbaren Ort mit dem Namen Sceaux verzeichnet, obgleich er den Parisern besser als „Le Brat Abre de Robinson" bekannt ist.
Vor etwa 50 Jahren scheint ein gewisser Guescenin auf die Idee gekommen zu sein, ein Restaurant auf einem Baum zu erbauen. Er besaß ein Stückchen Land in Sceaux, auf welchem ein prächtiger, alter Baunr stand. In den Zweigen dieses Waldpatriarchen richtete er kleine Speisezimmer ein, welche man durch ländliche Treppen erreichte. Tie Aussicht von dieser grünen Höhe aus war einzig in ihrer Art. werr Guescenin nannte seinen Baum „Robinson". Ter Ruf des Baumes verbreitete sich schnell — das ganze gesellschaftliche, litterarische und künstlerische Paris veranstaltete dort mit Vorliebe kleine Dejeuners und Diners in den raschelnden Blättern.
Bald erschienen Nachahmer auf der Bildfläche, und heute ist Sceaux thatsächlich ein ganzes auf Bäumen erbautes Tors. Es befinden sich dort mehr als 20 Bäume mit geräumigen Speisezimmern, viele besitzen auch Schlaf- und Wohnräume, welche sinnreich aus den starken Baumzweigen angelegt sind. Ter höchste Baum kann mit einem dreistöckigen Hause verglichen werden. Auf demselben befinden sich drei über einander erbaute Zimmer.
Sceaux ist zweifellos ein reizender, kleiner Ort und wird während der Sommermonate sehr vvn den wohlhabenden Parisern begünstigt. Tausende von jungen Ehepaaren verleben dort jedes Jahr ihre Flitterwochen. Der Gründer des Torfes, Herr Guescenin, soll ein großes Vermögen durch seine originelle Idee gewonnen haben — weit mehr als Tesoe mit seiner weltberühmten Erzählung „Tie Abenteuer des Robinson Crusoe", nach welcher das Dorf benannt ist.
Eine sehr hübsche Baumwohnung findet man auch am Fuße des Mount Temalpais in der Nähe des Dorfes Mill Valley, nicht weit von San Franzisco in den Vereinigten Staaten. Tie Wohnung befindet sich in einer Höhe von mehr als 50 Fuß über dem Boden, rings um den Stamm eines Sandelholzbaumes angelegt. Sie besteht aus zwei Zimmern und einer kleinen Küche. Auch ein Balkon legt sich um dieselbe herum. Tie Wohnung ist ganz im japanischen Stil gehalten; sie wurde von Japs nach Angaben des Besitzers, Herrn George Marshland, erbaut. Dieses kleine Heim wurde vor zwei Jahren von dem Eigentümer in der Absicht ausgesührt, dort mit seiner jungen Frau die Flitterwochen zu verleben. Wer das Paar war so entzückt von dieser Wohnung, daß es dieselbe seither nicht verlassen hat.
Vermischtes.
Dienstboten mit hohen Titeln. Vor kurzem wurde von der seltsam klingenden Thatsache berichtet, daß eine russische Prinzessin, Helene Zulukidse, durch Handlangerdienste bei einem großen Bau in Odessa ihren Unterhalt verdiene. Die Familie Zulukidse zählt zu den ältesten Adelsgeschlechtern des Zarenreiches, doch sind ihre letzten Sprößlinge völlig verarmt. Da es der Prinzessin Helene trotz redlicher Bemühungen nicht gelingen wollte, eine mehr „standesgemäße". Stellung zu finden, sah sie srch genötigt, um nicht zu verhungern, diese grobe Arbeit zu verrichten. Wie es heißt, sind einflußreiche Persönlich- kerten der südrussischen Hafenstadt auf die hochadlige Maurergehilfin aufmerksam geworden und verwenden sich nun zu Gunsten dieser bedauernswerten Prinzessin. An dieses Vorkommnis anknüpfend, teilt eine Berichterstatterin des „Daily Expreß", die lange Zeit in südeuropäischen Ländern und auch in Rußland zugebracht hat, ihrem Blatte mrt, daß es in jenen Gegenden durchaus nicht zu den Seltenheiten gehört, Männer und Frauen mit Prinzen-, Grafen-- oder Marquistitel in dienender Stellung anzutreffen. Da sich dort der Titel des Vaters auf alle Kinder vererbt, giebt es eben sehr viele Menschen, denen
ihr Rang nur eine Last bedeutet, die sie nicht einmal abschütteln können, so gern sie es auch zuweilen möchten. Wollen sie notgedrungen eine Stellung annehmen, so müssen sie ihre. Papiere vorlegen, und daß es da stets schwarz auf weiß zu lesen ist, welchen Titel sie besitzen, dafür sorgt die Polizei mit rührender Gewissenhaftigkeit. Natürlich ist es nicht jedermanns Sache, einen Diener oder eine Zofe zu engagieren, die im Range hoch über ihm steht, und so werden denn die prinzlichen und gräflichen Stellensuchenden in den meisten Fällen achselzuckend fortgeschickt. Erst kürzlich wollte eine junge Französin, die einem reichen russischen Baron die Hand zum Lebensbunde gereicht hatte, auf der Durchreise nach dem Gut ihres Gatten in Petersburg ein Kammermädchen annehmen. Unter den zahlreichen Bewerberinnen gefiel der Baronin r e etwa 30 jährige Brünette mit sympathischem Gesicht UuO auffallend feinem Benehmen am besten. Sie ließ sich die Papiere zeigen und gewahrte zu ihrem Erstaunen, daß sie eine geborene Fürstin S. . . . vor sich hatte. Die Bedauernswerte gestand unter Thränen, sie suche seit Wochen vergebens Engagement und würde glücklich sein, die Stellung zu erhalten. Madame konnte sich aber nicht entschließen, eine so vornehme Dienerin um sich zu haben und verzichtete auf deren Dienste. Noch größer war ihre Ueberraschung, als sie aus ihrem Landsitz eintraf, und die Entdeckung machte, daß die Haushälterin eine Gräfin war, die Aufseherin der Stallmägde eine Prinzessin, der Kutscher ein Baron wie ihr Gatte und der Kammerdiener ein polnischer Edelman n.
Litterarisches.
Mitten in die politischen und religiösen Kämpfe, die gegenwärtig Frankreich erschüttern, führt uns der neueste Roman von Emile Zola, „Wahrheit", der dritte Teil der „Vier Evangelien", der — gleichzeitig mit dem französischen Original — in einzig autorisierter deutscher Ueber- setzung am 1. Oktober in der Halbmonatsschrift „A u s fremden Zungen" (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt) zu erscheinen beginnt. Das Ringen der staatlichen Laienschulen mit den Kongregationsschulen um die Herrschaft über d'ie Geister bildet den Angelpunkt der reich bewegten Handlung. Mit flammenden Worten brandmarkt Zola die niedrigen Machenschaften, deren sich geistliche Lehrer nicht scheuen, um ihre Macht zu behaupten. In den Schoß der Familie pflanzen sie die Keime der Zwietracht, und sie tragen kein Bedenken, einen Unschuldigen in ewige Kerkernacht zu versenken, um einen der Ihrigen, der ein fluchwürdiges Verbrechen begangen, vor der Entdeckung und der Strafe zu schützen. In der Art der Schilderung, wie alle Fäden über dem Haupte des Unschuldigen kunstvoll zu einem unentrinnbaren Netze zusammengezogen werden, wie die Freunde des unschuldig Verurteilten emsig bemüht sind, Beweisstücke an Beweisstücke zu knüpfen, um das Lügengewebe endlich zu zerreißen, wird jeder Leser den Reflex jener unseligen „Affaire" erkennen, die jahrelang die Geister in Frankreich verwirrt, verblendet und zu leidenschaftlichen Kämpfen für und wider die Wahrheit entflammt hat. Zola, der begeisterte Wahrheitsucher, hat in diesem seinem neuesten Werke seine ganze gewaltige Beredtsamkeit aufgeboten, um die Menschheit für das Evangelium der Wahrheit zu gewinnen. ______
Silbenrätsel.
(Nachdruck verboten.) .
AuS nachstehenden 31 Silben
a be del do du e ei en fis gar ge ha ha la li mi ni nus o org ot Pa ret ron la ta tau ten ti um ven
sind 11 Wörter zu bilden von folgender Bedeutung: 1. männlicher Borname; 2. König im Märchenreich; 3. Land in Asien; 4. Gebirgszug in Deutschland; 5. persischer Dichter; 6. weiblicher Vorname; 7. Blume; 8. Rittergut; 9. Eierart; 10. Stadt in Italien; 11. weibliche Gestalt der alttestamentarischen Geschichte.
Sind die richtigen Wörter gefunden, so ergeben die Anfangs- und die Endbuchstaben im Zusammenhang gelesen den Namen eines für die Entwickelung der deutschen Litteratur hochbedeutcnden Dichters.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Krebsrätsels in vor. Nr.:
1. Rettig—Gitter. 2. Sarg—Gras. 8. Schlaf—falsch.
Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Bnch- und CteindruSerei (Pietsch Erben) in Gießen.


