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„Uns Sie haben ihr diese 20000 Mark wirklich ii6ergeben ?"
„Vor drei Tagen, in Banknoten, jawohl."
„Hatten Sie ihr das Geld vor Zeugen übergeben?" „Nein, ich war im Salon allein mit der Dame." „Hat sie das Geld vor Ihren Augen eingeschlossen ?" „Sa, mein Herr, in eine Lade ihres kleinen Rococo- schreibtisches."
„Das war sehr unvorsichtig."
„Ich riet ihr noch, die Summe lieber in ihr Schlafzimmer in den Spiegelschrank einzuschließen. Sie gab mir darauf zur Antwort, daß sie dann den Schrank, den sie nie zuschloß. Plötzlich absperren müßte, wodurch sie nur Verdacht erwecken würde. Den Schreibtisch aber abzuschließen, lag immer in ihrer Gewohnheit."
„Konnte jemand vermuten, daß jener Schreibtisch 20000 Mark enthielt?"
„Das kann ich nicht wissen."
„Glauben Sie vielleicht, daß sich Frau von Sanden irgend einem Freund anvertraut hat?"
„Nein, Frau von Sanden hatte außer mir keinen anderen intimen Freund, und empfing beinahe keinen Menschen."
„Sie konnte doch etwas ihrem Kammermädchen Minu davon gesagt haben?"
„Das bezweifle ich. Sie hatte gute Erziehung genossen, war von vollendeter Haltung, und hätte niemals eine Kammerjungfer zu ihrer Vertranten gemacht. Sollte Minna irgend welche Kenntnis von diesen 20 000 Mark gehabt haben, dann wird sie wohl irgendwie auf das Geheimnis gekommen sein."
„Nehmen Sie das etwa an?"
„Man muß alles annehmen, mein Herr! Sie nehmen ja auch an", rief er mit bewegter Stimme, sich erhebend, „daß ich in diesem scheußlichen Verbrechen der Schuldige bin."
Der Untersuchungsrichter schien diesen empörten Ausruf zu überhören, und fuhr in seiner Vernehmung ruhig fort:
„Sie behaupten, Frau von Sanden vor drei Tagen eine Summe von 20 000 Mark gebracht zu haben. Send Sie in der Lage, das in Ihrem eigenen Interesse nachzuweisen? Haben Sie diese Summe in einem Bankhaus« erhoben oder den Händen eines Wechslers, eines Geschäftsmannes entnommen? Ist diese Vermögensänderung, dreie Abänderung in Ihren Fonds irgendwie gebucht worden?"
„Nein, ich hatte diese Summe schon seit langer Zeit in einer kleinen, eisernen Kassette in meinem Schlafzimmer verschlossen gehabt."
„Wirklich? Sie behalten so viel Geld unangelegt bet sich, zu einer Zeit, wo jeder Mensch seine sämtlichen disponiblen Gelder bei irgend einer Kreditgesellschaft deponiert, — heute, da man seine Lieferanten sogar mit Wechseln befriedigt?"
„Man spielt nicht mit Wechseln, mein Herr! Und es passiert mir öfters, in meinem Klub an Spielabenden die Bank halten zu müssen. Hierzu bedarf ich baren Geldes, um es in kleine Münzen umznwechseln, oder um im Notfälle binnen 24 Stunden, wenn ich verloren habe, meine Schulden zu bezahlen."
„Sie sprechen da von Ihrem Klub," bemerkte der Untersuchungsrichter ganz oberflächlich, „das ist doch jedenfalls der Künstlerllub, woselbst Sie Ihren gestrigen Albend verbracht haben?"
„Nein, mein Herr, ich habe meinen Wend gestern nich) dort zugebracht."
„Wie — nicht? Sie haben es ja selbst vorhin erst behauptet."
„Gegen wen, mein Herr?"
„Gegen den Polizeikommissar, der Sie hierhergefuhv hat."
«Ja, ja, das ist richtig — ich besinne mich. — Da antwortete ich aber so ins Bläue hinein, ganz gedankenlos, ohne dieser Frage irgendwelche Wichtigkeit beizulegen. Ich konnte nicht vermuten, daß mich der Kommissar, der den Anschein hatte, mit mir zu plaudern, hierbei einem. Verhör unterwarf. In diesem Augenblick aber stehe ich vor einem Untersuchungsrichter, dem ich die Wahrheit schuldig bin, und diesem gebe ich zur Antwort: Rein, ich war nicht im Klub."
(Fortsetzung folgt.)
-.Welche Beweise haben Sie bereits gegen mich erhoben?"
„Ich werde Sie gleich damit bekannt machen. Treten wir in das Nebenzimmer, aus dem Sie soeben gekommen
Franz von Sempach folgte ohne Widerrede. Sein Zorn schien verflogen. Er ging festen Schrittes hinaus, ohne vor dem Hinaustreten einen Blick auf die Tote zu werfen. Er wollte jedenfalls in einem Moment, wo er seiner ganzen Kaltblütigkeit bedurfte, jede neue Aufregung vermeiden.
9. Kapitel.
Der Untersuchungsrichter betrat mit seinen Unterbeamten das Gemach, in das Sempach vorangegangen war, und ging, nachdem er die Thür hatte schließen lassen, ohne jede Vorbereitung und unnütze Zeitverschwendung direkt aus das Ziel los, indem er das Verhör sofort aufnahm :
„Sie heißen Baron Franz von Sempach? Sind in Deutschland von deutschen Eltern geboren? Wohnen War- teuburgstraße Nr. 1 . .
„Ja"
„Wie alt sind Sie?"
„Neunundzwanzig Jahre."
„Sie sind unvermählt, — kinderlose
„Jawohl."
„Ohne Beruf und Beschäftigung?"
„Ohne beides."
„Welches sind die Mittel Ihres Unterhaltes?"
„Mein Vater und meine Mutter, die ich beide verloren habe, haben mir ein großes Vermögen hinterlassen, von dessen Renten ich lebe."
„Nach "allgemeinen Gerüchten standen Sie in intimen Beziehungen zu Frau von Sanden. Ist das richtig?"
„Ich war mit dieser Dame verlobt: doch jetzt besteht diese Verlobung nicht mehr."
„Seit wann ist diese gelöst worden?"
„Seit ungefähr drei Monaten habe ich meine Verlobung rückgängig gemacht."
„Und weshalb?"
„Weil---weil ich sie nicht mehr liebte."
„Allerdings, das ist auch ein Grund. — Doch lassen wir das; wir werden in einem anderen Verhör darauf zurückkommen. Ich beschränke mich vor der Hand auf die Antworten, die Sie dem Herrn Polizeikommissar gegeben haben, — die für Sie nicht gerade unwiderruflich und bindend sind, sondern die Sie immer noch ändern können, wie es Ihnen gut dünkt, wie es die Wahrheit will. — Ich fahre fort. Man behauptet. Sie hätten in den letzten Wochen mehrere lebhafte Auseinandersetzungen mit Frau von Sanden gehabt."
„Das ist möglich. Die Aufgabe und Lösung einer Verlobung geschieht in der Regel nicht ohne vorhergegangene Szenen zwischen beiden Teilen."
„Diese Szenen waren jedoch von solcher Heftigkeit, daß hierbei sogar Drohungen ausgestoßen wurden. Es wird behauptet, Frau von Sanden hätte Ihnen eines Tages zugerufen: „Ich werde mich rächen!"
„Das mag wohl sein. In Momenten heftiger Erregung sagen die Frauen oft noch ganz andere Dinge."
„Das ist wohl möglich. — Aber auch Sie, — Sie sollen ihr darauf entgegnet haben: „Hüten Sie sich, auch ich kann mich rächen!" Erklären Sie mir diese Worte; sie sind von gravierender Wichtigkeit."
„Diese Wichtigkeit begreife ich. Das sind Worte ohne Tragweite, die uns der Zorn des Augenblicks in den Mund legt, und die man vergißt, sobald man sie ausgesprochen hat."
„Sie scheinen dieselben aber nicht vergessen zu haben."
„Sie erinnern mich ja an dieselben eben."
„Erklären Sie mir also, was Sie unter dieser Rache gemeint haben."
„Das kann ich heute nicht mehr sagen. Vielleicht meinte ich damit: wenn Sie sich mir gegenüber so betragen, werde ich meinerseits das Ihnen gegebene Versprechen nicht halten."
„Was war das für ein Versprechen?"
„Ich versprach, ihr 20 000 Mark zu verschreiben, die ihr ermöglichen sollten, so lange zu leben, bis sie wieder zur Bühne gegangen war; denn dies lag in ihrer Absicht."


