Ausgabe 
19.9.1902
 
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Sie sehen selbst", wandte sich der Untersuchungsrichter an den Kommissar.

Za, ich sehe", antwortete dieser, sich ergebend.

Nicht nur, daß der Angeklagte sein Midi nicht nach­weisen kann er versucht sogar, das Gericht durch eine Lüge auf eine falsche Fährte zu bringen. Jetzt brauchen wir keine weiteren Rücksichten zu nehmen. Nicht wahr. Sie haben ihm doch nichts gesagt, was ihn auf die Ver­mutung bringen könnte, daß man ihn des Verbrechens bezichtigte?"

Nein, Herr Untersuchungsrrchter. Im Gegenteil." Gut. Wollxn Sie den Auftrag erteilen, ihn hier em- treten zu lassen. Eine Konfrontation ist unbedingt not­wendig geworden."

Ter Kommissar begab sich in das Vorzimmer, in dem er Herrn von Sempach hatte warten lassen. Dieser stand an einem Fenster mit gedankenvollem Sinn und trübem ^^',Die Aufnahmen des Herrn Untersuchungsrichters sind beendet, mein Herr", redete ihn der Beamte an Mit emer Stimme, aus der kein Wohlwollen mehr zu entnehmei, war,Sie können in den Salon eintreten."

Als ob er diese Aufforderung erwartet und sich gleich­sam gegen die Aufregung, die ihn befallen wurt^, ge­wappnet hätte, trat Franz von Sempach sofort tn den Salon.

I Auf der Schwelle blieb er stehen, warf einen Blick um sich benrerkte den Leichnam, der immer iioch auf dem Teppich ! und in der Stellung, tote man ihn ausgesunde» hatte, ausaestreckt lag, und trat, von Schauer gepackt, emen Schritt zurück. Er betrachtete ihii aufmerksam und stumm eine Zeit lang, bog dann das Knie und neigte seinen Kopf herab, um die Tote besser zu sehen.

Schwere Thränen rollten über seine Wangen. Tann beugte er sich itoch tiefer und beriihrte Mit seinen Lippen die eisige Stirn jener Frau, die er einst so lange und innig O^^H-e?au/'erhob er sich, trocknete sich die Augen, blickte «wieder um sich, und schien jetzt erst zum ersten Mal nt bemerken, daß außer ihm noch verschiedene Personei, 1 ?m Zimmer waren, die ihn unausgesetzt beobachteten.

Sofort, und ohne Zaudern schritt er, diesmal festen Schrittes, auf den Untersuchungsrichter zu, dessen Hal­tung und Züge verrieten, daß er von den Anwesenden die I wichtigste Persönlichkeit war.

I Mein Herr", begann er mit noch bewegter, aber sehr deutlicher Stimme, »wie man mir sagte, haben Sie ge­wünscht, mich zu sehen und zu sprechen. Ich stehe zu ^hrer Verfügung ^in Herr", antwortete der Richter eisig.

Er war entschlossen, einen starken Stoß auszuführen, I den er sogar für nötig erachtete, da er sich Rechenschaft I geben wollte, welche Wirkung eine plötzliche Anklage auf Grund der vorigen Indizien erzielen wurde, und sagte:

| Sie wissen jedenfalls, weshalb Ste hter strch?

Ja, mein Herr, um Ihnen so viel als möglich Am,- I fünfte zu erteilen, die Ihnen behilflich sein könnten, den Mörder dieser unglücklichen Frau zu findm.

Diese Aufschlüsse sind jetzt unnutz. Ich kenne den I Mörder."

,Uh!"

"Der Mörder sind Die!"

" | __ Ich!

Er taumelte einige Schritte zurück, als wennihm mit der Faust ein furchtbarer Stoß gegen die Brust versetzt I worden wäre. Doch sofort richtete er stch wieder empor, I trat mit hocherhobenen Haupte vor, die beideu Arme nut I geballter Faust an den Körper gepreßt, den Blick auf den I Richter geheftet, und rief mit bebender, betnahe drohen- | bCr ^Mein Herr, Sie haben soeben einen Mann,.der Ihnen I nichts gethan hat, auf das grausamste fceleibigt.

IMein Herr", entgegnete der Beamte, ohne stch tm - mindesten zu erregen,die Mschuldtguilgen emes Unter- . | suchungsrichters sind keme Beletdtgungen; dte Funktionen, die er ausübt, zwingen ihn, solche ausMsprechen. Er hat : ebenso das Recht, Anschuldtgungon zu schleudern, als der I Angeklagte, dieselben zu bekämpfen und zu wtderlegen. : IDemnach betrachten Sie mich 'bereits als Angeklagten, : I mein Herr?" 1

lAlles zwingt mtch hierzu, .

zog, selbst geritzt hat. Ich füge noch bei, daß der erste . Arzt, der während Ihrer Mwesenhett abermals borge- i laden wurde, seinen Irrtum sofort selbst zugestand. I

Trotz aller dieser Voraussetzungen, deren Wtchttgrett 1 fhnt keineswegs entgehen konnte, blieb der Kommissar, nach- I dem er einmal von seiner ersten Meinung abgekommen I . war, seiner zweiten Ansicht treu und hielt nicht aus Eigen- I sinn, sondent aus Ueberzeugung an ihr fest. Und so ant- 1 wortete er denn: I

Sie werden mir wohl zugeben, Herr Unterfuchungs- 1 richter, daß alle diese Annahmen oder, wenn Ste schon I wollen, Beweise bei dem Nachweis eines Alibi sofort ver- I schwinden und unmaßgeblich werden müßten." |

Gewiß. Kann Herr von Sempach em solches nach- 1 toeifen ?" I

Gr behauptet, seinen Wend im Künstlerklub zugebracht I zu haben. Wenn dies auf Wahrheit beruht, so werden und müssen ihn daselbst unbedingt eine ganze Anzahl von Per- I Ionen gesehen haben, die es auch bezeugen können."

,_Ja, aber beruht es denn auf Wahrheit?"

Wir werden es sofort erfahren. Meine erste Sorge, I als wir hier ankamen, war, meinen Protokollführer nach I dem nahegelegenen Klub zu schicken, um dort die nötigen I Erkundigungen einzuziehen." I

Sonst haben Sie mir nichts zu sagen, Herr Kom- I missar?" I

Doch, und damit hätte ich gleich beginnen müssen: I Herr von Sempach behauptet, vor drei Tagen seiner ge- | wesenen Freundin, Frau von Sanden, eine Summe von I 20000 Mark übergeben zu haben. Tas ist jedenfalls sehr I

ch,^etzi verstehe ich allerdings und fange an, zu be- I greifen, wie sehr sich Ihre ersten Eindrücke geändert haben I müssen. Wird er aber den Beweis bringen können, daß I er diese Summe auch wirklich gegeben hat? Wenn er es I aber nicht beweisen kann, dann bedenken Sie wohl! I ist man leicht berechtigt, zu glauben, daß er diese ganze I Fabel erfunden hat, um den Anschein eines gemeinen I Mordes, der von einem Bösewicht begangen wurde, zu er- I wecken und nicht eines Gewaltaktes infolge einer heftigen Äuseinanderfetzung zwischen zwei Personen, die etnst be­freundet gewesen waren."

Tas wohl."

Ter Protokollführer des Kommissars zeigte sich so­eben unter der Thür:Treten Sie näher!" rief ihm sein Vorgesetzter zu.

8. Kapitel.

Ter Angerufene kam nach vorn und begann nach einer Aufforderung des Kommissars sich an den Unterfuchungs- rtchter wendend:

Ich begab mich sofort nach dem Künstlerklub und fragte einige im Flur stehende Diener, wann ich Herrn von Sempach am besten sprechen könnte. Sie rieten mir, ich solle lieber direkt zu ihm selber hingehen, da er nur sehr unregelmäßig den Klub besuche. Der eine fügte sogar noch bei:Wir haben ihn seit einigen Tagen nicht mehr gesehen."

Ter Kommissar, etwas ungehalten darüber, daß er um das Alibi, an das er fest glaubte, gebracht werden sollte, konnte sich nicht enthalten, zu fragen:

Und Sie haben sich mit dieser Attskunft zufrieden gegeben?"

O nein, Herr Kommissar. Unter dem Vorwande, für Herrn von Sempach einen wichtigen Bries hinterlassen zu wollen, wandte ich mich an andere Personen, an einen der Hoteldirektoren und an den Zählkellner."

Nun, und?".

Sie rieten mir, für Herrn von Sempach keine Bestel­kungen im Klub zu hinterlassen, weil bereits zwei Wochen mehrere Briefe für ihn dort lägen, ohne daß er bis jetzt gekommen wäre, sie abzuholen."

Ich hoffe, das wird Ihnen genügen", sagte trium­phierend der Untersuchungsrichter.

Nein, mein Herr, ich wollte ein noch glaubwürdigeres Zeugnis bringen und begab mich auf das Sekretariat, wo ich mich nennen zu müssen glaubte. Nachdem sich der Girant bei mehreren Bediensteten und einigen Mitgliedern, die dort oben frühstückten, erkundigt hatte, bestätigte er mir die vorigen Aussagen: Herr von Sempach fei ganz ent­schieden seit vierzehn Tagen inj Künstlerklub nicht mehr gesehen worden."