Freitag den 19. September.
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1902. — Nr. 139.
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• (Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-
(Fortsetzung.)
7. Kapitel.
Eine Zeit lang schwiegen beide, indem die Droschke rasch über den Nollendorfplatz und die Kleiststraße herabfuhr: endlrch entschloß sich der Kommissar, einen Gedanken, der rhn gerade beschäftigte, ganz laut auszusprechen, und sagte: „Ja, es war sehr schlimm, daß Sie sich gestern abend nicht zu Frau von Sauden begeben hatten, wie sie in ihrem Briefe gebeten."
„Jawohl, daun wäre das Unglück nicht geschehen."
„Sie hatten gewiß eine andere Verwendung für Ihren Abend. — Tas Berliner Großstadtleben ist ja so reich an Zerstreuung — das Theater — die Klubs —"
„Ja, die Klubs", antwortete maschinenmäßig Sempach.
„Sie waren vermutlich im Klub zu der Zeit, als das Verbrechen begangen wurde."
Sehr aufgeregt und den Kopf voll anderer Gedanken, antwortete er nur ein kurzes „Ja".
„Sie sind gewiß Mitglied mehrerer Klubs?" begann der Kommissar von neuem.
„Nein, bloß des einen, des Künstlerklub."
„Ach ja, ich weiß, ich kenn ihn, einer der größten Berlins, in dem sich namentlich sehr viel Künstler treffen."
Sie waren angelangt. Zahlreiche Gruppen standen vor dem Eingang des Hauses. Tas Gerücht von dem Mord hatte sich rasch verbreitet, und das ganze Viertel war in Aufregung. Tie Schutzleute erkannten in dem Kriminalkommissar sofort einen ihrer Vorgesetzten und machten ihm, sobald er dem Wagen entstiegen war, sofort freie Bahn.
In der dritten Etage angelangt, ließ der Kommissar, nachdem er seinem Protokollführer einige Weisungen gegeben hatte, Herrn von Sempach im Speisezimmer und eilte zum Untersuchungsrichter, der sich im Salon befand.
„Nun, haben Sie unseren Mann hergebracht?"
„Ja, er ist da."
„Gott sei Tank! Ich fürchtete schon, daß er Ihnen entwischt wäre."
,Kr dachte nicht daran."
„Diese Antwort läßt mich vermuten, daß Sie von Ihren ursprünglichen Ideen abgekommen sind."
„Ich muß gestehen, zum Teil ja. Seine Haltung war durchaus korrekt, seine Antworten voll Natürlichkeit und seine Erklärungen vollkommen glaubwürdig."
„Und Sie haben keine besondere Bemerkung gemacht, keine besonderen Anzeichen entdeckt?"
„Nur zwei Kleinigkeiten haben mich frappiert, die ich Ihnen soeben mitteilen wollte. Als der Diener Sempachs den Ueverzieher brachte, einen Ueberzieher von grauer
Farbe, war der Kragen noch in die Höhe gestülpt, und wenn Sie meine Aufzeichnungen nachsehen wollen, so werden Sie finden, daß zwei Zeugen angegeben haben, das Gesicht lenes Individuums- das man um 10, dann um 11 Uhr bemerkt, sei durch den aufgestülpten Rockkragen beinahe ganz verdeckt gewesen."
„Ich entsinne mich vollkommen. Nun, das ist aber nur eine Vermutung — eine Annahme."
„Allerdings. Tas Wetter war gestern abend schlecht genug dazu, und mehr als ein Spaziergänger dürfte sich auf die Art vor der Kälte geschützt haben. Außerdem, gesetzt, Herr von Sempach wäre schuldig, dann wäre nach vollbrachter That seine erste Sorge gewesen, den vorher absichtlich aufgestülpten Rockkragen wieder umzuklappen."
„Cie wissen selbst besser als irgend einer, daß die Schuldigen nicht iinmer an alles denken. — Und was ist das Zweite, das Sie bemerkt haben? Bitte!"
„Ties ist allerdings von genügender Wichtigkeit, das muß ich zugeben."
„Lassen Sie hören."
Ter Polizeikommissar erzählte von der Rißwunde, die sich Franz von Sempach am Finger zugezogen hatte.
,Und das erscheint Ihnen noch nicht überführend?" fragce der Untersuchungsrichter.
„Nein, ich mißtraue dem Zufall. Nichts beweist uns, daß nicht etwa eine Ungeschicklichkeit des Barons die Veranlassung zu dieser Wunde gegeben hat — und dies gerade zur unrichtigen Zeit. Ich habe ihn beobachtet, als ihm der Bediente von dieser Wunde sprach. Ich versichere Sie- er hat nicht die mindeste Unruhe gezeigt. Wenn er das Verbrechen begangen hätte, sollte er sich nicht sofort gesagt haben: „Tie Ungeschicklichkeit meines Dieners, — diese Worte werden mich verraten!"?"
„Tas beweist vielleicht nur einfach, daß wir uns angesichts eines Menschen befinden, der mehr Herr über sich selbst ist und mehr Verstellungskunst besitzt, als wir vielleicht denken."
„Tas ist möglich. — Doch als ich im Wagen an der Seite Sempachs saß, lenkte ich absichtlich meinen Blick auf seine Hand, die er nicht im mindesten zu-verstecken suchte. Er trug nicht einmal einen Handschuh. Allerdings bemerkte ich unter seinem Nagel eine kleine, blutunterlaufene Wunde, von mehreren Linien gezeichnet, und der Arzt, der auf meinen Wunsch hin den Hals des Opfers untersucht hatte, konstatierte, daß sich der Fingernagel des Mörders in das Fleisch gebohrt haben müßte, um diesen einen Tropfen Blutes hervorquellen zu machen."
„Allerdings hat der erste Arzt, der Arzt aus der Nachbarschaft, diese Meinung ausgesprochen; der zweite aber, den ich um sein Urteil befragte, stellte fest, daß der Nagel nicht ganz in die Haut eingerissen habe und der am Hals bemerkte Tropfen Blutes nicht von dem Opfer herrühre, sondern vom Mörder selbst herstammen kann, der sich wahrscheinlich mit dem Dolch, den er ans der Scheid«


