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Hirgsaufenthalt verbessern wollte, aber es war als ob ein höherer Zwang sie im Hause ihrer Tochter fesselte. Sie Web wie gebannt, trotzdem sie von Morgen bis Wend über das langweilige Landleben räsonnierte.
Das Ehepaar Stroppa wollte ein parmal abreisen, die Kommerztenrätin litt es jedoch nicht. Sie hatte das würdige Paar zu ihren Vertrauten gemacht, saß jetzt ost rnit Frau Stroppa neben dem Faullenzer, von dem der fette Carlo, der sich bei der Hitze fast auflöste, gar nicht mehr herunterkam, und klagte über ihren Schwiegersohn. Sie lieh kein gutes Haar an ihm, und beklagte täglich, dah Alma an ihn gefesselt sei, da sie doch so viel glänzendere Partien hätte machen können. Außerdem ärgerte sie sich unaufhörlich über Natta und fand in dieser Beziehung lebhafte Sympathien bei Frau Stroppa, die das junge Mädchen ebenfalls nicht leiden konnte.
Auf Natta wirkte die Hitze überwältigend. Sie glich einer schmachtenden durstigen Blume, und den ganzen Tag über war sie matt, schläfrig und oft wie unter einer Betäubung. Sie ging zuweilen wie eine Schlafwandlerin umher, und alles Tadeln, Schelten und Aufrütteln Almas und ihrer Mutter vermochte nicht, sie aus ihrer Lethargie zu reihen. Am Abend ging häufig eine seltsame Umwandlung mit ihr vor. Sie wurde lebhaft, ihre Augen bekamen Feuer und ihre weiße Wangen Farbe. Dann hörte man sie oft durch das ganze Haus singen und manchmal sogar lachen, ein helles, glückseliges Lachen, wozu eigentlich nie ein Grund vorhanden war und das die Kommerztenrätin stets für „puren Trotzt erklärte.
(Fortsetzung folgt.)
„König von England."
Humoreske von M a x F e d e r.
Nachdruck verboten.
Es ist schon oft genug, namentlich in Anekdoten vor- gekommen, dah ein unerfahrener Dorfbewohner, der zum ersten Male eine Residenz besuchte, den Portier einer Gesandtschaft oder eines Hotels für den König oder sonst einen großen Herrn hielt. Wer schwerlich dürfte es der Fall gewesen sein, dah der so Jrrege führte auch in seinem Irrtum, verharrte und sich auf keine Weise davon abbringen ließ) wirklich den hohen Herrn gesprochen zu haben, den er sich einbildete. Ja, in unserer Geschichte war der Bauer, um den es sich bandelt, so sehr mit dem falschen König zufrieden, daß er gar keine Neigung verspürte, einen kennen zu lernen, den die anderen für den wirklichen König ausgaben. Die Geschichte verhielt sich folgendermaßen:
In einem kleinen Dorfe der Grafschaft Wales wohüte der Bauer Robert Hall mit Frau und Kindern.
„Alles fährt zur Krönung nach London!" sagte eines Tages die Frau des Bauern. „Wer doch nur auch auf einen Tag hin könnte!"
„Du hast ja große Rosinen im Kopfe", erwiderte Robert mürrisch „Du weißt, daß wir ganz andere Sorgen haben, Wenn ich nicht die gekündigte Schuld von 80 Pfund ausbringen kann, dann wird uns unser kleines Gut über Hals und Kopf verkauft."
„Gerade deswegen könnte man nach, London fahren", meinte die Frau nachdenklich
„Du bist wohl nicht bei Sinnen."
„Der König soll ein guter Herr sein. Wenn Du zu ihm gehen und ihn um Geld bitten möchtest —">
„Wie kann man nur so unsinnige Pläne aushecken!"
Damit war die Sache vorläufig abgethan, aber dem Bauer ging die Sache doch im Kopfe herum, und auch die Frau kam im Gespräch darauf zurück. Es wurden Erkundigungen über die Art und die Kosten der Reise eingezogen, Und da letztere verhältnismäßig gering und die Bauersleute mit Sicherheit überzeugt waren, dah es, wenn sie einmal in London sind, leicht sei, zum König zu gelangen, und von diesem das Gewünschte zu erhalten, so unternahm Robert Hall die Reise teils zu Fuß, teils mit der Eisenbahn und langte eines Morgens in der Riesenstadt an.
Während er durch das Gewirr der Straßen schritt Und Von den sich, Drängenden Menschen hin- und! her- gestoßen wurde, begann sein Mut doch zu sinken. Wie sollte er unter all diesen Häusern und Menschen den König finden!
Endlich faßte er sich jedoch ein Herz und fragte eine gutmütig aussehende Frau, wo er den König von England
finden könne. Die sah ihn zuerst erstaunt an, rief dann aber mit einem Lächeln des Verständnisses:
„Der ist ganz in der Nähe. Gehen Sie nur hier die Straße hinaus und biegen Sie dann rechts um. Weich das zweite Haus ist es."
Man kann sich die Freude des Bauern denken, als er vor dem bezeichneten Hause stand und aus dem Schild mit goldenen Buchstaben die Worte „König von England" las. Vor der Hausthür stand ein Mann in betreßtem Rock, einen Dreimaster auf dem Kvpfe und einen goldenen Stab in der Hand, — dieser prächtig gekleidete Herr, welcher dem Bauer auch völlig dem Mlduis zu gleichen schien, das in der Schenke seiner Heimat den König darstellte, muhte der Beherrscher Englands sein. Ohne weiteres machte er eine ehrfurchtsvolle Verjbeugung und begann diesem „König" sein Anliegen vorzutragen. Der behäbige Portier hörte lächelnd zu, das heißt er hörte zu, ohne zu verstehen, denn der wallisische Dialekt des Bauern klang ihm so ftemd, wie irgend eine Sprache des Auslandes. Es gefiel ihm aber, daß der Bauer ihn mit Sir anredete, und dah in seiner Aussprache offenbar sehr devote Ausdrücke vorkamen.
Während der Bauer noch sprach, trat ein Herr aus dem Hotel und fragte den Portier, vb nicht ein Brief für ihn angekommen wäre. Als dies verneint wurde, murmelte der Herr einige mißbilligende Worte und schritt in gerader Richtung davon. Kaum war er fort, als der Briefträger erschien und dem Portier die für das.Hotel bestimmten Briefe überreichte.
„Da ist ja das Schreiben für den Herrn", sagte der Portier, die Schriftstücke schnell durchsehend. Ausschauend bemerkte er, daß der Briefträger bereits in ein anderes Haus trat, während der Herr, gemächlich die Straße hinunterschreitend, noch immer zu erblicken war.
„Der wird nun gern den Brief haben wollen", sagte der Portier zu sich, ohne aus den Bauer zu achten, welche fortfuhr, ihm die mißlichen Verhältnisse seiner Hermat zu schildern. „Wer nUn muh gerade niemand vom Hotelpersonal zu haben sein."
„Ach, guter Freund", sagte er zu dem Bauern, „S-re sehen wohl den Herrn dort, der das Hotel eben verlassen hat. Sie erkennen ihn an dem grauen hohen Hut. Möchten Sie ihm nicht einmal nachlausen und ihm diesen Brief geben?" c v ,,,
Der Bauer nahm den Brief in Empfang und begann srch mehrmals zu verbeugen.
„Marsch fort", ries der Portrer, halb argerlrch, halb belustigt, aus den Herrn zeigend.
Der Bauer entfernte sich dann auch in der bezeichneten Richtung, und der Portier sah beide um die Ecke verschwinden. Hatte der Portier den Bauer nicht verstanden, so war auch das Umgekehrte der Fall. Robert Hall war fest davon überzeugt, daß der ,/König" ihm fein Gesuch gewahrt und ihm wahrscheinlich eine Anweisung auf seine Schatzkammer überreicht hatte. Sobald er um die Ecke gebogen war, — denn früher schickte es sich doch nicht —I öffnete er den Brief, in dem er eine Fiinfzig-Pfundnote und eine Visitenkarte sand. Auf der Visitenkarte stand der Name
Hier muh nun eingestellt werden, dah der Fremde im grauen Hut und Robert Take Spieler waren, daß sie berde in der verganengen Nacht beim Baccastat gesessen hatten/ und daß der letztere die fünfzig Pfund schuldig geblieben war. Spielschulden sind bekanntlich Nach den Anschauungen der Spielerkreise Ehrenschulden, die in 24 Stunden bezahlt werden müssen, und da bei Herrn Robert Dake fünfzig Pfund keine besondere Rolle spielten, so sandte er das Geld sofort in einem einfachen Briefe. ,, .
Der Bauer war keinen Augenblick wt Zweifel, daß diese fünfzig Pfund als ein Geschenk des Königs für ihn bestimmt waren, umsomehr, als auf der beiliegenden Karte ja die Worte „Robert Take" standen, was in deutscher lieber- setzung heißt: „Robert nimm!" Und der Bauer Robert Hall nahm und reiste nach Hause, tilgte seine Schulden und pries die Güte des Königs in allen Tonarten.
Heitere Schul-Erinnerungen.
Der „zerstreute Professor" ist bereits ein Ge» meingut aller Witzblätter geworden, weshalb es fast gefährlich erscheint, ihn auck in den Spalten einer Tageszeitung zu beschwören. Indes zeigen die nachfolgenden


