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Ganz gegen seine Gewohnheit sah er dort unthätig in der Sofaeüe, und starrte ins Leere bis der Inspektor kam. Seine Gedanken wanderten zurück nach Kienberg. Gr sah auf die Uhr. Jetzt sind Trautens Bureaustunden zu Ende. Nun kommt sie wie alle Tage über die Brücke daher, und dort steht sie still und blickt, auf das Geländer gestützt, ein Weilchen in das schäumende Wehr. Das arme Kind. Sie ist immer recht müde von der Arbeit.
Es greift sie mehr an, als ich dachte. Nein, arbeiten ist sie nicht gewöhnt. Sie hat keine Ahnung, was echte, rechte, ausdauernde Arbeit ist. Wie sie sich zusammen- nahm, es nicht merken zu lassen! Wie sie allen Stolz und alle Kraft aufbot, die schweren Stunden tapfer aus- zuhalten! Aber wie gequält sie oft dabei aussah! Und ivie sie zuweilen kaum noch die Gedanken zusammenhalten konnte! Und doch hatte er ihr für den Anfang alles so leicht wie nröglich gemacht.
Ob sie sich noch besser einarbeiten wird? Er wird bald wieder nach Kienberg müssen, um sich zu überzeugen, wie es geht.
Und er überlegte, wie viel Wochen er verstreichen lassen wollte bis zu seinem nächsten Besuch.
Schade, daß er nicht noch ein Weilchen dort bleiben konnte. Wie wohl that ihm die Stille, und die köstliche Einsamkeit dort! Ja, Kienberg war ein reizender Aufenthalt. Wie gut lebte es sich in dem alten, traulich einfachen Landhaus mit den drei Damen. Die Feierabendstunden unter dem Nußbaum waren gar zu gemütlich!
Ein förmlicher Ekel faßt ihn, wenn er denkt, daß er dieselben Stunden heute unter der lärmenden Gesell- »da unten im Saal zubringen soll. Wie leer, wie
los ist doch diese Häuslichkeit hier! Warum hat er es bis jetzt nicht so empfunden?
Hier stockte sein Gedankengang. Er wollte nicht weiter denken, denn es war als ob eine erdrückende Last sich auf feine Brust wälzen wollte. Und in diesem Augenblick klopfte der Inspektor an seine Thür. An die Arbeit! Das war die Erlösung von quälenden Gedanken!
Als Alma mit dem Gatten den Saal verließ, hatte sich Herr von Löschnitz zu Natta gesetzt, die träge und verträumt in einem Sessel am offnenen Fenster saß, eine Handarbeit lässig int Schoß. Es war eine Flickerei für Alma, und während diese anwesend war, hatte sie unablässig gestichelt.
Otti spielte auf dem Klavier einen Walzer nach dem anderen, Arnold hatte sein Taburett sehr nahe an ihren Stuhl gerückt und schäkerte mit ihr, während die anderen jungen Leute auf Stühlen, urid sogar auf dem Teppich umherlagen. Sie waren alle übernächtigt vom gestrigen Tanz, und sahen müde und verlebt aus.
„Und wann bekomme ich meinen Dank, schöne Wasserfee?" fragte Löschnitz halblaut, sich über Nattas Sessel beugend.
Er hatte Alma überredet, Natta die Rolle der Melusine mit dem Primaner Fritz als Grasen von Lusignan zu überlassen. Er hatte dafür mit Alma als Lohengrin und Elsa figuriert. Natta hatte reizend als Wasserfee ausgesehen, und ivar darauf von allen anwesenden Herren fast tot, getanzt worden.
Auf Löschnitz Frage wandte Natta ihm langsam das blasse Gesichtchen zu, und heftete ihre Kohlenaugen mit einem seltsamen Blick in die seinen.
„Den Dank der Wasserfee müssen sie sich in ihrem Königreich holen", war die Antwort.
„Und wo wäre das?"
„Wenn der Mond aufgeht — am Binsenteich."
Er sah sie überrascht an.
^Gehen Sie jetzt", hauchte sie fast unhörbar.
Er erhob sich, und ging an den Tisch, wo er mit Alma eine Partie Schach gespielt hatte. In demselben Augenblick kehrte diese zurück.
,, . wieder da?" ries Onkel Tom mit einer
Grimasse.
„Wo bleibt Paul? Sollen wir ihm im Eßzimmer Gesellschaft leisten? Ißt er noch Mittagbrot?" fragte man durcheinander.
„Der Inspektor ist bei ihm. Und für den Rest des Tages hat er in der Wirtschaft zu thun. Laßt ihn nur Sn, und kümmert euch nicht um ihn", erwiderte Alma I . ,.,thin.
Die Kommerzienrätin runzelte die Stirn. „So ist er immer. Die reine Arbeitsmaschine", bemerkte sie ärgerlich. Und dann flüsterte sie Tante Melanie zu: „Nä, wenn ich Alma wäre —"
„Ein wahrer Mustermensch", sagte Onkel Tom, es klang jedoch wie Spott.
„Mustermenschen sind immer unausstehlich". Die Kommerzienrätin hatte es leise gesagt, aber fast alle im Saal hatten es gehört.
„Natta", sagte Alma ärgerlich, „Du hast natürlich meinen Auftrag vergessen! Deine Gedankenlosigkeit ist, noch schlimmer als Deine Trägheit."
„Deinen Auftrag?" fragte Natta wie aus einem Traum heraus.
„Geh sofort und bestelle die rote Grütze."
„Aber wie kann man von einer Wasserfee verlangen, an rote Grütze zu denken!" riefen die jungen Vettern lachend.
„Eure Wasserfee wird sich wohl noch zu ganz anderen Dingen im Leben bequemen müssen", erwiderte Alma laut, so daß Natta es noch auf der Thürschwelle hörte. „Das Mädchen wird alle Tage schlaffer, ich weiß nicht, was aus der noch werden soll", fügte sie hinzu.
„Wollen wir unsere Partie Schach zu Ende spielen?" fragte Herr von Löschnitz.
Alma ging Au ihrem Spiel zurück in eine der tiefen Fensternischen, die mit Spitzenvorhängen und einer Gruppe Blattpflanzen dekoriert war.
Der Regen hatte unterdessen aufgehört, und die Jugend verließ einer nach dem anderen den Saal, um in den Garten hinauszulaufen. Die beiden Tanten schnarchten in einem Nebenzimmer laut in verschiedenen Sofaecken, während die Kommerzienrätin in die Fächerpatience vertieft war.
Das Ehepaar Stroppa hätte seinen Faullenzer im Trocknen, unter dem Schutzdach der Veranda aufgeschlagen und Onkel Tom war mit einer Flasche von ehrwürdig verstaubtem Aussehen verschwunden und irgendwo unsichtbar geworden.
Es war Abend geworden, als Paul, aus der Ziegelei kommend, durch den Garten dem Hause zuschritt. In der Kastanienallee begegnete ihm Natta.
„Du suchst wohl Deine Frau, Onkel Paul? Sie ist mit Herrn von Löschnitz im Gartensaal. Sie spielen Schach", sagte Natta ungefragt.
„Danke nein", erwiderte Paul zerstreut, und ging mit einem Gruß vorüber.
„Hör mal, Paul", sagte Onkel Tom am folgenden Morgen beim Frühstück, „können wir nicht mal eine kleine Entenjagd veranstalten? Ich wette, da sind wilde Enten in dem Röhricht am Parkteich. Ich machte gestern abend noch einen Spaziergang zur Abkühlung, denn es war unerträglich schwül im Haus, und als ich an den Teich kam, raschelte und rauschte es im Schilf, ganz als ob sich da wildes Geflügel regte."
„Ach Onkel, das sind Frösche oder Wasserratten", sagte Paul.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Der Sommer rückte vor, und brachte dürre, staubige Wochen. Von den Logiergästen waren nur noch die Kommerzienrätin Jänisch, Onkel Tom, das Ehepaar Strvppä und Natta im Brantikower Hause. Der eigentliche Reiz des Landaufenthaltes war hin, und man hatte längst angefangen, sich zu langweilen. Das flache Land litt unter der anhaltenden Dürre, die ganze Landschaft war grau und versengt, und nach einer frühreifen Ernte mahnten die kahlen Stoppelfelder an einen baldigen Herbst. Selbst die Gartenspritzen konnten die nächste Umgebung des Hauses nicht mehr frisch erhalten, und jm Park war alles welk und verbrannt.
Im Hause selbst wurde es alle Tage ungemütlicher. Die unerträgliche Hitze und die lästigen Fliegen, das Seufzen nach einem Ende dieser Qual durch ein erfrischendes Gewitter, waren fast noch die einzigen Gesprächsstoffe.
Besonders die Kommerzienrätin war sehr schlechter Laune, und zankte den ganzen Talg mit ihrem Müder, der mehr denn je unter einem unauslöschlichen Durst litt, und selten zu einer Partie Sechsundsechzig aufgelegt war. Es blieb ein Problem, warum Frau Jänisch ihre Stimmung nicht durch ein Seebad oder einen Ge-


