Samstag den 19. Juli.
Nr. 106.
1902.
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(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
Die Konferenz- über die Vorbereitungen zum Fest mußte ziemlich anstrengend und zeitraubend gewesen sein, denn als Natta, nach! anderthalb Stunden, plötzliche tote aus dem Boden gewachsen vor ihnen stand, denn sie hatten sie nicht die Treppe herauskommen hören, saßen sie noch auf demselben Fleck, und sahen beide erregt und erhitzt aus.
„Was willst Du denn?" schrie Alma ihre Cousine fast zornig an.
„Ich wollte sehen, ob ich Dir etwas helfen kann — hast Dit schon das Abendbrot bestellt?"
„Ich werde Dich rufen, wenn ich Dich brauche — laß doch das dumme Fragen — ich kann es nicht ausstehen !"
Alma stampfte mit dem Fuß, Natta verzog spöttisch den hübschen Mund, und warf Alma einen bösen Blrck aus ihren dunklen Kohlenaugen zu. Dann ging sre langsam in den Garten zurück.
Sie setzte sicht dort auf eine Schaukel hinter ein Flie- dergebüsch, und ihr Gesicht nahm einen horchenden, wartenden Ausdruck an. Als sie nach einer geraumen Weile Münnerschritte den Kiesweg von der Veranda daherkommen hörte, ging sie um das Gebüsch herum, und begegnete wie zufällig Herrn von Löschnitz.
„O, Herr von Löschnitz, ich möchte so gern ein wenig lauf dem Teichi rudern, aber ich kann die Gondel nicht allein flott machen. Wissen Sie nicht, wo der Gärtner ist?"
„Nein, das weiß ich! augenblicklich, nicht, aber ich will Ihnen helfen."
Ste gingen zusammen die Kastanienallee hinunter, bis nach dem kleinen Teich- der binsenumschlossen tief im Dickicht lag. Herr von Löschnitz machte nicht nur den Wahn flott, sondern er ruderte Natta selbst durch das Röhricht auf den Teich! hinaus.
Und wie sie ihm gegenüber saß, die pechschwarzen Hängezöpfe halb, gelöst über der Schulter hängend, den großen Strohhut tres tm Nacken, das feine Gesichtchen von der Hitze des Tages angeglüht, und mit glänzenden Augen plaudernd, sah er sie freunvlich! an, und scherzte mit ihr.
Als sie sich trennten, hatte er ihr versprochen, ihr hei Alma die Rolle der Wasserfee zu erwirken. Pfeifend ging er durch den Park zurück, und Natte lag noch lange träumend im Kahn zwischen den Binsen am Ufer.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Am Tage nach dem Zauberfest, das glänzend verlaufen war, traf Paul Lehmigke unerwartetet in Bran- tikow ein.
Er war zehn Tage in Kienberg geblieben, und wäre vielleicht noch nicht zurückgekehrt, toenn nicht die briefliche Mitteilung eines seiner Brantikower Beamten, über ein« Geschäftskomplikation in der Wirtschaft, ihn an die Heimkehr gemahnt hätte.
Als er in den Verwandtenkreis seines Hauses trat, kam er sich wie ein Fremder vor, der eigentlich- nicht dahinein gehörte. Er traf die ganze Gesellschaft im Saal vereinigt, denn aus ein Gewitter in der Nacht war eiU Regentag gefolgt, und man war an das Haus gefesselt.
Er wurde umringt und stürmisch begrüßt, als hätte seine Anwesenheit gerade noch zur allgemeinen Glückseligkeit gefehlt, aber diese verwandtschaftliche Zärtlichkert war ihm heute lästiger deun je. Und geradezu widerlich waren ihm Onkel Toms Neckereien, als Alma mit ihm! das Zimmer verlassen wollte, um für seine Erfrischung! nach der Reise zu sorgen, und seine Schwiegermutter ihn am Aermel festhielt, um zehn Fragen zugleich zu thun, und eine gedrängte Nebersicht aller Ereignisse während! seiner Abwesenheit zu geben.
„Aber, beste Emilie, laß doch! die jungen Leute gehen. Bedenke doch, die Trennung, laß sie doch erst zur Besinnung kommen und Wiedersehen feiern! Geht nur, geht, Kinder, für die nächste Stunde seid ihr entschuldigt — ich werde dafür sorgen, daß niemand euch stört, und nur über meine Leiche geht der Weg der Tanten, Mütter und Schwiegermütter zu euch! Hallohl Emilie, zurück zum Robber und denke Dich einmal gefälligst in die Gefühle eines jungen Ehegatten!"
„Unsinn, Onkelchen", rief Alma mit einem koketten Auflachen, „wir sind nicht mehr in den Flitterwochen!"-
„Gerade darum!" rief Onkel Tom noch nach.
Und Alma schob ihren Arm in den des Gatten, und zog ihn lachend unter allgemeinen Neckereien und Zurufen mit sich; fort. Mit einem Ruck machte sich Paul vor der Thür frei.
„Wenn die doch ihre Albernheiten lassen wollten! Mein Gott, mutz denn unser Haus immer wie ein Wirtshaus sein? Kann man nie für sich in seinen vier Pfählen bleiben?"
„Wenn Du die Einsamkeit so liebst, kannst Du ja recht oft nach Kienberg fahren", erwiderte Alma mit einem jener scharfen Blicke, oie ihm ganz besonders zuwider waren. „Vorausgesetzt, daß ich unterdessen nicht zur Jsolierhaft verurteilt werde."
„Laß doch gleich, einmal den Inspektor rufen. Und entschuldige mich bei Deinen Gästen, ich habe für heute in der Wirtschaft zu thun/« Damit wandte Paul ferner Frau den Rücken Und ging in sein Zimmer.


