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stark fürwahr den Tod;
fünzig Jahr
Ich war so jung und Und dachte niemals an Ich glaubt', die ersten Hätt's damit keine Not.
einen jungen Menschen, der einmal dem Tode nahe war. Er erholte sich — damals — hinterher aber schrieb er m sein Tagebuch:
getreulich erfüllt, bis zu dem Augenblick, wo er Feder und Schere niederlegte. Turcki seine ganze Wirksamkeit hindurch hatte sich eine gerade, feste Linie gezogen, welche die Treue gegen die Mächte bildete, denen er diente, und diese Linie zog sich noch heute durch sein ganzes Leben, ihr Ende wohl erst in seinem Leichenhemde findend.
Nachdem seine Gattin im verflossenen Winter heimgegangen war, Hatte er im Beginne des Frühjahrs der kleinen spießbürgerlichen Provinzstadt Lebewohl gesagt und seinen Aufenthalt in Ostholmstrop genommen, wo das gemütliche Mietshaus des Schwiegersohnes gerade ledig stand.
Freilich hatte er sich zu Anfang gesträubt, aber Thomas hatte schließlich seinen Willen durchgesetzt. Der Alte fühlte sich auch verhältnismäßig ganz wohl hier außen, wenn man es auch seinem Gesicht nicht ansehen tonnte.. Außer freier Wohnung und Feuerung hatten er und die Tochter mancherlei Vorteile vom Mühlenhofe, was auch höchst notwendig war, da der alte Mann so gut fiu nichts besaß. ' ...
Ten größten Teil seiner Zeit verbrachte er mit der Lektüre der dreißig Jahrgänge seiner Amtszeitung, die gleich einer Reihe von streitbaren Männern mit geraden Rucken in seinem Bücherborde aufgestellt waren. Einige Stunden des Tages vergingen mit der Lösung der sckstvwrigen Schachaufgaben, sowie mit kleinen Besuchen im Muhlenhose und Wanderungen durch den Garten, wo er mit seiner Gießkanne umherhumpelte und aussah, als habe er Lust, ganz Holmstrop unter Wasser zu setzen.
Jeden Augenblick geriet er in der Politik mit seinem Bruder und seinem Schwiegersohn aneinander, aber die.er wußte die Mißstimmung immer gleich wieder zu ver scheu a; en, wohingegen der Bruder stiindenlang schnupfend und redselig dasitzen konnte, ihn mit seinen Lobreden über Oberst Tscherning peinigend, die auf den Redakteur wirkten, tote, der Stich eines neckischen Daumens in die Sette..
| Helene war ernst wie immer. Der fanfte Sinn der Mutter, der für gewöhnliche in der. Stille atmete, der aber in einzelnen verzweifelten Augenblicken in eine unbeveaien- bare Leidenschaftlichkeit umschlagen konnte, hatte tiefe Säuren in ihrem eigenen garenden Sinn hinterlassen. Auch von dem schwerfälligen Blut des Vaters hatte sie etwas geerbt, aber sie verstand es besser als er, sich unter die Macht der Verhältnisse zu beugen. Ihr Leben firmte tig in strenger Uebereinsttmmung mit der Pflichtliste, die ste noch aus der Kindheit her in ihrem Epnern aufgeklebt trug; doch konnte es Zeiten geben, too esLr schwer genug
I wurde, das Gleichgewicht aufrecht zu Hullen, Zeiten, in I denen in ihrem Herzen Angst und schmerzlich verlangeiide
I Unruhe gärten. ,
Elne solche Zeit war jetzt hererngebrochen.
Thomas war daran gewöhnt, daß diese dunkeln Zeiten I kommen konnten; er erinnerte sich ihrer sehr wohl aus I dem zweiten Jahre ihrer Verlobung; aber er tröstete sich damifi daß schon Bewegung in ihr Dasein kommen werde, I menn sie nur erst verheiratet waren, ihr Herrn recht ge- I niMich eingerichtet hatten und vielleicht ein paar 5Rnder I bekamen, die Leben ins Haus bringen wurden. Trauiig I war es freilich, daß sie jetzt — so kurz vor der Hochzeit —। I einen von diesen dummen Nervenanfällen, oder was e>
STÄ st- mch' -st «*«± sängen und Bibelstellen ein wenig aufmuntern kannst.
j hen letzten Jahren hatte die häusliche Geschäftig- I feit eine Decke über ihr inneres Leben gelegt; jetzt aber war es, als erwache ihr religiöser Drang unter neuen
I Formen, als hasche er nach Worten, die zugleich züchtigten Ultb M?Böse war es eine Notwendigkeit geworden, täglich
I eine Weile mit ihr zu reden. Sie war ein eigentümliches Mädchen mürrisch, steif, tief, rätselhaft. Wie sollte er nun
| Tovvelte in ihrem Wesen verstehen, das jte so an- Senk ’S I- ÄRenb fileich m»«-,
I wieder hatte er die Scheu bemerkt, mit der sie fichvon ihm «irückzoa während sie doch in ihrem ganzen Benehmen
1 ^ine aebeinte Teilnahme für ihn durchblicken ließ, die mit Ww* -i»-n “«
I 11,11 & aber Satte er an jenem Tag« im »-lde erlemnt — daß er hier im Hause nicht zur Last fiel, und das stimmte
I iUn beiter machte ihm die Luft auf dem Mühlhofe leicht. 1 h |iie Wochen glitten dahin mit Baden, Pjlanzenunter-
Doch plötzlich lag ich Aermster da. Und mich durchschauerte ein Schreck. Ich fühlte es, der Tod war nah. Doch kam ich glücklich weg.
Noch bin ich jung, treib' Spiel und Scherz, Doch seh' ich einen Sarg mir an. Durchzuckt es gleich mein furchtsam Herz: „Nun kommst auch du bald d'ran!"
Nun, Kiiochenmann, nur zugemacht! I
Ich kenne einen sichern Port.
Ich lernt' etwas in jener Nacht, I
Als ich schon sollte fort.
Eine nagende Unruhe wühlte und kämpfte in ihr I mit einer Gewalt, die ihre Brust heftig auf und ab wogen machte. Endlich, wie von einer unwiderstehlichen Eingebung getrieben, legte sie ihre Hand auf I die seine. , I
„Sie sollen nicht sterben, Böje, Sie dürfen nicht sterben." I
Aber in demselben Augenblick, als sie die Worte ausgesprochen hatte, zog sie auch schon die Hand zurück, I und begann an den Fransen des Sonnenschirms zu I zupfen.
Böje sah sie verwundert an.
„Wissen Sie, was mir fehlt, Fräulein Rabe?"
„Ja, ich weiß es, ich habe einen Brief von Ihrer j Schwester bekommen; sie bat mich, Sie recht zu pflegen, I und das will ich auch gern thun, aber ich glaube gar nicht, I daß es Rückenmarkschwindsucht ist, ich glaube es wirklich I nicht. Sie müssen nur den Mut nicht verlieren."
Zum erstenmal sah sie ihm warm tröstend in die Augen. I
„Wir vermögen selber so viel", begann sie wieder. „Ich I glaube, man kann alles überwinden, wenn man nur selber will, sowohl Krankheit als Mißgeschick. Haben Sie jemals gesehen, wie sich die Möwen draußen am Strande durch | widrige Winde hindurchbohren?"
Nein, er erinnerte sich dessen nicht. I
„Thomas und ich verfolgten einmal eine Möwe sehr I lange, oranßen in der Bucht. Sie zog den Kopf unter die I Federn, streckte den Schnabel gerade aus, schloß die Augen I und steuerte mit aller Gewalt auf die Felsenklippe zu ja. Sie hätten es nur sehen sollen: direkt gegen den Wind an! Wie sie mit den Flügeln ausholte, so sicher und kräftig. Und sie kämpfte sich durch, Schlag auf Schlag. Zuweilen wurde sie müde und warf sich aufs Wasser, dann aber schwang sie sich wieder in die Höhe und begann von neuem. So sollen auch wir all unsere Kraft anspannen und kämpfen, so lange wir vermögen — dann siegen wir auch!"
Ihre Wangen glühten, all die verborgene Kraft ihrer Seele drängte sich in den Ausdruck ihres Gesichts, während gleichzeitig die geballte Hand ihren Worten mit kleinen, festen Schlägen Nachdruck verlieh.
Er sah sie an und war gerade im Begriff, ihre Hand zu ergreifen, als ein durchdringendes „Aha—a!" sie beide auffahren ließ. Sie blickten nach der Seite hin, wo der alte Müller in großen Sprüngen aus. dem Tannendickicht hervorkam und sich einen Weg über einen Haufen welken Laubes bahnte, das! unter den Tritten seiner krummen Beine krachte und knackte.
„Aha—a! Ein kleines Tete-a-tete! Hi, hi, hi!"
„Aber, wie kommen denn Sie hierher?" fragte Böje.
„Ja, da können Sie sehen! Ich hatte es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, daß ich in den Wald wollte, und dann sind wir ja noch jung, lieber Böje! Was ist das, so ein kleines Stück Weges zu springen?"
Nach einer Weile kamen Thomas und der Förster mit dem Korb. _
Während der letzten Jahre, die der Redakteur in der Provinzstadt verbrachte, hatte seine Frau viel gekränkelt. Er selber hatte mit einem Hüftleiden zu thun gehabt, das ihm zur unleidlichen Plage ward, aber er hatte seine Pflicht


