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sie auf.
(Fortsetzung folgt.)
suchen, Lesen und Unterhalten. Es war ein unverkennbarer Fortschritt in seinem ganzen Zustund zu bemerken. Es gab Zeiten, wo es ihn warm mit neuem Mut durchströmte. Und nun hatte er wenigstens zeitweilig einen Lebenszweck gefunden — die Aufrichtung ihres Mutes. Zum erstenmal sah er sich einer Aufgabe gegenubergestellt, die in die tiefsten Lebensverhältnisse eines anderen Menschen eingriff, und er Wlte, daß etwas Gesundes in dem Gedanken lag, von seinem eigenen Ich fortzusehen und sich für andere hinzugeben. Er war so in Anspruch genommen, wie man es nur durch das Nachdenken über ein wichtiges Vorhaben sein kann, und vergaß infolgedessen seinen Rücken und alles und ging mehr und mehr in der Fürsorge für
Der Geiger.
Novellette nach dem Leben von B. He r w i.
Nachdruck verboten.
Ein kühler Septembermorgen war's. Der weihevolle Choral, den die Kurkapelle spielte, tönte weit hinaus über die grünen, blumigen Pläüe, auf denen der Frühtau lag und im kräftigen Sonnenstrahl wie Diamanten glänzte, tönte bis an die waldigen Berge, von denen ein mattes Echo herüberschallte.
Andacht weckte er in den Herzen der Dahinwandelnden, die den heißen Trank der Genesung schlürfen wollten und zu den Quellen eilten. „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren", sang Wohl hier und da leise eine Stimme mit. . . Viele aber schauten erst vergnügt auf, wenn die religiöse Anfangsnummer zu Ende war und muntere Tanzweisen erschallten. Plaudernd und lachend zogen die Leute dahin. — Abgesondert von dem Treiben und Hasten der Menge, auf dem einsamen Wege, nahe am Fluß schritt eine ältere, vornehm aussehende Frau. In tiefe Trauer war sie gekleidet, Müde der Gang, bleiche die Züge. Die Augen — wie umflort — starrten teilnahmlos vor sich hin. . . hin und wieder richtete sie ein freundliches Wort an die junge Begleiterin, die ihr zur Seite ging, meist schwieg sie, von Zeit zu Zeit an dem Becher schlürfend.
Tie Operettenmufik scheuchte sie noch mehr von dem Kurplatz fort. .
„Kommen Sie, Betty", sagte sie mit zuckendem Munde — „ich kann die prickelnde, jauchzende Musik noch nicht hören, es ist meinem wunden Gefühl, als striche eine schmerzende Hand darüber hin. . ."
„Aber Sie sollen sich ein bischen zerstreuen, gnädige Frau, ich habe es unserm Sanitätsrat in die Hand versprechen müssen, dafür zu sorgen. Das ewige Grübeln untergräbt Ihre Gesundheit noch mehr, da können alle heilsamen Wasser der Welt keine Wirkung haben, wenn die Seele sich nicht ein bischen emporrafft . . ."
„Betty, nach dem, was ich verloren! Vor einem kurzen Jahr den Mann, der alles gethan, mir das Leben schön zu gestalten, bald darauf die einzige Tochter, die von Kindheit an elend gewesen, nun den Sohn draußen in der Ferne wissend, im schrecklichen Lande der Willkür der Feinde, von Gefahren bedroht, vielleicht bald ein Opfer derselben, es ist zu viel, was auf mich eingestürmt."
„Gnädige Frau, Herr Manfred folgte so gern dem Ruf seines Königs . . . voll froher Kampfeslust, im Gefühl, einer rechten, guten Sache zu dienen . . . Sie werden bald frohe Nachricht von ihm erhalten, inzwischen dürfen Sie sich nicht so trüben- Gedanken hingeben. . . Gott, wüßte ich nur etwas, was Sie recht zerstreuen könnte! . . . Aber die Zeit ist um, gnädige Frau, ich muß Ihnen wieder einen Becher füllen . . ."
Sorgfältig, liebevoll geleitete das freundliche Mädchen ihre leidende Herrin. . . neue Klänge begrüßten sie am Kurplatz, nicht mehr die leichte, flüssige Melodik der Tanz- weisen, — nein, ernste, schwermütige Töne ...
Frau Mary Jensen blieb stehen nnd lauschte ... „Mein Lieblingslied", flüsterte sie, „Schuberts Am Meer. . ."
Nicht weit vom Orchester setzte sie sich auf eine Bank.
„Wie oft habe ich's gesungen!" sagte sie, in Erinnerungen versunken, wie oft hab ich's gehört . . . von Laien, von Künstlern . . . Sie kennen das Bild des Violinvirtuosen, das in dem silbernen Lyrarahmen in meinem Boudoir steht ... ich habe Ihnen ja von ihm erzählt. Entsinnen Sie
sich, Betty? Fast dreißig Jahre sind es her, da vergötterte ich ihn, den Liebling aller Welt, besonders der Damen . . . ich seh ihn noch vor mir, den stolzen, schönen, gebräunten Janosch Oetvös, . . . wie beneideten sie uns alle, daß er zu uns kam, mit mir musizierte . . . wie spielte er dies Lied! Ohne Klavierbegleitung, nur seiner kleinen Amatigeige die wunderbarste Feinheit, die markigste Kraft entlockend . . . wie jetzt jener dort im Orchester . . . wunderbar. . . wie ähnlich. . ."
Sie horchte gespannt, immer erregter wurden ihre Züge, immer größer die bisher so leblosen Augen . . .
„Mich hat das unglückselige Weib Vergiftet mit ihren Thränen. . ."
Gewaltig klangen und klagten die Saiten, mäuschen- till war es in der Menge umher geworden, jetzt brach ein Hallender Applaus aus, der gar kein Ende zu nehmen chien . . .
Einer erzählte dem andern von denr sonderbaren Musiker, der früher eine Berühmtheit gewesen, jetzt aber seit Jahren fast erblindet war, und nur noch einzelne Stücke aus seiner früheren Laufbahn auswendig spielen konnte . . . Seit Jahren sei er dem Kurorchester einverleibt, dies gerade wäre eins seiner besten, erfolgreichsten. —
„Ich will ihn sehen", sagte die erregte Frau bestimmt, nahm Bettys Arm und zog sie mit sich fort.
Ein Straußscher Walzer sollte folgen. Der Kapellmeister verteilte die Noten. Links von ihm saßen die Geiger vor ihren Pulten, acht bis zehn an der Zahl, junge Leute, würdige Männer, Graubärte . . . forschend sah Frau Mary von einem zum andern ... er mußte sich ja natürlich sehr verändert haben, einmal . . . etwa fünf Jahre nach ihrer Verheiratung hatte sie ihn wieder gehört. . . wieder gesehen und gesprochen... da war es ihr erst klar geworden, wie sie ihn geliebt hatte und was sie ihm gewesen war . . . dann war er in die neue Welt gegangen, sie hatte nichts Sicheres von ihm gehört, ihr eigenes Leben — im Fahrwasser der abwechselungsreichen, befriedigenden Beschäftigung hatte ihr Sinnen und Sorgen beansprucht, jetzt fühlte sie sich einsamer denn je, jetzt erstand die Vergangenheit in neuem Glanze. —
Sie schüttelte den Kopf.
Keiner erinnerte an ihn, an den schlanken, geschmeidigen, braunen Janosch mit den blitzenden Augen und den nervösen, hastigen Geberden... .
Sie faßte sich ein Herz und trat zu einem Musiker heran, der eben die Reinheit der Saiten prüfte.
„Bitte, mein Herr", sagte sie sanft. . . „dies Vwlin- solo war sehr schön, wer von Ihnen hat es gespielt?"
„Ter Oetvös, natürlich der Oetvös, Gnädigste, 's ist halt sein Leib- und Magenstück . . . dort in der Reih' . . . doch nein . . . eben ist er hinausgegangen ... Der da utt Hellen Paletot, mit der Geige im Arm. . . schauen's Gnädige, — den Strauß spielt er halt nimmer gern. . ."
Mary Jensen hörte schon die letzten Worte nicht mehr .... ein flüchtiges „Danke", dann ergriff sie ihre Begleiterin am Arm und riß sie mit sich fort . . . dem hageren, gebückten Manne nach, der langsam das Orchester verlassen und an die Mauer der Kolonnade gedrückt dem Ausgang zuschritt... c -
Jetzt wendete er sich. . . er wurde angerufen, ein Kind wartete auf ihn und ergriff seine Hand . . . dann nahm es den Violinkasten. . . plaudernd gingen sie weiter . . . Tie ihn beobachtende Fran war einen Augenblick tote erstarrt stehen geblieben. Thränen schossen in ihre Augen. Welche furchtbare Veränderimg war mit dem Manne vorgegangen, weiß das spärliche Haar, eingefallen die Zuge, gebückt der Gang, — ein Greis vor der Zeit!
Was mußte er erfahren, mußte er gelitten haben! Sw sprach kein Wort mit Betty, die ängstlich in das erregte Antlitz der erschütterten Frau sah, schweigend folgte sie dem Paar vor sich, in die innere Stadt hinein, in entlegene Straßen, an die Stätte, die von der Pracht und dem Luxus des Weltbades unberührt war.
Vor einem kleinen Hause, das an dem Felsen lehnte, standen sie still ... die Beiden . . - Vater und Tochter zwei andere kleine Mädchen kamen ihnen entgegen, eifrig mit ihm sprechend, ihm die Hand küssend. w
„Seine Kinder!" flüsterte ^rau Mary, „sein Reich tUm<£üt großes weißes Schild war neben der Thür befestigt.


