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Silberbrücke hinüber zu dem in leuchtendem Nebel ver- schwimmenden Festland. Schwarz ragten zum lichterfüllten Himmel die segellosen Masten und Stangen der auf der Reede verankerten Boote. Ter Dampfer, der den Verkehr mit dem Festland vermittelte, lag wie ein schwarzer Block inmitten des flüssigen Glanzes. Und rötlich durch das bleiche Mondlicht brach der regelmäßig wechselnde Strahl des Leuchtturms hoch oben ans dem höchsten Punkt des Dünenstranges, während von den Nachbarinseln rechts und links fernher über die weißschimmernden Wellen- kämme der Brandung die Brüderleuchttürme herüb-er- zwinkerten, jeder in seinem besonderen Licht, ein Geschlecht nimmer schlafender Wächter, die ihre Warnungen mit Flammenschrift hinausstrahlten in die dunkle Wasserwüste: Hüte dich, schmuckes Schiff! Hier droht die Untiefe, dort das Riff! Gefahr rechts! Gefahr links! Und schmal nur die Straße, die zum Hafen führt."

Draußen am Strand peitschte der Nordwest noch immer die Wogen; ihr Rauschen donnerte über die abendstille Insel. Wer an der Wattseite war's ruhig, lauschig. Wie ein schneebedecktes Hochgebirge streckte die Dünenkette ihre phantastisch gezackten weißen Gipfel in den schimmernden Himmel. Willkürlich zerstreut schmiegten sich die Häuschen des Dorfes um ihren Fuß, dunkle Würfel, in deren Fenster­höhlen hie und da ein rötliches Licht glühte. Angepflöckte Kühe und Schafe weideten behaglich das kurze Gras der Wattwiesen. Ihre Gestalten und die Schatten, die sie auf die mondhelle Flüche warfen, verschwamme^ miteinander zu ungeheuerlichen schwarzen Flecken in dem lichten, schleier> artigen Dunst, der über den: Boden zitterte und den Fuß der fernen Dünen wie in einer Wasserfläche Ver­schwimmen ließ.

Zwei junge Menschenkinder standen auf der Wiese, der Bursch, schlank, braungelockt, mit Feueraugen in dem seltsam ernsten Gesicht. Bon des Mädchens krausem Haar war das helle Kopftuch geglitten; es schimmerte silbern wie der Mondstrahl auf dem Wasser, und ihr Gesicht war weiß wie der Gipfel der Dünen, ein eigenartiges Gesicht, wie man's bei griechischen Büsten und Frauen aus dem hohen Norden manchmal findet, schmal und scharf, mit einer Nase, die ohne Einbuchtung an der Stirn ansetzt, mit hochi- gewölbten Brauen und Hellen Augen. Nichts hatte Farbe darin, als der feinlippige Mund.

Den Burschen umspann der Zauber der Sommernacht. Er hatte einen Arm um den Leib des Mädchens gelegt und die Grenzen der Dinge vergessend, baute er sein Glück auf seines Herzens Wünsche, eine Grundlage, so fest wie der Regenbogen, den die Mondstrahlen in den schillernden, zitternden Wasserdnnst um der beiden Füße malten.

Das Mädchen aber schwärmte nicht. Es sah dem Mond gerade in sein leuchtendes Angesicht, und es ver­wirrte ihr nicht den geraden, harten Sinn.

Ich sag' Dir, Wilm, er snackt grauses Zeug/«

Laß ihn snacken, Ebba."

Ja, wenn's man bei's Snacken bleibt."

O, wenn er Ernst macht, dann sagst Du ihm" 'Dann sag' ich nix, Wilm! Gar nix sag' ich dann." Ebba!"

Er funkelte sie an mit seinen strahlenden Augen; aber sie hielt seinen Blick aus.

Lügen und trügen is meine Art nich. Breedens sind reiche Leute, haben 'ne Schalupp und 'n Harrs. Urrd bei Mutter is Geld 'ne rare Ware. Wir wissen nicht ein noch aus. Was soll ich thun?"

Muß ich Dir's sagen? Ich hab' gemeint, Ebba; Du hättest mich lieb."

Sie lachte kurz und trocken auf. Es klang wie ein Schluchzen. Plötzlich warf sie die Arme um den Hals des jungen Menschen und küßte ihn leidenschaftlich.

Warum bist Du nich en riefen Mann as he?" Töw marr zwei, drei Jahre, Ebba. Ich lieg' nich auf der faulen Haut und versteh' mancherlei."

Du verstehst was denn? Möven schießen und Postbot' spielen im Sommer, die Stadtherrens barbieren litt wit'n Harmonika zum Tanz aufspielen. Damit lockst keen Katt achtern Wen weg."

Ebba", sagte d er Bursch leise,wenn Du Niklas Breeden heiratest, geh' ich zu Schiff wie Ohm Hjelm un krieg 's gelbe Fieber wie er. Äeern, Deern! Weetst denn noch ummer nich, dat Di keen Minsch so leev hebben kann as, ik?"

Er preßte sie an sich; sie strich ihm die dunklen Locken aus der Stirn und legte die Finger auf seine Augenlider.

Wien Jong! Mien eenzigste Jong! Wöer ik man 'n Eschenwirt sein Deern, oer Kirsten Marieken, oer sonst een, det malen turnt, Du sollt'st nich fragen, ob ich Dich lieh hab'! Solltest grabbeln bis an den Ellenbogen in meinen blanken Thalern, damit nach den Strandläufern werfen, wenn's Dir gefiele. Ich hätt' meine Freud' dran. Wer ich bin der armen Marinkamöh ihr arme Ebba, un de mutt klook sien, de mutt klook sien!"

Ihm gefiel die Gegenwart so gut, daß er sich den düstern Sorgen um die Zukunft völlig entschlug. Er hatte sich auf einen Sandhügel am Fuß der Dünen gesetzt und wiegte das Mädchen auf den Knieen.

Sonntag is Freitanz beim' Eschenwirt. Da kommst Du. Da tanzen wir mitsammen."

Ja", sagte sie leuchtenden Auges.Du mußt ja zum Tanz aufspielen. Nich mal tanzen kann mau mit Dir."

Doch, Ebba, doch, 's geht umschicht diesmal mit einem aus Norden. Ich hab's nich anders gethan. Sieh,n halben Thaler geht mir damit flöten. Wer ich will ihn nich 's macht mich toll, wenn einer Dich in seine Arme faßt, und ich soll noch dazu aufspielen. Nee, nee! Geld is 'n mojesl Ding und ich weißr auf zu laufen. Wer das Höchste ist es nicht, Ebba, das Höchste nicht!"

Sie schalt nicht über seine Verschwendung. Sie nahm seine Hand und drückte sie an ihre Wangen.

In diesem Angenblick fiel ein Schatten über die beiden und eine spöttische Stimme sagte:Bongschuhr! Dat hev ik drapen. Wilm, Kerl! sühst jo so stündlich ut, as'n Ärm voll junge Satten! Wat heft bi mien Deern herümtosnökern?"

Wilm war aufgesprungen. Eine heftige Erwiderung schwebt auf den Lippen. Ebba zupft ihn verstohlen ängst­lich am Aermel.Halt' dich still!"

Und sie wandte sich zu dem Aufdringlichen.Die» Deern, Jan Jürgens, stecht bi'n Eschenwirt und sprüt't Beer."

Fallt ehr nich in!" lachte Jan.'n Voss? Tat wörp keen Speck vör mien Back."

Soll ich das der roten Trina wiedersagen?"

Ewig still, ik hev en Deern. Man von de schall en attner sien Pfoten wol af laten. De mt da mang spülen*) will, den slag ik de Knaken to Mus. Wokeen ment is, magr anrüken, as Kaspar an'n Suurkohl."

Dabei sah er mit schiefem Blick aus Wilm Hansen, dem die Adern auf der Stirn schwollen, nnd der kaum noch an sich hielt. Aber Ebbas Finger zupften noch immer schmeichelnd an seinem Aermel.

Halt' dich still! Halt' dich still!"

Ein Gedanke stieg in ihm aus. Er drückte die zitternde Hand und lächelte.

Ebba sah Jan Jürgens an mit furchlosem, hartem Blick.Un as een nich na dien Piep danzen wull, dennl wardst'm wol't Ohr afbiten as den Schipper up de Hoodener! Kirmeß, he?"

Ah, meenst, ick scheer mt wat üm acht Tag Hast? Ik hev nüms**) so god slapen könnt as ittt Emdener Ge-i fangenhuus."

Wer ans Hängen gewöhnt is, dem juckt der Hals! nich mehr", sagte das Mädchen mit zorniger Verachtung.^

Jan Jürgens lachte. Er war ein breitschultriger Ge­sell, Schiffer von Gewerbe. In seinem wetterbrauuen Gesicht erschien das hellblonde Schnurrbärtchen beinahe weiß, übrigens ein hübscher Bursch, dem die Mädchen allerorten nachliefen.

Wilm", sagte er plötzlich grob,weetst ivat? Nit schund af! Heest Breef herüm to dragen. Flink! Flink! Se luurett all! Schuuv af, segg ik, schuuv af! Mien Brut bruukt so'n Landratt hier nich"

Tien Brut!" fuhr Ebba auf.Zu Pfingsten auf dem Eise bin ich deine Braut. Ich wollt viel lieber in die See gehen. Die Braut von einem, der noch mal gehängt wird!

Meenst? Ik segg di, Wicht, mi frijest oder keen! Ten Knüppel up'n Kopp flag ik jeden Keerl, de di frijen will."

Mien Katt Heft versupt***), wil ik se di uich ntz't

*) spuken pfuschen.

**) nirgends.

***) ersäuft.