Ausgabe 
19.2.1902
 
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frie Stunde nahe, welche die Lösung ihres Argwohns bringen mußte. Laut wiederholte fte ihre Bitte um Ein­laß mit dem Zusatz, daß Feodor sie schicke. Nun erschloß Mera die Thüre. Verstört blickte sie Clarita ins Gesicht; ihre unsteten Augen hatten einen seltsamen Ausdruck, ihre Lippen waren fahl und blutlos, sie bebten unter den heftig hervorgestoßenen Worten:Es ist gut, daß Sie kommen, Mademoiselle, ich bedarf des Trostes. Es verzehrt mich eine entsetzliche Angst! Glauben Sie mein Kind werde sterben?"

Sie hatte rasch, fieberhaft gesprochen, ebenso wieder­holte sie:Giebt es keine Rettung mehr? Jst's Wahrheit, daß mein Kind,, mein Sohn sterben wird?"

Ich fürchte es", antwortete Clarita aufrichtig.

Mera umfaßte Claritas Handgelenk in krampfhafter Bewegung.Lud Sie Sie sprechen mit ihm von seinem Tode! Erzählen ihm von einem Himmel, einer Ewigkeit!"

Warum sollte ich das nicht, da er es wünschte?"

Gellend lachte Wer«.Sie Thörin! Glauben Sie denn selbst an eine Auferstehung? an ein Leben nach dem Tode? an die vergeltende Gerechtigkeit eines Gottes im Jenseits?"

Worte und Fragen übersprudelten sich. Verwirrt hastete dabei der Sprechenden scheuer Blick auf Clarita, doch ehe diese nur antworten konnte, ließ jene deren fast wundgepreßtes Handgelenk los, und stöhnte, auf einen Sessel niedersinkend:Ja, ja, es giebt eine Gerechtigkeit Gottes ich sehe sie sie hat mich ereilt! Glauben Sie, Fromme, daß dieselbe sich noch versöhnen läßt? Daß mir Gott mein Kind läßt, wenn ich meine Schuld sühne?"

Tas müssen Sie jedenfalls thun!" erwiderte Clarita rasch und entschieden.Je reumütiger Sie dabei handeln, je eher werden Sie Gottes Erbarmen herabrufen". Tas unselige Weib schauderte: der Boden schien ihr unter den Füßen zu wanken- Hastig irrte ihr Auge umher,. plötzlich stierte es entsetzt nach einer Richtung, abwehrend streckte sie beide Hände dagegen aus, indes sie wimmerte: O, dieser Schatten! Dieser entsetzliche Schatten Wladi­mirs, wie er mich verfolgt! und doch selbst wenn Geister drohen ich kann, kann mein Verbrechen nicht bekennen."

So will ich es Ihnen nennen!" rief Claritas vi­brierende StimmeSie haben Wladimir Ornatofs er­mordet!"

Nein, nein", wehrte Wera wildich that es nicht er that es selbst, er nahm sich das Leben- Nun will ich Ihnen alles erzählen. Hören Sie: Wladimir nahm sich das Leben infolge eines amerikanischen Duells- Nach demselben mußte er binnen Jahresfrist sterben, und diese Frist war wenige Tage, nachdem er durch den Tod seines Vaters zu reichem Erbe gelangt war, um- Nie­mandem hat der düstere, melancholische Mensch seine Ab­sicht verraten, selbst seinem Bruder nicht, durch den er eine Vereitelung seines Vorhabens befürchtete. Er be­kannte dies in ein paar Zeilen, die er kurz vor der un­seligen That niederschrieb und an Alexis richtete, den er bat, ihm heftige Worte zu vergeben und in dem Besitze des reichen Erbes, das ihn zum Bärin von Ornatoffsko mache, glücklich zu sein. Feodors war mit keiner Silbe erwähnt. Er existierte für den finsteren Wladimir gar nicht. Das war's, was die bösen Geister zuerst in mir wach rief in jener schrecklichen Nacht, da ich:, zu Feodor gehend, durch die Nachtstille das Röcheln des Sterbenden hörte. Ich fand ihn, den Bestgehaßten, eben verschieden, vom Divan halb zur Erde niedergeglitten; nebenan auf dem Tisch lag der offene Brief im vollen Licht der Lampe. Mein Blick fiel darauf, meine Augen verschlangen den Inhalt des Blattes, und während ich las, kam mir jäh der Gedanke, wie leicht es sein würde, den Brief an mich zu nehmen, den Verdacht auf Alexis zu lenken und somit meinen Sohn zum alleinigen Erben, zum Bärin von Orna- toffsko zu machen. Den: Gedanken folgte die That. Es war alles das Werk eines Augenblicks. Ehe auf meine Hilferufe die Menschen herbeieilten, war der Brief ver­schwunden und mein Gewissen beschwichtigt durch den Hin­weis, wie jene aufklärenden Zeilen sich immer noch ge­schickt würden zum Vorschein bringen lassen, falls meine Berechnung auf Schwierigkeiten stoßen sollte. Solche gab es indes keine; ohne jegliches Zuthun lenkte sich zuerst durch das spanische Stilet, was Wladimir aus dem Zimmer

seines Bruders mitgenommen haben mochte, der Verdacht auf diesen. Andere Umstände sprachen gleichzeitig dafür, und Alexis tolle Flucht bestätigte denselben vollends. Bis zu diesem Augenblick ist mir jene unbegreiflich geblieben. Indes damals hoffte ich heiß: sie möchte ihm gelingen. Alles, was ich wünschte, war, ihn landesverwiesen, seines Erbes verlustig erklärt zu sehen. Aber es kam anders."

Wieder schauderte Wera, die bisher ohne Unterbrechung in fieberhafter Hast gesprochen hatte. Sie bebte an allen Gliedern, unterdes sie gleich hastig wiederholte:Ja es kam anders; Mexis wurde ergriffen und einem raschen Urteil entsprechend, in die Verbannung geschickt. Ich wandte mich fürbittweise an meine hohe Gönnerin bei Hofe. Man hielt mir zu Gefallen das Urteil der Oeffentlichkeit fern, Alexis aber verschwand in den Bergwerken Sibiriens."

Und Sie Sie ließen das geschehen? einen Unschul­digen solch grauenhafter Strafe verfallen?" brach aber jetzt Clarita voll gerechten Zornes aus. Hochaufgerichtet stand sie vor der unter ihrer Gewissensqual Erbebenden; ihre Augen blitzten, das vernichtende Wort verstummte jedoch auf ihren Lippen. Nun die Stunde der Abrechnung ge­kommen war, siegte in ihrem Herzen das Mitleid mit der Schuldigen, die wenig mehr der einst so stolzen Wera, der hochfahrenden Intrigantin glich; nichts war sie mehr, als ein gedemütigtes, ein gebrochenes Weib, das gleich David ausrusen konnte:Meine Missethat hat mein Haupt überstiegen, gleich einer schweren Bürde lastet sie auf mir.: Mein Herz ist in Verwirrung, meine Kraft hat mich ver­lassen. Elend bin ich geworden und niedergebeugt."

Gewiß, ihre stolze Kraft hatte Wera völlig verlassen; sie war verwirrt und elend. Auf Claritas Ausruf stöhnte sie nur leise:Ja, ich that das Unmenschliche, lud die schreckliche Schuld auf mich. Für Feodor that ich's, um seinetwillen! Und nun nimmt mir Gott meinen Sohn! Was hat er, was bleibt ihm von all den Gütern? Hin!-, siechen muß er, wie Alexis in Sibiriens Eisbergen."i

Doch Clarita unterbrach energisch die Klage:Augen­blicklich müssen Sie Schritte zu Alexis Befreiung thun.: Feodors Gedanke ist trefflich. Die Zariza kann hier helfen.: Sie haben Verbindungen bei Hofe. Bitten Sie unverzüg­lich um eine Audienz, und dann bekennen Sie der Kaiserin Ihre ganze Schuld!"

Nimmermehr!" lächelte Wera wie wahnsinnig auf. Wo denken Sie hin, Sie Thörin! Ich sollte mich bem; Zorn der Zariza aussetzen! Sie wissen nicht, was das heißt!"

Ah! Sie fürchten sich? entgegnete Clarita verächtlich. Wie erbärmlich! Haben Sie den Mut gehabt, die furcht­bare Schuld auf sich zu laden, so haben Sie auch den Mut, sie zu sühnen." , ,

Ich kann, kann nicht", flehte die Unglückliche.Ich will nicht von meinem Knaben getrennt werden. O! Sie sind eine Fremde, Sie wissen nichts von dunklen Kloster­mauern in russischer Einöde."

Seien Sie nicht thöricht, Wera!" drängte aber Clarita! ernst.Ihre russische Einöde ist fern. Sie sind in Deutsch-: land. Fassen Sie also den Mut, ihr Bekenntnis muß ab­gelegt werden."

Nein", klang es wimmernd,ich kann mich dem Zorne der Kaiserin nicht aussetzen."

Gut so werde ich für Sie zu derselben gehen. Ver­schaffen Sie mir nur unverzüglich die Audienz, zu der Sie mir Ihr schriftliches Bekenntnis, wie Wladimirs Bries mitgeben. Das Uebrige teile ich selbst der hohen Dame mit."

Cie wollten das thun und meiner schonen?"

Soviel ich kann; aber zagen Sie doch nicht so; hier in Deutschland wird die Kaiserin ihren Aufenthalt gestatten. Sie haben einzig Rußland fern zu bleiben, wohin Sie die Rückkehr wohl ohnedies nicht wünschen können."

Frau Wera seufzte tief; sie schwankte noch, aber Cla- rita war fest. Ihr energischer Wille siegte, das ge­brochene Weib beugte sich darunter.Ja", flüsterte es heiser, Feodor wird sterben, so ich es nicht tyue ich muß mein Unrecht gut machen. Helfen Sie mir, Clarita!"

Wie gern half sie, sofort dies Werk der Sühne zu be­ginnen. Sie duldete kein Zögern, und erst als Wera völlig mit ihrem schriftlichen Bekenntnis beschäftigt war, schlich sie zu Feodor zurück. Wachend lag er auf seinem Schmerzenslager, die barmherzige Schwester kniete betend daneben. Der Knabe liebte das, es that ihm wohl, be-