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„Dieser Raub aber hatte einen Mord zur Folge", warf Sempach ein.
„Nun, warum sollte denn Minna nicht ihre Herrin ermordet haben, nachdem sie sie ausgeraubt hatte?"
„Ganz einfach, mein Lieber, weil sie nicht die Kraft dazu gehabt hätte. Tu kennst sie nicht persönlich. Deine Schwester und ich, — wir kennen sie. Ich besonders- Sie ist von kleiner Gestalt, schwächlich —"
„Wer vielleicht stark und sehnig."
„Mag sein. Aber Frau von Sanden war viel größer, viel stärker als sie, und auf alle Fälle ebenso sehnig. Sie hätte sich nicht so leicht überwältigen lassen. Tann hätte man auch bei ihr die 20 000 Mark finden müssen. Wo hätte sie sie denn hingegeben? Seit dem Tage des Verbrechens spielt sie die Kranke und verläßt nicht ihr Zimmer."
„Hat man denn ihr Zimmer durchsucht?"
„Von unten bis oben. EZ war dies eine Genugthuung, die sich der Polizeikommissar selber verschaffte. In dieser ganzen Geschichte hat er mir große Sympathie erwiesen, und ich habe Grund anzunehmen, daß er auch heute noch nicht von meiner Schuld überzeugt ist."
„Und er hat nichts gefunden?"
„Nichts? weder im Koffer noch in der Matratze noch in den Nachbarzimmern, in denen er auch eine Durchsuchung vorgenommen hatte. Sei somit ganz versichert, daß Minna einen Mitschuldigen hat, — natürlich immer vorausgesetzt, daß wir an ihre Schuld glauben."
42. Kapitel.
..... Nach einem kurzen Schweigen begann Bertha von neuem:
„Ich bin derselben Ueberzeugung wie unser Freund, daß dieses Stubenmädchen, wenn sie bei dem Verbrechen überhaupt die Hand im Spiele hatte, dasselbe nicht allein vollbracht hat, und ich bin um so mehr geneigt, es zu glauben, als die Existenz eines Mitschuldigen den Schlüssel zu so manchem Unaufgeklärten bieten könnte."
„Lassen Sie hören, meine liebe Bertha," sagte Herr von Sempach.
„Es erklärt dann das Eintreten jener Person in das Haus um 10 Uhr nachts, die Ihnen derart ähnlich sah, daß sogar die Hortiersleute und ein Zeuge mit Namen Keßler, glaube ich, jenen Unbekannten mit Ihnen verwechseln konnten. Es wäre dann ganz sicher erwiesen, daß Minna, um die Gerichte irre zu führen, um sie von der einen Seite abzubringen, und sie auf die andere Spur hinzulenken, jenem Individuum über Sie, über Ihre Haltung und Art sich zu kleiden wichtige Angaben gemacht hat, und diese Person auf Grund jener Angaben bestrebt war, Ihnen zu gleichen."
„Das ist alles sehr richtig. Wer wer ist dieses Individuum? Wo sollen wir es suchen? Wo finden?"
„Könnte nns darin nicht die Polizei helfen?" fragte Georg.
„Tie Polizei!" fiel rasch Sempach dem Maler ins Wort. „Sie steht im Tienste der Justiz, die mir augen- blrcklich nicht wohjl will. Vergeßt es ja nicht- Ich bin weder einer Schuld überführt, noch abgeurteilt, sondern immer noch Angeklagter. Der Untersuchungsrichter und dre Anklagekammer haben sich bereits gegen mich «usge- sprochen. Warum willst Tu, daß sie mir nun helfen sollten, oas zu lösen, was sie selbst geknüpft haben, — daß die Staatsanwaltschaft mir Waffen gegen sich selbst und gegen den Untersuchungsrichter einhändigt, den sie ernannt hat? Mache Dir nur keine Illusionen darüber: mir wird keine Hilfe gewährt werden. Ich darf bloß auf mich allein rechnen und auf Euch, meine lieben Frennde. Wer werden zielen""ch V°r bem "och irgendwelchen Erfolg er-
„Wird er bald beginnen?"
„Alles läßt mich's vermuten. — Seht nur, wie rasch man schon bis jetzt vorgegangen ist. Manche Untersuchungen zrehen sich drei Monate, sechs Monate und noch leiten"$tnau$' hängt ab von tausenderlei Kleinig--
,Mso", warf Bertha ein, „werden wir so viel wie gar keine Zeit haben."
. . "AAUeicht, wenn wir rasch handeln, ,— aber nur wir selber."
(Fortsetzung folgt.)
Das Märchen von der Sehnsucht?)
(Nachdruck verboten.)
„Dein Thee wird kalt", meinte Delten.
„Richtig, ja . . ."
Eie nippte von der Tasse und stellte sie dann auf das Tischchen.
„Das ist alles, was Du nimmst?"
„Nun kommt das Märchen", antwortete sie ausweichend mit kindlichem Lächeln, und wieder fing sie die Lichtstrahlen auf, ein Spiel damit treibend, bis ihr die Augen schmerzten . . .
„Warum erzählst Du nicht?"
Mit leisem Summen slog etwas Lurchs Zimmer.
Iduna schnellte empor.
„Eine Fliege . . . Julius, jetzt eine Fliege .... oh, sie fliegt zur Lampe, da, da. . . jetzt hat sie sich bte Flügel verbrannt, Julius, so hilsi ihr doch, das arme Tierchen . . ."
In tollem Tanz schlug die halbverstümmelte Fliege wieder ans Lampenglas, kläglich, verzweifelnd klang ihr Summen.
„So hilf ihr doch", wiederholte Iduna immer wieder.
Delten versuchte vergebens, die Fliege einzufangen sie verstummte plötzlich, und die Lampe blakte auf.
„Nun ist sie tot" sagte Iduna in seltsam ernstem Ton, gar nicht, als ob es sich um eine armselige Fliege handelte.
Delten lächelte leise, überlegen, plötzlich wieder der ernste ruhige Mann, wie er stets Iduna gegenüber gewesen. Er schob das Tischchen zur Seite, und setzte sich auf den Bettrand. Idunas Hände lagen weiß und schlank aus der dunkelblauen Bettdecke.
„Du verlangtest nach einem Märchen — das war ein Märchen", sagte er leise und strich zärtlich, behutsam über die feinen, weißen Hände.
Sie sah ihn an mit ihren großen, erstaunten Ansen.
„Das ein Märchen?"
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, Julius, mag's Dir auch kindisch erscheinen, aber ich kann nicht lachen darüber. Du weiht nicht, welche Qual es mir stets bereitet, im Sommer bte Falter und Fliegen zu sehen, wie sie abends dem sicheren Tode entgegenflattern. Als Kind habe ich oft geweint und ge- schrieen dabei und wurde gescholten; dann nahm ich mich zusammen, wollte es nicht zeigen, wie sehr mich dieses Massensterben jammerte, aber so ganz unempfindlich bin ich nie geworden. Was zieht sie hin zu dem Licht, was zwingt sie zu Tausenden in den sicheren, grausame» Tod?!"
„Was sie zwingt? Die Sehnsucht — — —"
Und da sie ihn verständnislos ansah, ganz blaß üötzlich in ihrem heimlichen Erschrecken, da neigte er ich über ihre Hände, daß er sie fast mit seinen schmalen, trengen Lippen berührte, und fragte leise:
Willst Du es hören, das Märchen von der Sehnsucht?" „Es ist traurig", warf Iduna scheu ein.
„Es gießt auch traurige Märchen ..
„Erzähle", bat sie.
Und nun hielt sie seine Hand mit den ihren fest, gleichsam ein Kind, das sich im Dunklen vor dem Ammenmärchen fürchtet, und sich anklammert.
Delten richtete sich auf, dann erzählte er, ohne Iduna anzusehen, die Augen in die dunklere Ecke des Zimmers gerichtet, als spräche er zu sich selbst:
„Ein japanisches Märchen ist es und ganz kurz. Es war einmal eine Blume, eine wunderbare, seltsame Blume. So schön und dnftig, so blätterreich und farbenduftig war sie, daß alle Schmetterlinge und Falter, alle beflügelten Käfer und Fliegen von heftigster Liebe zu ihr erfaßt wurden und sich um ihre Gunst bewarben. Wer die Blume war stolz und spröde, und mit hartem Nein beantwortete sie alles summende Liebeswerben um sie herum. Diese Zurückhaltung entflammte die Glut ihrer geflügelten Anbeter immer heftiger, und da sie sich nicht mehr retten konnte vor den rasend Verliebten, die nun in sie drangen, ich für einen von ihnen zu entscheiden, um endlich die
*) Aus Olga Wohlbrück's demnächst erscheinenden neuen Roman „Iduna, eine Sehnsuchtsge- chichte". Verlag von Hermann Seemann Nachfolger in Leipzig. Preis drosch. Mk. 3, geb. Mk. 4.


