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Laßt mich die Untersuchung leiten. Ich weiß jetzt, wie man dabei vorgeht", bemerkte er mit einem traurigen Lächeln. „Ich babe jetzt Erfahrung in diesen Dingen."
„Beginnen Sie", sagte Bertha aufmerksam.
„Vor allem andern: sind genügende Motive vorhanden, um Minna nicht schon in Verdacht zu haben — denn einstweilen sind wir noch nicht bei dem Verdacht — sondern um ihr vorderhand bloß zu mißtrauen?"
„Gewiß, deren sind schon genug vorhanden", sagte Georg.
„Und welche sind das?"
„Wir haben sie schon, als ich Dich das erste Mal besucht habe, aufgezählt."
„Wiederhole« wir sie von neuem. Es ist dies unbedingt notwendig."
Er unterbrach sich, um etwas uachzudenken, und seine Gedanken zu sammeln, und begann:
„Die besagte Kammerjungfer, in unseren Augen die Angeklagte, bringt gegen mich mehrere unbedingt übertriebene Anklagen und Anschuldigungen vor. Sie behauptet, ich hätte mit ihrer Herrin lebhafte Austritte gehabt. Nichts ist erlogener wie das. Ihr wißt es selbst, ich komme üuperst selten in Zorn, und man könnte mir im gewöhnlichen Leben viel eher Kälte vorwerfen. — Weiter sagte ste, ich hätte ihrer Herrin gedroht, und sie hätte mir wieder gedroht, sich an mir zu rächen. Wieder eine Lüge. Frau von Sauden hat vielleicht unter unserem Bruch gelitten, ja. — Ich muß Euch alles sagen, und ich bitte Euch im Voraus um Verzeihung für das, was ich Euch sagen werde. — Ja, sie wemte und flehte mich an, aber sie hat. Mir niemals gedroht. Daun, was den Hemdknopf betrifft, brauchen wir nicht mehr darüber zu reden. Wir hatten diesen Punkt schon vorgenommen, und der ist überführend." '
.. »Um so überführender", bemerkte Bertha, „als wir berechtigt sind, zu glauben, Minna hätte das Juwel, so wie Sie es ihr befohlen haben, gesucht und auch wirklich gefunden und hat es dann aufbewahrt und sich dessen Water bedient, um Sie ins Verderben zu stürzen, indem ste es vor oder nach dem Verbrechen in die Mitte des Salons warf."
„Dieser Gedanke ist mir auch schon gekommen. Wir werden noch darauf zurückkommen. Doch jetzt für den Augenblick laßt uns nicht so rasch vorgehen. — Das sind also mehrere unzweifelhaft feststehende, erwiesene Lügen. Mit den durch den Zufall gegebenen Anzeichen verbunden, verursachen sie mir den größten Schaden. — Wozu alle diese Lügen? Es ist wichtig, die Ursachen hier- ffir zu finden."
„Das ist es", rief Bertha. „Sie sind wahrhaftig der reme Untersuchungsrichter, Sie lieber, armer Freund."
„Hat diese Minna", begann Franz von Sempach vo r Keuem, „persönliche Gründe, mir zu grollen? — In unterer letzten Unterredung — Du erinnerst Dich doch, Georg? — hatten wir diesen Punkt schon berührt, ohne uns dabei auszuhalten. Verfolgen wir diese Frage. Welche Gründe Ahrite sie haben? Ich bin zwar niemals vertraulich mit Dienstboten, aber ich bin immer höflich, in manchen Fällen auch freigebig. - Mein alter Wilhelm liebt mich abgöttisch. Ist es mcht wahr?"
„O, wenn Sie wüßten, wie unglücklich er ist!"
„Habe ich vielleicht jemals versucht", fuhr Sempach kort, „ihre Herrin zu überreden, sie zu entlassen? Niemals. Ich fand sie zwar für ein Dienstmädchen zu hübsch, und ich mochte ihr ganzes Wesen nicht leiden. Es lag in ihr ost so etwas Geheimnisvolles, was mich manchmal tn Erstaunen versetzte. Aber ich legte dem weiter keine Wich- Agten bei, und wenn ich wirklich gegenüber Frau von Sanden einige Bemerkungen über ihre Kammerjungfer
fallen lassen, so hat sie es ihr doch sicher nicht wiederholt." *■
' hatte sie keinen Groll gegen Dich", sagte Georg,
fe — „falls nicht —" a/
„Was?"
"$aIP ich Acht einen Groll ganz eigener Art hatte." >,Was meinst Du damit?"
„Nun, weil--"
Er hielt inne und warf einen Blick auf seine Schwester.
Sre verstand sofort und sagte, zu Georg gewendet:
„Sprich nur, Georg. Hier darf Dich keine Rücksicht Livoern zu sprechen."
„Nun denn", fuhr Georg fort, „wenn sich z. B. diese Mmna iung und hübsch, wie Du sagst, vielleicht auch liebebedurstig und leidenschaftlich, in den einzigen Marn den sie zu Gesicht bekam, den sie alle Tage bei ihrer Herrin sah, verliebt hatte — ? Solche Dinge sollen alle Tage vorkommen, sagt man."
„Selten", sagte Franz mit einem Lächeln. „Und dann mußte man auch so etwas bemerken. Und niemals hat mich ein Blick, ein Wort von Minna vermuten lasser —"
„Ein Grund mehr, Dir übel zu wollen, wenn Tu gefühllos und gleichgiltig gegen Zugeständnisse gewesen bist, die Du nicht gesehen hast, und die sie — vielleicht — für sehr deutlich hielt. Ein derart verkanntes Weih rächt sich manchmal."
„Nein, nein, Du irrst, ich versichere Dich! Ich will ia gar nicht behaupten, daß das Mädchen in Wirklichkeit io zurückhaltend war, als sie sich gab. Ich habe sie vielleicht einmal in Verdacht gehabt — wenn ich gerade eines Tages Zeit gehabt hatte, an sie zu denken — daß fte, weil sie so wenig auskam, im oder außer Haus irgend einen besseren Freund gehabt hat. Aber ich war dessen rn keiner Weise sicher; aber dessen bin ich sicher, daß sie niemals an Deinen Freund gedacht hat."
„Gut denn! Ich bestehe nicht weiter darauf."
Franz verließ seinen Platz und trat zu Bertha und Georg Rakenius.
„Wenn also erwiesen ist," fuhr er fort, „daß sie keinen persönlichen Groll gegen mich hegen konnte, so hatte sie doch eine persönliche Wsicht, mußte sie doch ein wichtiges Interesse daran haben, den Versuch zu machen, mich zu belasten, mich zu vernichteil, uiederträchttge Lügen über mich zu erfinden, trotz ihrer Gegeneide. Was für ein Interesse könnte das fein? Das muß man suchen."
„Suchen ist in dem Falle so viel wie finden", bemerkte Bertha. „Ihr Interesse, wenn man dies gelten läßt, ist ja in die Augen springend: Sie will Sie, den Unschuldigen, beschuldigen, um den Schuldigen zu retten."
„Ganz entschieden, und ich freue mich, liebes Kindchen, daß wir gemeinsam und gleichzeitig zu demselben Resultat gelangt sind."
„Das wundert mich gar nicht", murmelte Bertha.
Sempach nahm den Faden wieder aus:
„Dieser Gedanke, der mir anfangs sehr unklar erschien und den ich zuerst entschieden von mir gestoßen hatte, hat sich spater immer wieder in mein Hirn gedrängt, besonders als ich erfahren, daß es diese Minna war, die Sie auf die Fährte eines Verwandten der Frau von Sanden, die überhaupt gar keine Verwandten besessen, eines imaginären Münser, schicken wollte."
„In welcher Wsicht, glauben Sie, hat sie das gethan?"
„Das ist sehr einfach. Aus Ihrer Unterredung mit ihr ließen Sie das Interesse erraten, das Sie für mich hegen — die Freundschaft, die uns verbindet. Sie erschienen ihr gefährlich. Sie sagte sich: „Wenn die zu suchen anfängt und nach einer anderen Richtung hin zu forschen beginnt, ist es nicht unmöglich, daß sie die Wahrheit entdeckt. Deshalb schickte sie Sie nach dem Elsaß, recht weit weg von Berlin, um einerseits inzwischen die Untersuchung zu Ende kommen zu lassen, was ja faktisch auch eingetreten ist, und andererseits besonders, um sich Ihrer Person zu entledigen."
„Das ist alles sehr richtig kalkuliert", sagte Bertha, deren Züge allmählich ihre Traurigkeit ablegten, „ilnd wir haben einen großen Schritt vorwärts gethan."
„Vielleicht. Wer uns bleibt «och so und so viel anderes zu thnn, meine lieben Freunde. Wir sind noch weit davon entfernt, den Schuldigen zu haben. Wir glauben bloß, die Person entdeckt zu haben, die den Schuldigen kennen könnte."
„Das ist richtig. Und diese Person ist so geschickt, so raffiniert, sie spielt so geschickt Komödie, daß sie sich so leicht Nicht verraten wird."
Georg hörte seit einer kurzen Weile stillschweigend zu. Plötzlich sagte er:
„Wozu sucht Ihr noch einen anderen Schuldigen als dieses Mädchen selbst? Für uns, leider für uns allein war der Raub das alleinige Motiv zum Morde. Eins Summe von 20 000 Mark, die in einem Schreibtisch des Salons eingeschlossen war, ist verschwunden. Konnte diese Summe Nicht Minna beiseite geschafft haben?"


